Was soll das heißen, otrovertiert, ich? Im Internet geblättert und: Otrovertiert bedeutet weder introvertiert noch extrovertiert zu sein, sondern irgendwie anders. Die Extrovertierten (korrekt: Extravertierte) lieben den Austausch mit anderen Personen, ja, sie leben von der sozialen Anregung und wirken gesellig. Sie überzeugen ihre Mitmenschen, offen und herzlich zu sein, können sich gut durchsetzen und sind typischen falls Führungsnaturen. In Gruppen kann es extrovertierten Menschen schwerfallen, sich zurückzunehmen und andere zu Wort kommen zu lassen. Die Introvertierten hingegen wollen lieber allein sein. Dabei müssen sie durchaus nicht als schüchtern gelten, ja, sie können nach außen hin freundlich wirken, sehnen sich aber weit weniger nach sozialem Austausch als die Extrovertierten. So auch neigen Introvertierte dazu, anstrengende Diskussionen zu vermeiden und lieber nachzugeben. Wie schön für die jeweils herrschende Kaste! Mit Blick auf Deutschland mag man den Eindruck haben, mittlerweile sei das ganze Volk introvertiert, daher auch so herrlich leicht handhabbar. Alles klar? Natürlich nicht!
Anders als all die Anderen, und politisch unbequem
So viele Menschen es gibt, so unterschiedlich sind sie in Hinblick auf das Verhalten anderen Menschen gegenüber. Die Zuordnung zu jeweils einem der beiden Persönlichkeitstypen, den Intro- und den Extrovertierten, ist oft ausgesprochen problematisch. Auch für Fachleute. Gar nicht so selten kommt dabei ein „Weder/Noch“ heraus. Der New Yorker Psychiater Rami Kaminski hat darüber besonders intensiv nachgedacht und einen dritten Persönlichkeitstyp vorgeschlagen, den der Otrovertierten. Das Wort „otro“ bedeutet im Spanischen so viel wie „anders“, „vert“ im Latein „Richtung“. Kaminski hat den Betroffenen ein Buch an die Hand gegeben: Wie schön es ist, nicht dazugehören zu müssen – Buch zu Otroversion.
Kaminskis Buch erläutert den Betroffenen, welche Vorteile sie genießen und welchen Herausforderungen sie gegenüberstehen. Während Introvertierte ihre Energie eher aus Ruhe und Alleinsein schöpfen, Extrovertierte hingegen durch Interaktion mit Anderen belebt werden, überhaupt durch äußere Reize, sollen Otrovertierte weder unter Isolation leiden noch sonderlich durch soziale Gruppen zu beeinflussen sein. Sie können gut allein leben und tendieren schon dadurch zur Autonomie. Auch wird ihnen eine besondere Kreativität nachgesagt, einfach weil sie nicht das Gefühl haben, sich an Konventionen anlehnen zu müssen. Mithin seien die Otrovertierten keine „geborenen Teamplayer“ und weit eher Beobachter als engagierte Teilnehmer. Nicht Herdendenken zeichne sie aus, sondern selbstständiges Nachsinnen – die grundsätzlich Andersdenkenden also. So auch wären otrovertierte Menschen, anders als Introvertierte, Konventionen abhold, was sie oft besonders kreativ mache. Und politisch unbequem!
„Die“ Wissenschaft weiß so gut wie nichts
So einleuchtend die Argumente für den dritten Persönlichkeitstyp, den der Otrovertierten, sein mögen, wissenschaftlich sind sie alle noch ungesichert. In der Fachliteratur finden sich hierzu weder empirische noch theoretische Erörterungen. Auch weltweit nicht. Überhaupt fehlen belastbare Studien. Allerdings besitzt der Begriff einen gewissen Charme, auch einen heuristischen Wert, indem er die Andersartigkeit und das Spannungsverhältnis zwischen Individualität und Gruppenzugehörigkeit anspricht. Das Nachdenken über das Konzept der Otrovertiertheit könnte vielen helfen, den Bezug zum eigenen sozialen Gefüge besser zu verstehen. Doch ist Vorsicht geboten, denn ohne theoretische Fundierung und empirische Evidenz bleibt Otrovertiertheit ein bislang nicht zureichend validierter Begriff (Stangl, W.,
https://lexikon.stangl.eu).
Wo eigentlich befindet sich die Schaltzentrale für die verschiedenen Persönlichkeitstypen? Da hierbei Gefühle eine große Rolle spielen, ist ihr „Sitz“ womöglich im Herzen? Zwar sprechen wir von Herzlichkeit und versichern Hinterbliebenen unsere herzliche Anteilnahme, das Herz aber ist lediglich eine Blutpumpe. Und, im Nebenjob, der Produktionsort für das atriale natriuretische Hormon, das den Salz- und Wasserhaushalt zu regulieren hilft. Selbst wenn es in der Brust richtig wehtut und ein Herzinfarkt droht, dann wird das Schmerzgefühl im Gehirn erzeugt. Andererseits kommt das Herz beziehungsweise die Herzgegend als Projektionsort von seelischen Gefühlen in Frage. Den Schmerz bei einer Enttäuschung mögen wir dort spüren, Ähnliches wenn da etwas vor Freude zu hüpfen scheint. Allerdings eben ist das nach dem Austausch mit einem fremden oder einem Kunstherzen nicht anders. Wo dann also sind solcherart Gefühle zuhause? Nicht im Bauch, auch nicht im Unterleib, nein, im Gehirn, und zwar ausschließlich im Gehirn!
Wenn schon Gehirn, wo dort?
So sehr man bisher auch suchte, nichts von der Art eines Zentrums für die Persönlichkeitseigenschaften wurde im Gehirn gefunden. Geschweige denn so etwas wie eine präsidiale Nervenzelle, die hierfür zuständig wäre. Allerdings gibt es so einiges an Funktionszentren im Gehirn, aber immer nur für einfachere Aufgaben. Je komplexer eine Hirnfunktion ist, umso weniger kommt ein begrenzbarer Ort in Frage. Geschweige denn ein punktueller. Die bunten Hirnkarten, die sich mit speziellen bildgebenden Verfahren (funktionelle MRT, Brain Imaging) erzeugen lassen, machen zwar den Eindruck, als handele es sich hierbei jeweils um farbig abgrenzbare Funktionsbezirke. Doch täuscht dieser Eindruck. Jeder Bildpunkt besteht aus zig oder aus hunderten und gar aus tausenden verschiedenartigen Nervenzellen und aus noch weit vielfältigeren Verbindungsbahnen und funktionellen Kontaktstellen, Synapsen genannt. Eine ins Einzelne gehende Analyse wäre wünschenswert, übersteigt aber bei weitem nicht nur die praktischen Möglichkeiten, sondern auch die theoretischen. Und das in aller Ewigkeit wegen der „überastronomisch“ hohen Komplexität. Die Anzahl der Kombinationsmöglichkeiten der etwa 100 Milliarden Nervenzellen in unserem Gehirn lässt sich auf 10 hoch 1 Million schätzen, die der Teilchen in dem für uns wahrnehmbaren All auf „nur“ 10 hoch 80 (Es geht auch ohne uns. KOMPAKT Zeitung, 1. Ausgabe April, S. 10/11). Aussichtslos ist der Versuch, bei etwas derart Komplexem wie den Persönlichkeitseigenschaften begrenzbare Funktionsstrukturen im Gehirn zu finden. Einzig die sogenannten Lokalisationisten glauben so was. Sie ähneln damit Bibelforschern, allerdings mit weit geringeren Erfolgsaussichten.
Das Wissbare hat Grenzen, die zu akzeptieren wir lernen müssen. Ist das schlimm? Diese Frage sollte sich jeder selbst beantworten. Der Wissenserwerb und das daraus schöpfbare Können hat der Menschheit ungeheure Vorteile gebracht, ja, jedem Einzelnen von uns. Aber eben auch Probleme und missliche Zustände, an die vordem nicht zu denken war. Mit Bezug auf eine Manipulation des Gehirns ist heute schon einiges möglich, zum Glück nur in medizinischer Hinsicht und das auch nur sehr grob. Man stelle sich vor, Politikern würden entsprechende Möglichkeiten in die Hand gelegt! Aber wer kennt schon die Zukunft?