Römers Reich: Das linke & das rechte Hirn

Vergessen Sie Kant und Rousseau! Die Aufklärung war gestern, heute kommt der Scanner. Wenn wir den gesellschaftlichen Zusammenhalt retten wollen, brauchen wir keine moralischen Debatten oder Argumente. Wir brauchen einfach mehr graue Zellen im anterioren singulären Kortex. So einfach ist das, glaubt man der Politikwissenschaftlerin Liya Yu, die in ihrem Buch „Hirn statt Moral“ die Neuropolitik als neuesten Schrei der Gesellschaftsreparatur präsentiert.
 
Die These ist bestechend schlicht: Wer links und liberal wählt, hat an den richtigen Stellen im Hirn ordentlich Masse. Wer konservativ oder rechts wählt, leidet unter einem Mangel an Kortex-Polsterung, gepaart mit einer überdimensionierten Amygdala, die bei jedem Schatten in der S-Bahn Alarm schlägt. Das Gehirn als politisches Organ – ein biologistischer Traum, der die alte Leib-Seele-Debatte vom Labortisch fegt.
 
Die Implikationen dieser neurologischen Phrenologie sind faszinierend. Wenn Gesinnung letztlich eine Frage der Gehirnmasse ist, ist die Wahlurne ein Anachronismus. Warum Stimmen auszählen, wenn man Wähler durch den Tomografen schieben könnte? „Zeig mir deinen Kortex, und ich sag dir, wen du wählst.“ Der neue Übermensch wird nicht durch Bildung geformt, sondern durch Gehirnjogging. Und hier wird es gruselig. Wenn das Hirn eine fehlerhafte Maschine ist, die der modernen Welt hinterherhinkt, muss man an den Schrauben drehen. Yu schlägt ein Training der für Liberalisierung zuständigen Hirnregionen vor. Antiliberale Affekte sollen „ausgemerzt“ werden. Da klingeln sämtliche historischen Alarmglocken. Der Mensch als manipulierbare Biomasse, dessen politische Einstellung durch neurologische Konditionierung optimiert wird. Schöne neue Welt, in der der Obdachlose durch „multiple Kategorisierung“ im Hirn vom Paria zum Marathonläufer umprogrammiert wird.
 
Auch die Linke bekommt ihr Fett weg. Sie moralisiere zu viel, anstatt die „kognitive Realität“ – die evolutionär bedingte Angst vor dem Fremden – anzuerkennen. Die Lösung? Nicht Aufklärung, sondern gezielt andere Hirnregionen stärken. Ein bisschen neuronales Stretching da, und schon klappt es mit dem Nachbarn.
 
Man muss diese reduktionistische Sichtweise für ihre Flachheit fast bewundern. Sie degradiert den Menschen zur Maschine, deren moralische Autonomie auf die Dicke einer Hirnregion reduziert wird. Die Idee, dass der Mensch sich aus seiner Unmündigkeit befreien kann, wird geopfert. Es entsteht die Utopie eines neuro-optimierten Übermenschen, der nicht denkt, sondern neuro-korrekt funktioniert.
 
Hoffentlich hält diese Neuropolitik nicht bald Einzug in die Parteiprogramme. Sonst heißt es im Wahlkampf bald „Für einen dicken Kortex“. Bis dahin trinke ich lieber noch einen Kaffee – soll ja gut fürs Gehirn sein.
 
Axel Römer

Nr. 307 vom 06. Juli 2026, Seite 02

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