Der unersättliche Leviathan

Ein kritischer Blick auf 120 Jahre Einkommensteuer und Staatsausgaben in Deutschland

 

von Thomas Wischnewski

Wer heute auf seinen Gehaltszettel blickt, sieht oft nur noch die Hälfte dessen, was der Arbeitgeber brutto überweist. Steuern, Abgaben, Sozialversicherungsbeiträge – der moderne deutsche Staat greift tief in die Taschen seiner Bürger. Doch das war nicht immer so. Ein Blick in die Geschichte seit dem Jahr 1900 offenbart eine bemerkenswerte Metamorphose: Aus dem schlanken „Nachtwächterstaat“ des Kaiserreichs ist ein gigantischer Umverteilungsapparat geworden. Die Staatsquote, also der Anteil der Staatsausgaben an der gesamten Wirtschaftsleistung, hat sich in diesem Zeitraum beinahe verdreifacht. Parallel dazu entwickelte sich die Einkommensteuer von einer elitären Abgabe für Reiche zur Massensteuer, die heute die wichtigste Einnahmequelle des Bundes darstellt. Wie konnte es dazu kommen? Welche verborgenen Mechanismen treiben dieses Wachstum unaufhaltsam an? Und was bedeutet das für die Zukunft?
 
Der moderne Steuerstaat
 
Um das Jahr 1900 finanzierte sich das Deutsche Reich vor allem durch Zölle und Verbrauchssteuern sowie durch Beiträge der Bundesstaaten, die sogenannten Matrikularbeiträge. Direkte Steuern, wie die Einkommensteuer, waren Ländersache. In Preußen beispielsweise gab es seit 1891 einen progressiven Tarif, doch der Höchststeuersatz lag bei bescheidenen vier Prozent und betraf nur die absoluten Spitzenverdiener. Die Staatsquote des gesamten Reiches lag bei rund 17 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Der Staat kümmerte sich um Justiz, Militär und Infrastruktur, hielt sich aber aus dem Wirtschaftsleben und der sozialen Sicherung weitgehend heraus.
 
Der Erste Weltkrieg änderte alles. Die enormen Kosten der Kriegsführung ließen die Staatsausgaben explodieren. Nach der Niederlage 1918 stand das Reich vor dem finanziellen Ruin. Reparationsforderungen und eine gigantische Schuldenlast zwangen die junge Weimarer Republik zu drastischen Maßnahmen. Unter Finanzminister Matthias Erzberger wurde 1919/1920 die weitreichendste Finanzreform der deutschen Geschichte durchgesetzt. Das Reich zog die Finanzhoheit an sich und führte eine einheitliche, stark progressive Reichseinkommensteuer ein. Der Eingangssteuersatz lag nun bei 10 Prozent, der Spitzensteuersatz erreichte schwindelerregende 60 Prozent. Die Einkommensteuer war geboren – und mit ihr der moderne Steuerstaat.
 
Kriege als Katalysatoren
 
Die Geschichte der Staatsausgaben ist eng mit den Katastrophen des 20. Jahrhunderts verknüpft. Der britische Ökonom Alan Peacock und sein Kollege Jack Wiseman formulierten die These, dass Kriege und Krisen die Staatsausgaben sprunghaft ansteigen lassen. Nach der Krise sinken die Ausgaben zwar wieder, fallen aber nie auf das Vorkrisenniveau zurück – ein Phänomen, das als „Displacement Effect“ (Verschiebungseffekt) bekannt ist.
 
Die deutschen Daten bestätigen diese These eindrucksvoll. Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Währungsreform 1948 lag die Staatsquote in der jungen Bundesrepublik bereits bei über 27 Prozent. Die Alliierten hatten den Spitzensteuersatz zeitweise auf konfiskatorische 95 Prozent angehoben, um Kriegsgewinne abzuschöpfen und die Macht der Eliten zu brechen. Erst in den 1950er Jahren, unter Finanzminister Fritz Schäffer und später im Rahmen der großen Steuerreform von 1958, wurden die Sätze wieder auf ein erträgliches Maß gesenkt. Der Spitzensteuersatz pendelte sich bei 53 Prozent ein, der Eingangssatz bei 20 Prozent.
 
Warum der Staat weiter wächst
 
Dass die Staatsquote nach den Weltkriegen nicht wieder auf das Niveau des Kaiserreichs zurückfiel, ist kein historischer Zufall. Die Finanzwissenschaft kennt mehrere Erklärungsansätze für dieses scheinbar unaufhaltsame Wachstum, die in Deutschland besonders stark wirken.
 
Bereits 1863 formulierte der preußische Ökonom Adolph Wagner das „Gesetz der wachsenden Staatsausgaben“. Er erkannte, dass mit fortschreitender Industrialisierung und steigendem Wohlstand die Gesellschaft komplexer wird. Die Bürger verlangen nach mehr Sicherheit, besserer Infrastruktur und vor allem nach „Kultur- und Wohlfahrtszwecken“ wie Bildung und Gesundheit. Der Staat wächst demnach nicht nur absolut, sondern überproportional zur Wirtschaftsleistung.
 
Ein zweiter, oft übersehener Faktor ist die sogenannte „Baumolsche Kostenkrankheit“. Der US-Ökonom William Baumol zeigte 1967, dass in personalintensiven Dienstleistungssektoren – wie Bildung, Pflege, Polizei und Verwaltung – die Produktivität kaum gesteigert werden kann. Ein Streichquartett spielt heute nicht schneller als vor 200 Jahren. Da die Löhne im Staatsdienst aber mit der hochproduktiven Industrie mithalten müssen, verteuern sich staatliche Leistungen relativ zur restlichen Wirtschaft. Der Staat muss also immer mehr Geld ausgeben, nur um das gleiche Leistungsniveau aufrechtzuerhalten.
 
Der Ausbau des Sozialstaates
 
Das Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit bescherte dem Staat sprudelnde Steuereinnahmen. Doch anstatt die Bürger zu entlasten, begann in den späten 1960er und 1970er Jahren ein beispielloser Ausbau des Sozialstaates. Unter der sozialliberalen Koalition stieg die Staatsquote rasant an und durchbrach 1975 erstmals die 50-Prozent-Marke. Bildung, Gesundheit, Rente – der Staat übernahm immer mehr Aufgaben.  Heute ist der Sozialstaat der mit Abstand größte Treiber der Staatsausgaben. Die Sozialleistungsquote lag 2024 bei 31,2 Prozent des BIP, was einem Sozialbudget von gigantischen 1.345 Milliarden Euro entspricht. Die Pro-Kopf-Sozialausgaben des Bundes haben sich seit 1992 inflationsbereinigt nahezu verdoppelt.
 
Dieser Trend wird durch den demografischen Wandel massiv verschärft. Während um 1900 auf 100 Personen im erwerbsfähigen Alter nur etwa acht Personen über 65 Jahre kamen, sind es heute fast 38. Die umlagefinanzierten Sozialversicherungen geraten unter enormen Druck. Schon heute muss der Bundeszuschuss zur Rente rund ein Viertel des gesamten Bundeshaushalts decken – Tendenz stark steigend.
 
Progression und Schattenetats
 
Gleichzeitig litt der Mittelstand jahrzehntelang unter der kalten Progression. Der sogenannte „Mittelstandsbauch“ im Steuertarif führte dazu, dass schon bei durchschnittlichen Einkommen der Grenzsteuersatz steil anstieg. Wer sich durch harte Arbeit ein wenig Wohlstand aufbauen wollte, wurde vom Fiskus hart bestraft. Erst die Tarifreform 1990 unter Finanzminister Theo Waigel beseitigte diesen Buckel und führte einen linear-progressiven Tarif ein.
 
Doch die kalte Progression wirkt als heimliche Steuererhöhung weiter. Da die Eckwerte des Steuertarifs nicht automatisch an die Inflation angepasst werden, führt jede nominale Lohnerhöhung zu einer höheren Durchschnittsbelastung, selbst wenn die reale Kaufkraft nicht steigt. Dies beschert dem Staat jährlich Milliarden an Mehreinnahmen, ohne dass Politiker unpopuläre Steuererhöhungen beschließen müssten.
 
Die Public-Choice-Theorie, geprägt von Ökonomen wie James Buchanan, nennt dieses Phänomen „fiskalische Illusion“. Politiker neigen dazu, die wahren Kosten des Staates zu verschleiern. Sichtbare Steuern wie die Einkommensteuer werden gesenkt, während unsichtbare Lasten wie Sozialabgaben, Verbrauchssteuern oder Schulden steigen.
 
Krisen des 21. Jahrhunderts
 
Die Deutsche Einheit 1990 war ein historischer Glücksfall, aber auch ein finanzieller Kraftakt. Die Transferleistungen in den Osten ließen die Staatsquote 1995 auf fast 55 Prozent hochschnellen. Zur Finanzierung wurde der Solidaritätszuschlag eingeführt, der sich als erstaunlich langlebig erweisen sollte. Um die Jahrtausendwende versuchte die rot-grüne Bundesregierung unter Gerhard Schröder, den Staat wieder schlanker zu machen. Die Agenda 2010 und weitreichende Steuerreformen senkten den Spitzensteuersatz bis 2005 auf historische 42 Prozent, den Eingangssatz auf 15 Prozent. Die Staatsquote sank vorübergehend auf rund 45 Prozent. Doch die Entspannung war nur von kurzer Dauer. Die Finanzkrise 2008, die Euro-Rettung, die Flüchtlingskrise und schließlich die Corona-Pandemie 2020 ließen den Staat wieder massiv intervenieren. Die Staatsquote schoss 2020 auf über 51 Prozent. Um die enormen Ausgaben zu finanzieren, greift der Staat zunehmend auf Schattenhaushalte und Sondervermögen zurück, die die wahre Verschuldung verschleiern. Die 2009 eingeführte Schuldenbremse wird faktisch durch dreistellige Milliardenbeträge in Nebenhaushalten umgangen, wie das Sondervermögen Bundeswehr (100 Mrd. Euro) oder geplante Infrastrukturfonds zeigen.
 
Rekordausgaben und Lücken
 
Ein Blick auf die jüngsten Daten aus den Jahren 2025 und 2026 zeigt schonungslos: Die historische Entwicklung verschärft sich weiter. Die 169. Steuerschätzung vom Oktober 2025 prognostiziert für das Jahr 2026 gesamtstaatliche Steuereinnahmen von über einer Billion Euro (1.016,5 Mrd. Euro). Trotz dieser Rekordeinnahmen wächst der Bundeshaushalt noch schneller. Für 2026 sind Ausgaben von 524,5 Milliarden Euro vorgesehen – ein Anstieg um 6,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr, während das nominale Wirtschaftswachstum nur auf 3,9 Prozent geschätzt wird.
 
Die Treiber dieser Entwicklung sind eindeutig identifizierbar: Soziales und Verteidigung. Der Etat für Arbeit und Soziales bleibt mit 197,4 Milliarden Euro im Jahr 2026 der mit Abstand größte Posten. Gleichzeitig greift der Peacock-Wiseman-Verschiebungseffekt in Folge des Ukraine-Krieges mit voller Wucht: Die Ausgaben für Verteidigung und Sicherheit im Kernhaushalt steigen 2026 auf 82,7 Milliarden Euro und sollen bis 2029 auf 144,4 Milliarden Euro anwachsen – eine Verdreifachung gegenüber 2024. Hinzu kommen 25,5 Milliarden Euro aus dem Sondervermögen Bundeswehr.
 
Um diese gigantischen Summen zu finanzieren, hat die Politik im März 2025 die wohl tiefgreifendste finanzpolitische Wende seit Einführung der Schuldenbremse vollzogen. Neben einer Bereichsausnahme für Verteidigungsausgaben wurde das 500 Milliarden Euro schwere „Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität“ (SVIK) beschlossen. Die gesamte Neuverschuldung des Bundes beläuft sich 2026 inklusive dieser Schattenhaushalte auf rund 180 Milliarden Euro. Der deutsche Schuldenstand klettert 2025 auf 2,8 Billionen Euro.
 
Trotz dieser massiven Kreditaufnahme klafft im Finanzplan des Bundes für die Jahre 2027 bis 2029 eine ungedeckte Lücke (Globale Minderausgabe) von bis zu 74 Milliarden Euro jährlich. Bundesfinanzminister Lars Klingbeil kündigte bei der Haushaltseinbringung bereits „harte Entscheidungen“ an. Die jüngste Steuerschätzung vom Mai 2026, die die Einnahmeerwartungen aufgrund schwächerer Wachstumsaussichten wieder um 17,8 Milliarden Euro nach unten korrigierte, verschärft diesen Druck zusätzlich.
 
Der Staat als Selbstzweck?
 
Die Betrachtung der letzten 120 Jahre zeigt eine klare Tendenz: Der Staat wächst unaufhaltsam. Jede Krise wird als Rechtfertigung genutzt, um neue Kompetenzen an sich zu ziehen und die Ausgaben zu erhöhen. Die Einkommensteuer, einst als Reichensteuer konzipiert, belastet heute die breite Mitte der Gesellschaft massiv. Zwar liegt der Spitzensteuersatz mit 42 Prozent (bzw. 45 Prozent Reichensteuer) deutlich unter den historischen Höchstwerten der 1970er Jahre, doch er greift heute viel früher.
 
Der deutsche Staat hat ein Ausgabenproblem, kein Einnahmenproblem. Die Steuereinnahmen eilen von Rekord zu Rekord, doch die Begehrlichkeiten der Politik wachsen noch schneller, getrieben von demografischen Zwängen, der Baumolschen Kostenkrankheit und dem politischen Anreiz, Wohltaten auf Pump zu verteilen. Die aktuellen Zahlen für 2025 und 2026 belegen, dass sich dieser Trend nicht abschwächt, sondern durch neue Schattenhaushalte und explodierende Verteidigungskosten weiter beschleunigt. Es ist an der Zeit, die Rolle des Staates kritisch zu hinterfragen. Ein Staat, der fast die Hälfte der Wirtschaftsleistung für sich beansprucht, droht die Eigenverantwortung und Innovationskraft seiner Bürger zu ersticken. Der Leviathan muss auf Diät gesetzt werden, bevor er die Grundlagen des Wohlstands verschlingt, von denen er sich ernährt.

Nr. 307 vom 06. Juli 2026, Seite 04

Veranstaltungen im mach|werk

Edit Template

Über uns

KOMPAKT MEDIA als Printmedium mit über 30.000 Exemplaren sowie Magazinen, Büchern, Kalendern, Online-Seiten und Social Media. Monatlich erreichen wir mit unseren verbreiteten Inhalten in den zweimal pro Monat erscheinenden Zeitungen sowie mit der Reichweite unserer Internet-Kanäle mehr als 420.000 Nutzer.