Was die Fifa kann, das können wir schon lange. Schienen sich die deutschen TV-Anstalten im Vorfeld der Fußball-WM gesagt zu haben. Egal nun, ob öffentlich-rechtlich oder privat. Wenn es schon ein Mammut-Event sein soll, dann halten wir eben mit einem XXL-Aufgebot an sogenannten Experten allemal dagegen. Und tatsächlich, derart viele kompetente (oder selbsternannte) Fachleute gab es nie zuvor in der Geschichte der bewegten Bilder. Nimmt man die Kolonnen an Kommentatoren und Moderatoren hinzu (die jeweils eigenen TV-Schiedsrichter-Experten nicht zu vergessen), kommt schnell eine Zahl jenseits des halben Hunderts heraus. Und sie senden auf Teufel komm raus…
Was fällt dem Zuschauer „draußen an den Bildschirmen“ – wie es in einer jahrzehntealten, verschrobenen Sequenz zuweilen immer noch heißt – nach nunmehr nahezu vier Wochen auf? Hier eine kleine (natürlich rein subjektive) Zwischenbilanz.
Erster Eindruck: Das Experten-Wesen, es entwickelt sich. Ein Satz, der anknüpft an einen einst von Manfred Krug vorgetragenen Text („Das Flugwesen, es entwickelt sich”) des sowjetischen Satirikers Michail Soschtschenko. In der DDR besaß er Kultstatus.
Zweiter Eindruck: Ohne Experten – gut zu erkennen daran, dass sie fast ausnahmslos weiße Sneaker tragen – geht gar nichts mehr. Wie sonst auch sollen die in der Regel Stunden währenden Vor- und Nachberichte gefüllt werden? Und so bekam es eben auch Bundestrainer Julian Nagelsmann mit Leuten zu tun, die viel reden, wenn der Fußballtag lang ist.
Dritter (und wichtigster Eindruck): Das Experten-Wesen ist dabei, ein mediales Eigenleben zu entwickeln. Übertrieben gesagt, es kommt nicht mehr so sehr darauf an, was auf dem Rasen wirklich passiert, sondern wie es von den Fachleuten interpretiert wird. Medienwissenschaftler sehen das seit Jahren durchaus kritisch. „Man kann schon verstehen, dass manch einem Zuschauer die Sendungen wie eine Invasion der Experten vorkommen“, so Christoph Bertling von der Deutschen Sporthochschule in Köln. Der Experte, eine invasive Art, könnte man hinzufügen. Die Sender wiederum haben da naturgemäß eine andere Sicht der Dinge. Bei einer WM oder EM, so argumentieren sie, schauen nicht nur die Vielseher zu, es schalten auch Frauen und Männer ein, die Fußball sonst nicht so beschäftigt. Für sie müsse „vertieft“ und „erklärt“ werden.
„Die Sender erhoffen sich mehr Glaubwürdigkeit durch vermeintliches Expertenwissen und mehr Nähe zum Sport durch Insider-Informationen – und damit auch höhere Einschaltquoten“, sagt Medien- und Kommunikationswissenschaftlerin Jana Wiske. Die Professorin der Hochschule Ansbach sieht das ausufernde Expertentum durchaus problematisch. „Die aktuelle Masse an Experten verwässert nicht nur wichtige Kernaussagen einzelner, durchaus starker Experten wie Almuth Schult, Christoph Kramer oder Per Mertesacker, sondern sorgt auch dafür, dass der Sportjournalist seiner Basisaufgabe, einzuordnen und zu bewerten, nur in Teilen gerecht wird, weil er zu vielen anderen das Wort überlässt.“
Bei allem Disput, eines sollte nicht übersehen werden: Das Expertentum, es wird nicht schlecht honoriert. Das „Augen auf bei der Beschäftigungswahl“ lohnt sich also schon. Natürlich gibt es unterschiedliche Gehaltsklassen. Je erfolgreicher ein Fußballer in seiner Profikarriere war und je bekannter sein Name ist, umso mehr verdient er. Obwohl belastbare Zahlen kaum vorliegen, gilt es als ein offenes Geheimnis, dass Spitzenleute wie Lothar Matthäus oder Bastian Schweinsteiger pro Einsatz (!) 10.000 bis 25.000 Euro erhalten sollen.
Zurück zu 2026. Sicher sind noch nicht alle Trends dieser WM erkennbar, aber dieser schon: dass noch einmal unfassbar viel mehr gesendet, geredet und in mediale Häppchen gestückelt wird als bei vergangenen Turnieren. So dass man diesmal nicht nur das Gefühl haben kann, dass das Experten-Wesen ein mediales Eigenleben entwickelt hat. „Es gibt Expertentische, die so lang sind wie Ersatzbänke“, merkt die „FAZ“ dazu an. „Es gibt in manchen Medien ein eigenes Genre der Berichterstattung über das, was die Experten und Expertinnen am Mikrofon zusammenstückeln. Eine, die offenbar mindestens genauso gut klicken muss wie jene über das, was die Spieler auf dem Platz zusammenkicken.“
In manchen Momenten aber kann noch ein anderer Eindruck gewonnen werden: dass sich das Experten-Wesen vom eigentlichen Turnier-Wesen regelrecht abgekoppelt hat. So dass der, der vor dem Bildschirm sitzt, das Gefühl hat, dass sich zwei Realitäten begegnen, die eher miteinander kollidieren als korrespondieren. Exemplarisch dafür mag die Kontroverse stehen, die sich zu Turnierbeginn an Äußerungen des Experten Jürgen Klopp über den Bundestrainer entzündete. Die berühmte „Noch“-Debatte. „Noch“, so Klopp, der sich dafür später entschuldigte, stelle Nagelsmann die Mannschaft auf. Die Realität hat ihn inzwischen eingeholt. Gerade bei den Privaten scheint sich immer mehr der Drang durchzusetzen, Frohsinn zu schaffen, die Unterhaltungsschiene zu bedienen und unbedingt witzig sein zu wollen. Man könnte es auch schärfer sagen wie die „FAZ“: „Das Prinzip der medialen Vorführung unter dem Deckmantel des Humors.“
Zu Zeiten von Reporter-Vätern wie Rudi Michel, Heribert Faßbender („’n Abend allerseits“) oder Gerd Rubenbauer war an mediale Einflüsterer an der Seitenlinie noch wenig zu denken. So richtig los ging es um die Jahrtausendwende mit dem Duo Netzer&Delling. Sozusagen die Ur-Väter, die sich vor dem Mikro kabbelten und den fußballerischen Spaßfaktor hoffähig machten – nicht zu verwechseln mit dem übertriebenen Klamauk von heute. Beide erhielten dafür den Grimme-Preis und den „Medienpreis für Sprachkultur“. Es geht also.
Tja, mögen sich viele dieser Tage fragen, wie sollen es denn Spieler (und natürlich Zuschauer) nun mit dem Rat der Experten halten. Vielleicht so, wie es Werder-Trainerin Fritzy Kromp, im ZDF selbst in einem solchen „Rat der Götter“ sitzend, so schön ausdrückte: „Wenig uns Experten zuhören.“