Bitte nicht noch glücklicher!

Ayahuasca ist ein halluzinogener Pflanzensud aus dem Amazonasbecken, der traditionell von indigenen Völkern für spirituelle Rituale und Heilungen verwendet wird. Aufgrund seiner starken psychoaktiven Wirkung und der gesundheitlichen Risiken ist in Deutschland und vielen anderen Ländern der Genuss des Rauschmittels streng illegal.

Ein Appell, der vornehmlich an die Politiker gerichtet scheint. Denn kaum ein Parteiprogramm gibt es, in dem es nicht um das Glück „der Menschen“ geht. Alle sollen glücklich werden. Und noch glücklicher. Auf Glück hofft ein jeder. Man wünscht es seinen Kindern, der ganzen Familie, der Partnerin, dem Partner, dem Freund, kurzum: allen. Auf Geburtstagspostkarten ist der Glückwunsch bereits vorgedruckt. Glück sogar für jene, die im Sterben liegen? – Absurd! Doch heißt es von so manchem Sterbenden, er habe in den letzten Minuten so etwas wie einen Glücksrausch erfahren. Viele, die dem Tod nahe waren, ihm aber noch entkommen konnten, meinen, wunderbar sei es gewesen, dieses Glücksgefühl. Manche der Todeskandidaten beklagen sich, dass man sie zurückgeholt habe, denn sie hätten dabei das größte Glück ihres Lebens zerstört!

 

Glücklich zu sein, wie geht das eigentlich?

 

Tja, wo genau tickt es in uns, wenn wir glücklich sind? Im Herzen? Das Herz kann gegen ein künstliches Herz ausgetauscht werden, das Glücksgefühl aber bleibt, wo es schon immer zuhause war: in unserem Gehirn. Dort sorgt ein Gebiet für das Glücksgefühl, das „Belohnungssystem“ genannt wird. Die zugehörigen Strukturen erstrecken sich vom Mittelhirn bis in die Tiefen des Großhirns und erfreuen uns tief innerlich, wenn wir etwas leisten oder von anderer Seite her etwas erfahren, das wir als angenehm, als gut und richtig empfinden (KOMPAKT 10.8.25, S. 8-9). Das Gegenteil sorgt für Missbehagen, und auch dafür gibt es systemhafte Strukturen in unserem Gehirn. Viele Untersuchungen wurden hierzu gemacht, und sie alle enden im Ungefähren. Gefunden wurden für das Glücksgefühl zuständige Botenstoffe, bestimmte Hormone zum Beispiel, sogenannte „Glückshormone“. Gern nennt man so auch Substanzen, die über Synapsen zwischen den Nervenzellen vermitteln, Transmitter also. Auch dann, wenn die einen wie die anderen noch für ganz andere Funktionen zuständig sind, ja sogar für gegenteilige. Einer dieser „Glücksstoffe“ ist das N, N-Dimethyltryptamin, kurz: DMT. Drei Buchstaben für einen Stoff, der glücklich macht. Zumindest unter anderem.

 

Das DMT kommt tatsächlich in unserem Gehirn vor, wenn auch nur in Spuren. Ob es dort auch hergestellt wird, ist noch fraglich. Nur zwei Stoffwechselschritte sind nötig, um aus der Aminosäure Tryptophan dieses Dimethyltryptamin herzustellen. Entscheidend dafür ist das Enzym Indoethylamin-N-Methyltransferase, und das findet sich tatsächlich im Gehirn, aber auch in der Lunge, in den Nebennieren und der Schilddrüse. Wozu überhaupt, ist die Frage, die heute noch niemand befriedigend beantworten kann. Das US-amerikanische Journal PubMed, das weltweit Fachartikel biomedizinischer Art zitiert, weist über eintausend Veröffentlichungen nach, die in irgendeiner Beziehung zu Dimethyltryptamin stehen. Gedacht wird an die Signalübertragung zwischen Zellen, auch zwischen Nervenzellen, sowie an eine Schutzreaktion bei Stress. Mit der Beweisbarkeit aber liegt es immer noch im Argen.

 

Ein körpereigenes Psychedelikum?

 

DMT zu rauchen oder über Dampf zu inhalieren ist Sache von fragwürdigen Psycho-Abenteurern. Es wirkt dann nur über eine in Minuten zu messende Zeit. Viele berichten von einem veränderten Ich-Gefühl, von tiefgreifenden neuartigen Sehweisen und von einem vordem so nicht gekannten Glücksgefühl. Aber auch von Angst, ja, von panikartigen Zuständen. Orientierungsschwierigkeiten kommen auf, die Unfallgefahr steigt. Offenbar spielt die psychische Veranlagung eine Rolle. Die einen reagieren bei ein und derselben DMT-Menge moderat, die anderen extrem.

 

Von bestimmten Stämmen der Amazonasbevölkerung sind sogenannte Ayahuasca-Zeremonien bekannt, bei denen ein Sud aus Pflanzen eingenommen wird, der stark DMT-haltig ist. Genutzt wird dazu die Liane Banisteriopsis caapi und das Rötegewächs (die Kaffeesträucher gehören dazu) Psychotria viridis. In rituellen Zeremonien sollen damit Geister und Ahnen anzutreffen sein und sonstige spirituelle Erfahrungen erwirkt werden. Dazu gehört, in die Zukunft zu blicken und Heilwege für Krankheiten und psychosoziale Konflikte zu finden. Von der Amazonasregion hat sich die die Ayahuasca-Tradition über ganz Süd- und Mittelamerika ausgebreitet, mittlerweile über die halbe Welt.

 

Kultur und Politik setzen Grenzen

 

Seit den 1990er Jahren entwickelte sich ein regelrechter Ayahuascatourismus. In den USA und in Europa entstanden „Heilungszentren“, in denen sich importierte vermeintlich oder tatsächlich authentische Schamanen in rituellen Zeremonien bemühen, die Anwesenden per Ayahuasca-Sud in einen veränderten Bewusstseinszustand zu lotsen. Regelmäßig berichten die Teilnehmer von überwältigenden Erfahrungen. Intensive Glücksgefühle gehören dazu, psychische Blockaden wären gelöst worden, und die Angst vor dem Sterben würde genommen. Aber auch Erbrechen, Durchfall oder Schweißausbrüche können bei Einnahme des Ayahuasca-Suds auftreten. Zudem Gleichgewichtsstörungen und Schwindel. Auch von Angstzuständen wird berichtet, von gequältem Schreien um Vergebung, überhaupt von bislang nicht gekannten psychotischen Zuständen. Menschen, die derartige Vorerfahrungen haben oder in deren Verwandtschaft solcherart Störungen vorkommen, wird von Erfahrungen mit Ayahuasca dringend abgeraten. Sogar von (angeblichen?) Todesfällen wird berichtet.

 

Dem Gebrauch von Ayahuasca wie überhaupt von DMT-Präparaten liegt mithin eine große Unsicherheit zu Grunde. Sie spiegelt sich in der Gesetzgebung der einzelnen Staaten wider. DMT – in welcherart Präparation auch immer – ist im Betäubungsmittelgesetz Deutschlands als nicht verkehrsfähig aufgeführt, weshalb Besitz, Erwerb und Umgang strafbar sind. Andere Länder, andere Sitten. Selbstredend kann es hierbei nur um größere Mengen bzw. höhere Konzentrationen gehen. Sonst wäre ja – wie paradox! – bereits der Umgang mit anderen Menschen oder gar der mit sich selbst strafbar. Die hier wirkenden DMT-Konzentrationen sind halt zu gering.

 

Auch im Tier- und Pflanzenreich findet man DMT. Bei den mit uns verwandten Tieren allerdings nur in sehr geringen Konzentrationen. Dafür muss die Evolution gesorgt haben, andernfalls würde bei überschäumend positiver Gefühlslage der Antrieb leiden, sich zweckmäßig zu verhalten.  Zum Beispiel Futter zu suchen, ein Nest zu bauen oder sich gegen Konkurrenten und Feinde zur Wehr zu setzen.

 

Noch glücklicher?

 

Mal einfach drauflos spekuliert, und das aus reiner Freude am Spaß.  DMT – ein körpereigener Stoff also, einer der glücklich macht. Zwar sind so manche recht ungünstige Nebenwirkungen bekannt, aber die sollte man durch Basteln am Molekül wegdrücken können. Ein reiner Glücksstoff wäre damit geschaffen, nennen wir ihn DMTx. Der Stoff stünde einem jeden zur Verfügung. Oder auch nicht. Nämlich dann nicht, wenn die Machthaber die Hand draufhielten. Sie setzten das DMTx dem Trinkwasser zu und zwar in einer Dosis, die das Volk („die Menschen“) hinreichend im Glückszustand hält. Sicher fänden findige Köpfe bald heraus, wie man den Glücksstoff aus dem Trinkwasser entfernt. Aber wozu?

 

Glücklich soll das Volk sein, aber nicht überglücklich. Denn die Leute müssen für die Erhaltung des eigenen Volkes etwas tun, und vor allem für die Politiker selbst. Am zweckmäßigsten durch Arbeit. Glück für alle, so die Devise, um mit dem Leben, allzumal mit der herrschenden Clique, zufrieden zu sein. Was könnte es Schöneres geben!

Glücklicher noch als glücklich hingegen bedeutete den Untergang. Durch Nichtstun. Ein Fiasco von einer prinzipiell anderen Art als das, was wir derzeit in unserem Deutschland erleben.

 

Prof. Dr. Gerald Wolf
https://geraldwolfmd.de

Nr. 308 vom 22. Juli 2026, Seite 22

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