Römers Reich: Ruh‘ dich aus, Deutschland

Gute Nachrichten aus dem Wirtschaftsforschungsinstitut Ihrer Wahl: Deutschland hat ein Problem. Genauer gesagt: zwei Probleme, die sich gegenseitig liebevoll umarmen wie ein Rentner seinen Vorruhestandsbescheid. Problem eins: Die Babyboomer gehen in Rente. Alle. Gleichzeitig. Bis 2039 verlässt knapp ein Drittel aller Erwerbstätigen das Büro – endgültig, mit Blumenstrauß und Betriebsrente. Jährlich treten 1,3 Millionen den wohlverdienten Ruhe stand an, während nur 800.000 nachrücken. Das ergibt eine Lücke von einer halben Million Arbeitskräften pro Jahr. Oder, wie Ökonomen es nennen: „eine gewisse Herausforderung.“ Problem zwei: Die, die noch da sind, arbeiten immer weniger. Über 40 Prozent sind mittlerweile in Teilzeit. Laut Statista können sich 66 Prozent der Befragten vorstellen, ihre Arbeitszeit zu reduzieren, planen es oder haben es bereits getan. Die verbleibenden 34 Prozent werden vermutlich gerade von ihren Kollegen gefragt, ob sie nicht auch mal kürzertreten wollen.

 

Das Ergebnis: Das BIP könnte bis 2035 um bis zu 11,6 Prozent schrumpfen. Der Wertschöpfungsverlust durch Fachkräftemangel liegt bei 49 Milliarden Euro jährlich – Tendenz steigend auf 74 Milliarden bis 2027. Die Sozialabgaben steuern auf 50 Prozent zu: Wer dann noch Vollzeit arbeitet, reicht die Hälfte seines Einkommens direkt an die Rentenversicherung weiter. Als freiwillige Spende an die Generation, die gerade im Kreuzfahrtschiff-Prospekt blättert. Nun könnte man meinen, die Politik habe Antworten parat. Hat sie auch: „Wir müssen mehr arbeiten.“ Dieser Satz wird seit Jahren gerufen, woraufhin das Publikum nickend nach Hause geht – und eine Viertagewoche beantragt. Die Ökonomen geben den Deutschen nicht einmal die Schuld. Das Steuer- und Transfersystem schöpft bei Mehrarbeit bis zu 95 Prozent des Mehrverdienstes ab. Wer mehr arbeitet, finanziert damit vor allem den Staat. Das ist weniger Motivation als ein gut kaschierter Witz. Deutschland sitzt auf einem Schatz ungenutzter Arbeitspotenziale – und hat die Schlüssel im Steuerrecht versteckt. Jedes fünfte Unternehmen hat keine Strategie, das Wissen der scheidenden Babyboomer zu sichern. Das Erfahrungswissen von Jahr zehnten verlässt die Firmen durch die Hintertür – zusammen mit dem Schlüssel zum Serverraum und dem Rezept für den Bürokaffee.

 

Die gute Nachricht: Es gibt Lösungen – Kitas ausbauen, Fehlanreize abbauen, Frühverrentung eindämmen. Würde nur die Hälfte der teilzeitbeschäftigten Frauen ohne Betreuungspflichten so viele Stunden arbeiten wie Männer gleichen Alters, stünden dem Markt 1,7 Millionen Vollzeitkräfte zusätzlich zur Verfügung. Die schlechte Nachricht: Das wissen wir seit 20 Jahren. Klingt einfach. Ist es offenbar nicht. Die Bundesbank hält dazu fest: Die Alterung dämpfe nicht nur das Arbeitsangebot, sondern auch die Produktivität. Wir werden nicht nur weniger, sondern auch langsamer. Das ist kein Vorwurf – das ist Biologie und Steuerpolitik in Kombination. In diesem Sinne: Erholen und entspannen Sie sich gut. Aber vielleicht nur in Teilzeit.

Axel Römer

Nr. 309 vom 05. August 2026, Seite 3

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