Die Menschen hinter den kulturellen Vorhängen
Wer mit Taha Bader über seine Kunst spricht, merkt schnell: Seine Bilder erzählen nicht nur Geschichten, sie schlagen Brücken. Der in Pakistan geborene und heute in Halle lebende Künstler bewegt sich zwischen zwei Welten – seiner ersten Heimat Pakistan und seinem Leben in Deutschland. Aus dieser Perspektive heraus entwickelt er eine künstlerische Position, die kulturelle Unterschiede nicht als Trennung versteht, sondern als Ausgangspunkt für Begegnung und Verständnis. „Ich habe das Gefühl, auf einer Brücke zwischen zwei Kulturen zu leben“, beschreibt Bader seine Situation. Im Mittelpunkt seiner Arbeiten steht dabei immer der Mensch. Bader interessiert sich für die Emotionen, Erfahrungen und Beziehungen, die hinter kulturellen Zuschreibungen liegen. Seine Werke richten den Blick nicht auf das Trennende, sondern auf das Verbindende.
Drei Themenfelder prägen sein Schaffen. Zum einen beschäftigt er sich mit matriarchalen Strukturen in Pakistan, die in westlichen Darstellungen des Landes häufig unsichtbar bleiben. Ein zweiter Schwerpunkt liegt auf den Lebensrealitäten queerer Menschen und Gemeinschaften, mit denen er seit seiner Kindheit eng verbunden ist. Das dritte Themenfeld widmet sich Kunsthandwerkern, deren Arbeitsalltag und besondere Hingabe ihn nachhaltig faszinieren.
Der Weg zur Malerei begann während der Corona-Pandemie. Reisebeschränkungen und die Ungewissheit, wann er seine Heimat wiedersehen würde, lösten ein starkes Bedürfnis aus, Erinnerungen und Erfahrungen künstlerisch zu verarbeiten. Zunächst entstanden Skizzen, Musik und Tagebucheinträge. Schließlich wurde die Malerei zu seinem wichtigsten Ausdrucksmittel.
„Ich habe angefangen, das zu malen, was ich vermisst habe“, erinnert sich Bader. Aus diesem persönlichen Impuls entwickelte sich innerhalb weniger Jahre eine eigenständige künstlerische Position. Einen wichtigen Wendepunkt markierte die Ausstellung „Queer Format“ im Grassi Museum Leipzig. Die dort gezeigte Werkserie wurde vollständig angekauft und gehört heute zur Sammlung des Museums.
Bis heute bilden Erinnerungen, Beobachtungen und Begegnungen die Grundlage seiner Arbeit. Bei regelmäßigen Reisen nach Pakistan sammelt Bader Eindrücke des Alltags, dokumentiert Situationen mit der Kamera und beobachtet Menschen auf Basaren, in Moscheehöfen und im öffentlichen Raum. Zurück in seinem Atelier verarbeitet er diese Erfahrungen in einem konzentrierten Schaffensprozess. Häufig entstehen innerhalb weniger Wochen zahlreiche Gemälde, die unmittelbar aus dem Erlebten heraus entwickelt werden. Dabei arbeitet Bader bewusst reduziert. Viele seiner Werke entstehen mit nur einem breiten Flachpinsel. Die expressive Bildsprache entwickelt sich aus wenigen präzise gesetzten Gesten. Seine gestalterische Herkunft aus dem Design prägt diesen Ansatz bis heute: Kommunikation und Verdichtung stehen für ihn im Mittelpunkt.
Bader versteht seine Kunst als Versuch, menschliche Erfahrungen sichtbar zu machen. Menschen beim Warten, Beobachten, Arbeiten oder Zusammensein werden zu Trägern universeller Emotionen. Obwohl seine Motive tief in pakistanischen Lebenswelten verwurzelt sind, entfalten sie eine unmittelbare Verständlichkeit über kulturelle Grenzen hinweg. „Kultur ist für mich wie ein Vorhang“, sagt der Künstler. „Dahinter liegt etwas zutiefst Menschliches, das uns alle verbindet.“
Besonders deutlich wird dieser Gedanke in der Werkserie „Muttersprache“. Die Arbeiten untersuchen unterschiedliche Formen von Fürsorge, Zugehörigkeit und familiären Bindungen. Dabei stehen nicht nur biologische Mutterfiguren im Mittelpunkt, sondern auch soziale Mutterrollen innerhalb trans- und intersexueller Gemeinschaften. Bader greift damit Erfahrungen auf, die er seit seiner Kindheit beobachtet hat: Menschen, die füreinander Verantwortung übernehmen, Schutz bieten und Gemeinschaft schaffen. Alltägliche Szenen erhalten dadurch eine symbolische, beinahe sakrale Dimension.
Für die KUNST/MITTE präsentiert Taha Bader Arbeiten aus allen drei Schwerpunkten seines Schaffens: Werke aus den Serien „Muttersprache“ und „Queer Format“ sowie Gemälde über Kunsthandwerkerinnen und Kunsthandwerker in Pakistan. Gemeinsam zeichnen sie ein vielschichtiges Bild eines Landes, das in westlichen Medien häufig auf stereotype Darstellungen reduziert wird. Seinen künstlerischen Anspruch formuliert Bader klar: „Ich möchte ein Gegennarrativ zu den westlichen Nachrichtenbildern über Pakistan anbieten.“
Seine Kunst lädt dazu ein, genauer hinzusehen – und hinter kulturellen Vorhängen die Menschen zu entdecken, deren Hoffnungen, Sorgen und Sehnsüchte sich oft ähnlicher sind, als es auf den ersten Blick scheint.
Christian Aßmann
Nr. 309 vom 05. August 2026, Seite 20
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