Gedanken- und Spaziergänge im Park: Kein Nachrichten-Sommerloch
Als ich Gerd nach seiner Rückkehr von der Ostsee begrüßte, sagte er: „In diesem Sommer gab es ja kein Sommerloch, was die Nachrichten betrifft. Erst war es die Fußballweltmeisterschaft und dann die Affäre mit der Vaterschaft – oder muss man bei ihm Mutterschaft sagen? – von Jens Spahn.“ „Na ja, das ist schon ein dickes Ding“, antwortete ich. „Im April 2020 sprach sich das deutsche Bundesgesundheitsministerium unter der Leitung von Jens Spahn klar gegen jede Legalisierung der Leihmutterschaft in Deutschland aus. Und noch im Februar 2026 hat die CDU auf ihrem 38. Bundesparteitag mit dem „Antrag O 06“ offiziell gegen eine Legalisierung der Leihmutterschaft votiert und das bestehende Verbot in Deutschland bekräftigt.
Da war Spahn als Fraktionsvorsitzender sicher dabei und die Leihmutter vermutlich schon im 4. Monat! Aber wie sagten schon die alten Römer: „Quod licet Jovi, non licet bovi“, zu Deutsch: was Jupiter erlaubt ist, darf der Ochse nicht.“ Gerd lachte und sagte: „Mir fiel dazu das Buch „Farm der Tiere“ von George Orwell ein. Da machten die Tiere gegen einen oft besoffenen Bauern, der sie quälte, nicht pflegte und schlecht ernährte, eine Revolution und jagten ihn vom Hof. Sie übernahmen die Herrschaft und gaben sich sieben Gebote, wobei das Siebente hieß: „Alle Tiere sind gleich.“ Sehr bald übernahmen aber die Schweine die Herrschaft, ordneten die Arbeit der anderen Tiere an, zogen auch selbst in das Haus des Bauern und schikanierten die anderen Tiere.
Über Nacht änderten die Schweine heimlich das siebente Gebot, dass nun lautete: „Alle Tiere sind gleich, aber einige sind gleicher.“ An diesen Satz musste ich denken, als ich von dem Kind von Jens Spahn hörte. Orwell schrieb das Buch zwar als Gleichnis auf die Entwicklung der russischen Revolution zum Stalinismus, aber es trifft anscheinend auch auf andere Gesellschaftsordnungen zu. Auch heutzutage sind manche anscheinend gleicher als andere.“ „Spahn hat aber den Fraktionsvorsitz niedergelegt, als er spürte, dass sein Handeln gegen die Beschlüsse seiner Partei auf Ablehnung stieß.“ „Bundestagsabgeordneter bleibt er, obwohl er wider gültiges Recht handelte“, erwiderte Gerd. „Ich frage mich was wohl wäre, wenn ein prominenter AfD-Abgeordneter so gehandelt hätte?“
Was ist mit psychischen Folgen?
Nach einer Pause sagte ich: „Ich habe mir über diese Frage der Leihmutterschaft vorher nie viele Gedanken gemacht. Aber jetzt fiel mir auf, dass psychologische Aspekte in der Diskussion kaum eine Rolle spielen. Dabei meine ich sowohl die Psyche der Mutter als auch die des ungeborenen Kindes. Ich kann mir schwer vorstellen, dass eine Frau, die, wie man früher so schön sagte „ein Kind unter dem Herzen trägt“, die also neun Monate lang schwanger ist, die ersten Kindsbewegungen spürt, dass diese Frau keine liebevolle Beziehung zu dem Baby hat. Eine werdende Mutter ist doch kein gefühlloser fleischlicher Brutkasten! In ganz seltenen psychopathologischen Fällen kann es diese Kälte vielleicht geben, verbunden mit einer Ablehnung des Kindes, vielleicht sogar mit Hass auf das Ungeborene.
Aber das dürfte sehr selten sein und betrifft sicher kaum Leihmütter, die vorher einer sorgfältigen Prüfung unterzogen wurden. Da es sich bei einer Leihmutterschaft meist um befruchtete fremde Eizellen handelt, verlaufen diese Schwangerschaften für die Mutter und das Kind durchaus riskanter als natürlich entstandene Schwangerschaften in derselben Altersgruppe. Fehl- und Frühgeburten sind häufiger. Auch die Kaiserschnitt-rate ist bei den Leihmüttern erhöht, da man ganz im Sinne der „Geschäftspartner“ nach der langen Wartezeit nicht ein weiteres Risiko für das Kind durch eine schwierige Geburt eingehen möchte. Was mag eine Frau wohl fühlen, die nach der Schwangerschaft und den oft beschwerlichen letzten Monaten nach der Geburt ihr Kind abgibt, das nicht mehr ihr Kind sein darf? Leider gibt es kaum psychologische Untersuchungen zu diesem Thema.“ Gerd nickte und sagte: „Und wie sieht es mit dem Kind aus, weiß man darüber etwas?“ „Ich weiß nicht, ob es Untersuchungen über Kinder von Leihmüttern gibt. Aber in der Geburtshilfe gibt es Erkenntnisse über das Seelenleben der Ungeborenen. Das Thema fand ein breites Interesse, als 1974 das Buch von Frédérick Leboyer „Geburt ohne Gewalt“ erschien. Leboyer schrieb darin, dass das Kind unter der Geburt kein „Geburtsobjekt“, sondern ein beseeltes und Schmerz empfindendes Wesen sei.
Seither hat sich in der Geburtshilfe sehr viel verändert. Der Psychoanalytiker Ludwig Janus hat sich ein Berufsleben lang mit der Forschung zur psychischen Entwicklung von Ungeborenen beschäftigt und mehrere Bücher darüber geschrieben. Ab der 20. bis 24. Woche nimmt es Geräusche, wie den Herzschlag der Mutter, den Rhythmus und die Stimmen der Eltern wahr und erkennt sie wieder. Lange bevor es das Licht der Welt erblickt, nimmt es am mütterlichen Leben teil. Ist die Mutter zufrieden und entspannt, wird seine Pulsfrequenz niedriger. Stress, den eine werdende Mutter während der Schwangerschaft empfindet, spürt es auch, denn unter Stress wird im Körper Cortisol ausgeschüttet. Etwa zehn Prozent dieses Hormons passieren die Plazentaschranke und erreichen das kindliche Gehirn. Hebammen wissen, dass Neugeborene den Herzschlag und die Stimme der Mutter erkennen und nach der Geburt sehr schnell ruhiger werden, wenn sie auf der Brust der Mutter liegen. Was aber nun die radikale Trennung von der Mutter, wie bei der Leihmutter, für das Kind und sein künftiges Leben bedeutet – darüber ist wenig geforscht worden. Ich glaube auch nicht, dass die neuen Eltern sehr viel Wert auf solche Forschungen legen und ihre Kinder diesbezüglich psychologisch untersuchen lassen würden. Aber Ich kann es mir nur schwer vorstellen, dass die radikale Trennung von der über Monate vertrauten Mutter nach der Geburt so völlig ohne Folgen sein sollte. Aber das ist ein weites Feld.“
Die Inflation des Nazi-Etikettes
Wir gingen schweigend weiter. Dann sagte ich: „Noch mal einen Rückgriff auf den AfD-Kongress in Erfurt. Da wurde vorher viel Wind gemacht wegen des Datums. Vor 100 Jahren habe am gleichen Datum die NSDAP in Thüringen einen Kongress veranstaltet und es wurde der AfD förmlich unterstellt mit Absicht diesen Termin gewählt zu haben. Dann brachte aber der MDR im Fernsehen einen Bericht, wonach die AfD die Messeleitung um einen Termin in einem größeren Zeitraum gebeten hatte und diese ihr nur diesen einen als den einzig möglichen angab.“ „Da wurde von Politikern viel Unsinn erzählt“, erwiderte Gerd. „Mir fiel aber vor allem die Pressekonferenz der Organisatoren von „Widersetzen“ am darauf folgenden Tag auf.
Da fragte ein Reporter von Nius den Sprecher nach einer Stellungnahme wegen des körperlichen Angriffs auf ihre Reporter während der Demo. Der antwortete darauf zuerst überhaupt nicht. Als dann ein Journalist einer anderen Zeitung die gleiche Frage stellte, antwortete er sehr wurstig: „Ein Faschist bleibt ein Faschist, auch wenn er einen Presseausweis besitzt!“ Dabei sind die Journalisten von Nius sicher konservativ, aber keinesfalls Faschisten! Ich finde das unmöglich und selbstherrlich. Erinnert an Hermann Göring, der einmal sagte: Wer Jude ist, bestimme ich!“ „Aber das ist doch heute weit verbreitet. Man klebt irgendeinem Konservativen, einer Partei oder jemanden, den man als politischen Gegner empfindet, einfach das Etikett Faschist auf die Stirn. Und schon hat man die Rechtfertigung dafür, alles mit ihm machen zu können, im Extremfall auch körperliche Gewalt. Man darf sich dabei als Kämpfer für das Gute im Recht fühlen.“
Gerd wiegte den Kopf und meinte: „Vielleicht hatte der Alt-Kommunist und antifaschistische Exilant Ignazio Silone (1900-1978) doch recht, als er sagte: „Wenn der Faschismus wiederkehrt, wird er nicht sagen: Ich bin der Faschismus. Nein, er wird sagen: Ich bin der Antifaschismus! Aber du hast schon recht, die Begriffe Nazi oder Faschist werden derzeit geradezu inflationär gebraucht. Man hat manchmal den Eindruck, dass viele gar nicht wissen, was und wie Nationalsozialismus oder Faschismus wirklich waren.“
Heute spießiger als früher
Nach kurzer Pause sagte er: „Es gibt auch Heiteres zu berichten. Unsere „woken“ Mitbürger hatten mal wieder einen Aufreger im Fernsehen entdeckt: In der Sendung „Fernsehgarten” wurden der TV-Moderatorin Andrea Kiewel Karten in verschiedenen Sprachen vorgelegt. Sie sollte sagen, welche Sprache es ist und was es heißt. Eine Karte hatte japanische Schriftzeichen und Andrea Kiewel meinte, es sei Chinesisch und hieße „Ching Chong Chang“. Ein Spaß, sonst nichts. Und schon gingen im Internet die Berufs-Aufgeregten auf die Palme und meinten, das sei rassistisch! So ein Quatsch! Was hat das mit Rassismus zu tun? Eigentlich hat sie doch nur kundgetan, dass sie, wie fast alle Deutschen, weder Japanisch noch Chinesisch kann.
Was aber fast noch schlimmer ist: dass sie und das ZDF sich danach sogar entschuldigten!“ „Ja, solche Lächerlichkeiten können heute eine Karriere beenden! Bei aller scheinbaren Freizügigkeit sind wir oft spießiger als frühere Jahrhunderte“, antwortete ich. „Ebenso verrückt ist die Kritik an einer Veranstaltung der AfD, wo Steimle die ehemalige DDR-Hymne sang. Manche interpretierten das als den Wunsch, die DDR zurückhaben zu wollen. Dabei dürfte bekannt sein, dass diese Hymne zwar nicht verboten, aber seit den siebziger Jahren in der DDR nicht mehr gesungen werden durfte! Denn in der ersten Strophe hieß es: „Lass uns dir zum Guten dienen, Deutschland einig Vaterland.“ Von einem einigen Vaterland wollten die SED-Bonzen nichts mehr hören.“ „Ja, so wandeln sich die Zeiten“, meinte Gerd und ging seines Weges.
Paul F. Gaudi
Die Kolumnen von Paul F. Gaudi sind als Buch unter dem Titel „Der Spaziergänger“ Teil I, Teil II und Teil III. Mittlerweile ist der vierte Teil erschienen. Die Bücher können im KOMPAKT Medienzentrum erworben oder online unter www.kompakt.media bestellt werden.
Nr. 309 vom 05. August 2026, Seite 7
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