Auf der Suche nach Zeit und inneren Antworten

Für Svetlana Tiukkel ist Kunst weit mehr als ein kreativer Ausdruck. Sie versteht sie als einen Weg, die Welt und sich selbst zu erforschen. Seit ihrer Kindheit begleitet sie das Zeichnen und Malen mit einer Selbstverständlichkeit, die sie heute als einen festen Teil ihrer Persönlichkeit beschreibt. „Ich wollte immer zeichnen. Das war immer ein Drang bei mir.“


Schon früh wurde diese Leidenschaft gefördert. Eine wichtige Rolle spielte dabei ihr Großvater. Obwohl er selbst kein Künstler war, vermittelte er seiner Enkelin erste zeichnerische Grundlagen. Er zeigte ihr, wie Licht und Schatten funktionieren, wie Strukturen dargestellt werden und wie sich Gegenstände zeichnerisch erfassen lassen. Diese frühen Erfahrungen legten einen wichtigen Grundstein für ihren späteren künstlerischen Weg.


Prägend wurde auch die Begegnung mit dem Werk von Leonardo da Vinci. Seit ihrer Kindheit zählt er zu ihren wichtigsten Vorbildern. Besonders seine Zeichnungen faszinieren sie durch ihre Harmonie, ihre Tiefe und die Möglichkeit, immer wieder neue Details zu entdecken. Während ihres Studiums beschäftigte sie sich intensiv mit seinen Aufzeichnungen und Skizzenbüchern, die sie nach eigener Aussage täglich inspirierten. Die Verbindung von präziser Beobachtung, handwerklichem Können und gedanklicher Tiefe, die sie in seinen Arbeiten erkennt, findet sich auch in ihrem eigenen Kunstverständnis wieder.


Diese Suche nach Erkenntnis zieht sich bis heute durch ihr Werk. Einen wichtigen Impuls erhielt sie durch ihren Umzug nach Deutschland. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte und den Fragen nach Herkunft und Identität führte zu einer intensiven künstlerischen Beschäftigung mit dem eigenen Lebensweg. „Woher kommen wir und wohin gehen wir?“ ist wohl die Frage, die einen Kern ihres Schaffens beschreibt.


Bereits in jungen Jahren beschäftigten Svetlana Tiukkel Fragen nach Spiritualität, der Seele und dem, was nach dem Tod kommt. Bücher, Geschichten und Träume wurden zu wichtigen Inspirationsquellen. Später kamen Märchen, Sagen und die Beschäftigung mit den Ursprüngen menschlicher Erfahrungen hinzu. In diesen Themen sucht sie nach Antworten und Zusammenhängen.


In den vergangenen Jahren rückte ein weiteres Thema zunehmend in den Mittelpunkt ihrer Arbeit: die Zeit. Für Svetlana Tiukkel ist Zeit nicht nur eine messbare Größe, sondern eine Erfahrung, die sich im Alltag oft der Wahrnehmung entzieht. In einer Welt permanenter Beschleunigung interessiert sie die Frage, wie Zeit tatsächlich erlebt werden kann und welche Bedeutung sie für das menschliche Leben besitzt.


Ihre Bilder entstehen aus langen Denk- und Beobachtungsprozessen. Häufig beginnt ein Werk nicht im Atelier, sondern lange zuvor – ausgelöst durch eine Beobachtung, einen Gedanken, ein Buch oder einen Film. Aus diesen Impulsen entwickelt sich langsam eine Bildidee, die zunächst skizziert und anschließend über Wochen, Monate oder sogar Jahre weiterentwickelt wird. „Das Bild beginnt natürlich nicht im Atelier. Das beginnt in meinem Kopf.“


Technisch arbeitet Svetlana Tiukkel vor allem mit Aquarellund Ölfarben. Kleinere Arbeiten entstehen häufig auf Papier, größere in Öl. Ihre Arbeitsweise bewegt sich zwischen präziser Ausarbeitung und freieren malerischen Gesten. Was sie mit ihrer Kunst erreichen möchte, formuliert sie klar: Ihre Bilder sollen Menschen zum Nachdenken bringen – über das Leben, die Zukunft und über sich selbst. Kunst versteht sie als Einladung zum Dialog. „Ich möchte die Menschen zum Nachdenken bringen über das Leben, über die Zukunft und vielleicht auch über sich selbst.“ So entstehen Arbeiten, die keine fertigen Antworten geben, sondern Fragen offenhalten: nach Herkunft, Zeit, Veränderung und dem eigenen Platz in der Welt.

 

Christian Aßmann

Nr. 309 vom 05. August 2026, Seite 23

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