Die Demokratie lacht sich kaputt

Es war einmal eine Kunst, Mächtige zu verspotten. Sie hieß Satire, und sie hatte Regeln: Ziel war die Macht, nicht der Mensch. Das Mittel war der Witz, nicht die Wunde. Und die Wirkung war Erkenntnis, nicht Verachtung. Diese Kunst stirbt gerade — nicht durch Zensur, sondern durch Überfütterung. Und durch Mitschuld. Wer heute durch die sozialen Netzwerke scrollt, begegnet einem Dauerbeschuss aus Spott, Häme und Hohn. Doch bevor man allein auf die Kritiker zeigt, lohnt ein ehrlicher Blick auf die Bühne, auf der sich das alles abspielt. Denn die Lachnummer ist nicht immer nur von außen gemacht. Manchmal liefert sie sich selbst.

 

Da ist der Spitzenpolitiker, der sich auf Instagram beim Tempelbesuch in China filmen lässt, während die Berliner U-Bahn mal wieder streikt. Die Ministerin, die Sonnenbrillenselfies postet, als wäre sie eine Berlinale-Diva. Der Fraktionsvorsitzende, der sich dabei filmt, wie er sich selbst filmt. Politische Kommunikation war selten so technisch aufgerüstet und zugleich so weit entfernt vom echten Leben der Menschen. Wer Nähe simuliert, statt sie zu leben, darf sich nicht wundern, wenn das Publikum lacht – oder die Augen verdreht.

 

Dazu kommt eine politische Fehlerkultur, die das Vertrauen systematisch untergräbt. Der typische Reflex im Politikbetrieb ist noch immer: vertuschen, leugnen, aussitzen. Wer einen Fehler eingesteht, gilt als schwach. Wer beharrt, gilt als standhaft. Diese Logik ist fatal. Die Diskrepanz zwischen politischer Selbstwahrnehmung und der Realität der Bürger – „Wir sind auf dem richtigen Weg” bei sinkenden Umfragewerten – erzeugt nicht Respekt, sondern Frust. Und Frust sucht sich ein Ventil. In sozialen Medien findet er es. Dennoch: Selbst gemachte Angriffsfläche erklärt die Häme, rechtfertigt sie aber nicht. Was täglich millionenfach produziert und geteilt wird, hat mit konstruktiver Kritik so viel gemein wie ein Fußtritt mit einer Debatte. Mehr als die Hälfte aller politisch engagierten Menschen in Deutschland hat bereits digitale Gewalt erlebt. Jede vierte betroffene Frau denkt über den Rückzug aus der Politik nach. 84.000 politisch motivierte Straftaten verzeichnete das BKA im Jahr 2024 – ein Höchststand. Verbale Entmenschlichung im Netz und körperliche Gewalt auf der Straße sind keine getrennten Phänomene. Sie sind Ursache und Wirkung.

 

Was bleibt, ist eine doppelte Verantwortung. Politiker müssen aufhören, sich selbst als Marke zu inszenieren, und anfangen, als Menschen zu kommunizieren – fehlbar, ehrlich, nah. Und Bürger müssen aufhören, Verachtung mit Kritik zu verwechseln. Eine Gesellschaft, die ihre Politiker nur noch verhöhnt, bekommt irgendwann die Politiker, die sie verdient – oder gar keine mehr. Spott war einmal ein Seziermesser. Heute ist er oft nur noch ein Knüppel. Und manchmal reicht man ihn sich gegenseitig.

 

Thomas Wischnewski

Nr. 309 vom 05. August 2026, Seite 8

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