Wenn Du mit Deinem neuen ‚Ich’ fremdelst
Es gibt diesen merkwürdigen Moment, nachdem man etwas anders gemacht hat als sonst. Man hat nicht sofort geantwortet. Man hat freundlich ‚Nein’ gesagt. Man hat sich nicht entschuldigt, obwohl niemand eine Entschuldigung bestellt hatte. Man hat eine Entscheidung stehen lassen, statt sie innerlich noch fünfmal zur Revision einzureichen. Kurz gesagt: Man war für einen Moment erwachsener, klarer und näher bei sich. Und dann fühlt es sich komisch an. Nicht unbedingt falsch im dramatischen Sinne. Kein innerer Blitz, keine Stimme aus dem Off, kein Zeichen vom Universum mit Lieferbestätigung. Eher dieses leise Ziehen: Bin ich jetzt so? Darf ich das? War das zu viel? Zu hart? Zu ungewohnt? Muss ich mich vielleicht schnell wieder so verhalten wie früher, damit im inneren Möbelhaus alles an seinem gewohnten Platz steht?
Willkommen in einer sehr unterschätzten Phase von Veränderung: dem Identitätskater. Der kommt nicht nach einer wilden Nacht, sondern nach einem ungewohnt klaren Moment. Außen ist vielleicht gar nichts Großes passiert. Du hast nur eine Nachricht später beantwortet. Einen Wunsch ausgesprochen. Eine Grenze nicht weichgespült. Oder im Gespräch nicht automatisch die Rolle übernommen, die sonst immer sehr zuverlässig ihren Dienst antritt. Und trotzdem fühlt sich danach etwas in dir an, als hättest du gerade ohne Erlaubnis den Grundriss deines Lebens verändert.
Das ist wichtig zu verstehen: Neue Entscheidungen fühlen sich am Anfang nicht immer gut an. Manchmal fühlen sie sich nur neu an. Und unser Nervensystem verwechselt ‚neu’ sehr gern mit ‚falsch’. Es ist ungefähr wie jemand, der zum ersten Mal in einer frisch renovierten Wohnung steht und sofort ruft: „Hier stimmt etwas nicht!“ Nur weil das Sofa jetzt nicht mehr an der alten Stelle steht. Dabei ist vielleicht nichts falsch. Es ist nur ungewohnt. Viele Menschen erwarten von Veränderung, dass sie sich sofort nach Befreiung anfühlt. Nach Musik, Licht, innerer Weite und einem Gesichtsausdruck, den man theoretisch für ein Seminarfoto verwenden könnte. Die Wahrheit ist oft weniger glamourös. Man macht etwas anders und fühlt sich erst einmal wackelig. Nicht stark. Nicht frei. Eher wie jemand, der neue Schuhe trägt und noch nicht weiß, ob sie drücken oder einfach nur nicht eingelaufen sind.
Das Gemeine daran ist: Genau dieser ungewohnte Zustand wird oft falsch gedeutet. Man sagt ‚Nein’ und fühlt sich unruhig. Also denkt man: Vielleicht hätte ich doch ‚Ja’ sagen sollen. Man spricht einen Wunsch aus und fühlt sich verletzlich. Also denkt man: Vielleicht war das zu viel. Man zeigt sich klarer und merkt, dass andere irritiert sind. Also denkt man: Vielleicht war die alte Version von mir angenehmer. Und ja, das war sie vielleicht. Für manche zumindest. Die alte Version war berechenbarer. Sie hat schneller erklärt, mehr getragen, weniger gestört, seltener widersprochen und sich im Zweifel lieber selbst unbequem gemacht, damit es für andere bequem bleibt. Nur ist angenehm nicht dasselbe wie echt.
Psychologisch ist diese Phase gut erklärbar. Identität besteht nicht nur aus dem, was wir über uns denken. Sie besteht auch aus dem, was wir wiederholt tun. Wer lange die Angepasste war, fühlt sich bei Klarheit nicht sofort zu Hause. Wer lange funktioniert hat, fühlt sich bei Pause nicht sofort sicher. Wer lange stark war, fühlt sich bei Bedürftigkeit nicht sofort menschlich, sondern vielleicht fast unanständig. Und wer lange alles allein geregelt hat, erlebt Unterstützung nicht automatisch als Entlastung, sondern erst einmal als Kontrollverlust mit freundlicher Verpackung. Das heißt nicht, dass mit dir etwas nicht stimmt. Es heißt, dass dein System die alte Geschichte gut kennt.
Eine alte Rolle ist wie ein eingelaufener Weg durch den Park. Nicht unbedingt schön, nicht unbedingt sinnvoll, aber vertraut. Die neue Version von dir ist am Anfang eher ein schmaler Pfad durchs Gras. Man sieht ihn noch kaum. Man muss ihn ein paar Mal gehen, bevor er sich nach Weg anfühlt. Genau deshalb ist der Moment nach der neuen Wahl so entscheidend. Nicht nur die Entscheidung selbst. Nicht nur das ‚Nein’, das ‚Ja’, die Grenze, der ehrliche Satz. Sondern das, was danach passiert. Bleibst du einen Moment bei dir, obwohl es ungewohnt ist? Oder rennst du sofort zurück in die alte Rolle, weil sich Vertrautheit mit Sicherheit verwechselt?
Das kennen viele aus normalen Alltagsszenen. Du sagst im Familienchat nicht sofort zu, sondern: „Ich schaue und melde mich morgen.“ Eigentlich völlig harmlos. Innerlich aber meldet sich die Abteilung für soziale Katastrophenvorhersage und fragt, ob man jetzt aus der Gemeinschaft ausgeschlossen wird. Oder du antwortest auf eine berufliche Bitte nicht mit „Klar, mache ich noch schnell“, sondern mit: „Diese Woche schaffe ich das nicht.“ Sachlich. Freundlich. Kein Drama. Und trotzdem sitzt in dir ein kleiner alter Teil mit Klemmbrett und fragt, ob du deine Mitgliedschaft im Club der Verlässlichen gerade grob gefährdest. Das ist der Punkt, an dem Humor hilft. Denn manchmal müssen wir liebevoll über die Dramatik unseres inneren Systems schmunzeln. Da sagt ein erwachsener Mensch einen normalen Satz, und innen tagt der Krisenstab, als hätte man gerade die Stadtmauer geöffnet. Aber unter dem Humor liegt etwas Ernstes: Dein Inneres braucht neue Erfahrung. Nicht nur neue Erkenntnis. Sondern echte kleine Wiederholungen, in denen du erlebst: Ich kann anders handeln, und ich bleibe trotzdem verbunden. Ich kann klarer sein, und ich bin nicht falsch.
Ein hilfreicher Mini-Schritt ist deshalb der Ungewohnt-Check. Wenn sich nach einer neuen Wahl Unruhe meldet, frage nicht sofort: War das falsch? Frag zuerst: Ist es wirklich falsch – oder nur ungewohnt? Das klingt klein, aber es verändert den inneren Prozess. Denn „falsch“ will sofort korrigieren. „Ungewohnt“ darf erst einmal Erfahrung sammeln. Dann stell dir drei einfache Fragen. Erstens: Habe ich tatsächlich unfair, hart oder respektlos gehandelt? Wenn ja, darfst du nachbessern. Klarheit braucht keine Rücksichtslosigkeit. Zweitens: Oder fühlt es sich nur deshalb komisch an, weil ich nicht wie früher funktioniert habe? Wenn ja, bleib einen Moment. Atme aus. Lass dein System merken, dass ungewohnt nicht gefährlich sein muss.
Drittens: Welche kleine Handlung bestätigt die neue Richtung, ohne dass ich mich überfordere? Das kann bedeuten, die Nachricht nicht doch noch hinterherzuschicken. Die Grenze nicht mit Erklärungen zu polstern. Den eigenen Wunsch nicht sofort als „war nur so eine Idee“ zurückzunehmen. Oder einen Abend lang nicht zu verhandeln, ob du wieder die alte Version anziehen solltest, weil sie vertrauter war. Story Reset im Alltag beginnt genau dort: nicht nur in der alten Rolle wach werden, sondern der neuen Rolle eine Chance geben, sich sicher genug anzufühlen.
Die neue Version von dir muss sich am Anfang nicht natürlich anfühlen. Sie muss nur ehrlich genug sein, um geübt zu werden. Vielleicht ist das eine der freundlichsten Wahrheiten über Veränderung: Du musst dich nicht sofort wie der Mensch fühlen, der du werden möchtest. Du darfst ihn erst einmal üben. Nicht künstlich. Nicht als Maske. Sondern als neue Erfahrung für ein System, das lange etwas anderes gelernt hat. Manchmal bedeutet Wachstum nicht, dass du dich sofort größer fühlst. Manchmal bedeutet es nur, dass du nicht zurückläufst, sobald es sich neu anfühlt.
Also, wenn du in den nächsten Tagen einen kleinen neuen Schritt gehst und danach diese innere Fremdheit auftaucht, mach nicht sofort ein Grundsatzgutachten daraus. Vielleicht bist du nicht falsch abgebogen. Vielleicht bist du nur auf einem Weg, den dein Inneres noch nicht oft genug gegangen ist. Sag dir dann ruhig: „Das fühlt sich ungewohnt an. Das darf es. Ich muss nicht zurück in die alte Rolle, nur weil die neue noch nicht bequem sitzt.“ Nicht perfekt. Nicht heldenhaft. Nur lang genug, damit dein System lernen kann: Neu ist nicht automatisch falsch. Und vielleicht ist genau das der Moment, in dem Veränderung beginnt, erwachsen zu werden. Nicht mehr als große Idee im Kopf, sondern als kleine neue Erfahrung im Alltag.
Von Herzen, Dennis Pfeiffer
In der nächsten Kolumne geht es um Sichtbarkeit: Warum viele Menschen sich wünschen, endlich mehr sie selbst zu sein – und dann erschrecken, sobald andere sie wirklich sehen.
Nr. 309 vom 05. August 2026, Seite 32
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