Als Insulin in der Psychiatrie floppte

Irrtümer in der medizinischen Behandlung hat es schon immer gegeben. Ein Beispiel aus dem vergangenen Jahrhundert ist das Wundermittel Radiothor (radioaktives Wasser) zur Behandlung von Müdigkeit, Impotenz und Krebs. Ein anderes ist der Einsatz von Insulin zur Heilung der Schizophrenie. Wie kam es aber zu diesem Flop? Zur Einstimmung auf diese Frage erinnern wir uns am besten an einen Schlager, dessen Anfang so beginnt:

 

„Kennt ihr die Zuckerpuppe

Aus der Bauchtanztruppe

Von der ganz Marokko spricht?

Die kleine süße Biene

Mit der Tüllgardine

Vor dem Babydollgesicht?

Suleika, Suleika heißt die kleine Maus

Heißt die Zuckerpuppe

Aus der Bauchtanztruppe

Und genau so sieht sie aus“ (Bill Ramsey)

 

Das war ein Ohrwurm, der es wochenlang ganz oben in die Schlager-Charts schaffte, und das lag nicht nur an der besonderen Interpretation durch den deutsch-amerikanischen Jazzsänger Bill Ramsey. Dazu trug auch eine überraschende Wende im Text bei. Denn die im Orient vermutete Heimat der Tänzerin entpuppte sich als Friedrich Engels Geburtsort Wuppertal und die Tänzerin als eine alte Bekannte des Sängers. Eine ähnliche Verwirrung gab es auch in der Psychiatrie, allerdings nicht in Gestalt einer Tänzerin, sondern mit dem Insulin.

 

Als ich den Schlager vor kurzem wieder gehört habe, fühlte ich mich zurückversetzt in meine Grundschulzeit. Einmal wurde uns Schülern eine etwas heikle Aufgabe übertragen. Wir sollten zu fremden Leuten gehen und von diesen Harnproben einsammeln. Die Proben wurden anschließend auf ihren Gehalt an Zucker (Glucose) untersucht. Aber das gehörte dann nicht mehr zu unserer Aufgabe. Da aber die Probe auf Zucker im Harn auf einer lehrreichen Chemie beruht, kann ich es mir nicht verkneifen, einige Worte dazu zu schreiben. In einem Reagenzglas wird etwas von dem Harn mit der blauen Fehling-Lösung (blau, weil darin zweiwertige Kupferionen enthalten sind) versetzt und das Gemisch kurz aufgekocht. Wenn im Harn Zucker war, dann gab es einen rötlichen Niederschlag von Kupferoxid (Cu2O). Und die Chemie des Ganzen ist eine Redoxreaktion, bei der Elektronen vom Zucker auf die Kupferionen übertragen werden. Diese 1848 von Hermann Fehling vorgeschlagene Probe zum Nachweis von Blutzucker war ein großer Fortschritt in der Medizin, denn fortan blieb den Ärzten das bisher übliche Kosten des Harns erspart. Heute ist es auch längst Geschichte, dass noch vor 70 Jahren die Bevölkerung so auf Diabetes gescreent wurde. Für uns Grundschüler war es schon etwas Besonderes, einmal kurzzeitig der verlängerte Arm des Gesundheitswesen gewesen zu sein.

 

Bevor Insulin ein Medikament wurde, kam die Diabetes-Diagnose einem Todesurteil gleich. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung nach dem 2. Weltkrieg nahm auch der Bedarf  an Insulin zu. Bald zeichnete sich ab, dass die tierischen Quellen für den Insulinbedarf nicht mehr ausreichen würden. Dazu kam noch, dass nicht jeder Diabetiker das Fremdeiweiß vertrug. Um eine Vorstellung vom Jahresbedarf eines Diabetikers an Insulin zu bekommen, muss man sich nur eine Herde von 52 Schweinen vorstellen. Dank der Gentechnologie ist die Sorge um die Insulinversorgung und seine Verträglichkeit mit dem Immunsystem schon lange keine Herausforderung mehr. Mit ihrem ausgeklügelten, raffinierten Instrumentarium haben die Molekularbiologen den Bakterien die Bildung von menschlichem Insulin übertragen. Und trotzdem hört es nicht auf, das Misstrauen gegenüber dieser Biochemie zu befeuern, zum Beispiel mit Werbungen für Milch, Eier und Fleisch mit dem Label, „Ohne GenTechnik“. 

 

Für uns ist der Zucker im Blut lebensnotwendig, denn sein Abbau liefert den Zellen viel und schnell Energie. Das gilt ganz besonders für das „energiehungrige“ Gehirn, denn das gewinnt die Energie für seine vielfältigen Aktivitäten, mit Ausnahme von gewolltem oder ungewolltem Fasten, vollständig durch die Verbrennung des Blutzuckers. Aber der Blutzucker wird zum Gift, wenn sein Gehalt auf Dauer erhöht ist. Dann reagiert er mit den Eiweißen der Gefäße, worunter zuerst die feinen Blutgefäße in den Augen und Nieren leiden. Um Gefäßschäden durch den Blutzucker zu verhindern und andererseits eine Unterversorgung des Gehirns zu vermeiden, muss sein Gehalt im Blut innerhalb eines engen Bereichs gehalten werden. Insulin „treibt“ den Blutzucker in die großen und stoffwechselaktiven Organe wie Leber, Skelettmuskulatur und Fettgewebe. Bei einem Zuviel an Insulin kommt es zur Unterzuckerung (Hypoglykämie), einem Zustand, der dem Gehirn kaum noch Energie zuführt. Warum wurde nun das Insulin zu einem medizinischen Flop bei der Behandlung der Schizophrenie? Der Begriff Schizophrenie kann mit „gespaltenes Zwerchfell“ übersetzt werden. Zwerchfell deshalb, weil in diesem (phren) im antiken Griechenland der Sitz der Seele vermutet wurde. In akuten Phasen leiden davon Betroffene an Wahnvorstellungen, akustischen Halluzinationen und einer gefühlten Fremdsteuerung. Einen Eindruck von dem Krankheitsbild bekommt man mit dem Film, „Shine – Der Weg ins Licht“, der eine Lebensbeschreibung des australischen Pianisten David Helgott ist.

 

Zum Einsatz des Insulins in der Psychiatrie kam es durch einen Fehler. In den 1930er Jahren wurden Morphinabhängige durch den Wiener Arzt Sakel mit Insulin behandelt. Einmal wurde einem Patienten eine zu hohe Dosis verabreicht, die den hypoglykämischen Schock auslöste. Nach der Darstellung von Sakel befand sich der Patient nach dem Wiedererwachen in einem verbesserten geistigen Zustand. Daraufhin propagierte er umtriebig die Insulinschocktherapie als Behandlungsmethode für die Schizophrenie. Seine Annahme war, dass der Schock die Gehirnaktivitäten heilsam neu ordnete. Trotz Kritik von Anfang an wurde Patienten zwei Jahrzehnte hindurch mehrmals über Wochen eine Insulin-Überdosis verabreicht. Das war nicht nur sehr belastend für die Patienten, sondern erforderte auch eine aufwendige klinische Betreuung. Davon abgesehen kam es zu Todesfällen durch die Insulinschocktherapie. Auch mussten Patienten nach der hypoglykämischen Behandlung oft mit unterschiedlichen Schäden weiterleben. Was die Schizophrenie betraf, war der Einsatz des Insulins zu deren Behandlung völlig nutzlos. Es ist dem „David-gegen-Goliath-Kampf“ des englischen Arztes Dr. Harold Bourne zum großen Teil zu verdanken, dass die Insulinschocktherapie langsam aus der Psychiatrie verschwand.

 

Prof. Dr. Peter Schönfeld

Nr. 309 vom 05. August 2026, Seite 27

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