Strukturen erzählen Geschichten
Bei Jana Krefts Bildern entsteht vieles aus dem Zusammenspiel von Planung und Zufall. Farben, Strukturen und Materialien entwickeln sich Schicht für Schicht. Dabei werden aus kontrollierten Eingriffen und überraschenden Momenten einzigartige abstrakte Werke. Ihre Kunst lebt von vielschichtigen Oberflächen, intensiven Farbräumen und der Möglichkeit, dass jeder Betrachter etwas Eigenes darin entdeckt. „Ich bin eine ganz offene Künstlerin, stehe für Strukturen, stehe für Farben“, beschreibt Jana Kreft ihren künstlerischen Ansatz. Ihre Bilder sollen keine eindeutige Geschichte vorgeben, sondern Raum für Wahrnehmung,
Gefühle und eigene Interpretationen lassen. Besonders fasziniert sie, wenn Menschen lange vor ihren Werken stehen und darin persönliche Verbindungen entdecken.
Der Weg zur abstrakten Kunst entwickelte sich über viele Jahre. Kunst begleitet Kreft bereits seit ihrer Kindheit. Sie zeichnete, arbeitete mit Aquarell und Acryl und sammelte durch verschiedene Kurse Erfahrungen
mit unterschiedlichen Techniken. Nach einer Familienphase mit ihren zwei Töchtern fand sie vor rund 15 Jahren wieder intensiver zur Kunst zurück. Sie besuchte Workshops, probierte sich aus und fand schließlich in der abstrakten Kunst mit ihren Strukturen den Bereich, in dem sie sich angekommen fühlte.
Ein wichtiger Schritt auf diesem Weg war die Beschäftigung mit der Strukturtechnik. Dabei lernte Kreft verschiedene Herangehensweisen kennen und entwickelte ihre eigene Arbeitsweise weiter.
Auch die Kunstgeschichte spielt für Kreft eine wichtige Rolle. Besonders beeindruckt sie der italienische Künstler Alberto Burri, dessen reduzierte Arbeiten mit Strukturen sie nachhaltig geprägt haben. Ebenso zählt Gerhard Richter zu ihren großen künstlerischen Vorbildern. Inspiration findet sie aber auch immer wieder in Museen und Ausstellungen, aus denen sie neue Eindrücke, Farbkombinationen oder Bildideen mitnimmt.
Ihre Bilder entstehen in einem langen Prozess, bei dem Planung und Zufall eng miteinander verbunden sind. Zwar hat Kreft bestimmte Vorstellungen, doch die entstehenden Risse und Strukturen bringen häufig eine eigene Dynamik in das Werk. „Ich habe es nicht in der Hand, wo die Risse entstehen und wie sie entstehen“, erklärt sie. Nachdem eine Grundstruktur entstanden ist, beginnt die eigentliche malerische Arbeit. Kreft trägt zahlreiche Schichten aus selbst angemischten Farben und Pigmenten auf, arbeitet mit verschiedenen Bindemitteln und verändert die Oberfläche durch Auftrag und Abtrag. Manche Bilder bestehen aus 50 oder 60 Farbschichten. Durch diesen aufwendigen Prozess entstehen besondere Farbtiefen und Oberflächen, die sich erst bei genauer Betrachtung vollständig erschließen.
Inspiration findet Jana Kreft überall. Besonders Reisen spielen eine wichtige Rolle. Eindrücke aus Tempeln in Bangkok oder der Farbwelt der Sagrada Familia in Barcelona übersetzt sie in ihre eigene abstrakte Bildsprache. Auch Naturphänomene können Ausgangspunkt für neue Werkserien sein – etwa eine Dokumentation über Gletscher, die sie zu mehreren Bildern inspirierte.
Besonders eindrücklich blieb ihr eine Begegnung aus ihrer ersten Ausstellung: Ein Besucher fragte sie, wie sie den Vogel in ein Bild bekommen habe. Dabei hatte sie selbst keinen Vogel gemalt. Für Kreft wurde daraus ein Beispiel dafür, wie unterschiedlich Menschen Kunst wahrnehmen und welche eigenen Geschichten sie in
ein Werk hineintragen. Genau diese Momente zeigen für sie die besondere Kraft abstrakter Kunst.
Bei der KUNST/MITTE zeigt Jana Kreft Arbeiten, die unterschiedliche Techniken und Farbwelten verbinden. Gemeinsam ist ihnen ein zentrales Element: Sie besitzen eine Mitte, ein Zentrum, das den Blick des Betrachters führt. Dabei präsentiert sie sehr verschiedene Arbeiten, von Bildern mit Bitumen über Sumpfkalk bis hin zu Marmormehlstrukturen.
Für Jana Kreft steht nicht nur das fertige Bild im Mittelpunkt, sondern auch der Weg dorthin. „Ich liebe den Prozess“, sagt sie. Ihre Kunst entsteht aus Experiment, Intuition und der Bereitschaft, Veränderungen offen zu begleiten. Für sie ist ein Bild erst dann fertig, wenn alles miteinander harmoniert, die Farbe, Struktur und das Gefühl. Genau diese Offenheit macht ihre Werke zu Bildern, die nicht nur betrachtet, sondern erlebt werden wollen.
Christian Aßmann
Nr. 309 vom 05. August 2026, Seite 24
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