Standpunkt Breiter Weg: Der Preis der unerledigten Dinge

Der AfD-Erfolg in Sachsen-Anhalt ist mehr als ein Sozialreport in Wahlform. Wer ihn nur mit Ärzte­mangel, Löhnen oder Schulen erklärt, unter­schätzt die politische Verschiebung. Für viele An­hänger führt die AfD auch einen Kulturkampf: gegen das Gefühl, die eigene Sprache, Lebens­weise und nationale Zugehörigkeit müssten sich dauernd rechtfertigen. Migration, Klima, Ge­schlechterrollen und Sicherheit werden zu Fra­gen von Respekt.

 

Das darf man nicht abtun. Viele empfinden politische und mediale Sprache als belehrend oder fern vom Alltag. Sie wollen nicht nur einen besseren Busfahrplan, sondern mit ihren Hei­matbindungen und ihrer Skepsis gegenüber ra­schem Wandel gesehen werden. Die AfD spricht dieses Bedürfnis nach Zugehörigkeit offensiver an. Darin liegt Stärke – nicht Rechtfertigung.

 

Der Kulturkampf verbindet sich mit Alltagspro­blemen. Wer keinen Arzttermin bekommt, eine überforderte Schule erlebt oder um den Betrieb bangt, hört politische Versprechen anders. Der Sachsen-Anhalt-Monitor nennt Wirtschaft, Arbeit und Löhne sowie Infrastruktur und Personalman­gel als größte Sorgen; Migration ist wichtig, aber nicht das meistgenannte Problem. Die AfD formt daraus die Erzählung: Die da oben kümmerten sich um alles, nur nicht um uns.

 

Das trifft die CDU. Sie stellt in Sachsen-Anhalt seit mehr als zwei Jahrzehnten den Regierungs­chef und ist keine unbeteiligte Beobachterin. Wo Fortschritt zu langsam sichtbar wird, entsteht po­litische Nichtvertretung. Die Bundespolitik unter Friedrich Merz verstärkt dies. Wenn bei Preisen, Investitionen und öffentlichen Diensten wenig ankommt, wird die Landtagswahl auch zur Ab­stimmung über Berlin.

 

Ein starkes AfD-Ergebnis wäre eine Abstrafung der Bundes-CDU und ihres Kanzlers – ebenso ein Urteil über die Landespolitik. Es wäre eine Warnung an ein Milieu, das kulturelle Einwände zu schnell als Rückschritt abtut. Wer AfD-Wähler pauschal belehrt, bestätigt ihre Erzählung von Geringschätzung durch Eliten. Demokratische Parteien müssen kulturelle Fragen ernst nehmen, ohne Minderheiten, Europa oder Rechtsstaat preiszugeben.

 

Aus der Nichtlösungskompetenz bisheriger Re­gierungen folgt aber keine Lösungskompetenz der AfD. Opposition kann zuspitzen; Regieren heißt, abzuwägen und zu finanzieren. Es verlangt Personal, Konzepte, Rechtsbindung und Kompro­missfähigkeit. Daran muss die AfD sich messen lassen. Ihr Erfolg erklärt sich aus realen Mängeln und kulturellen Konflikten. Er beweist nicht, dass ihre Antworten die Probleme lösen.

 

Die demokratische Antwort kann weder im Weiter-so noch in einer Kopie der AfD liegen. Sie muss Wirksamkeit und kulturellen Respekt ver­binden: gute Schulen, Gesundheit, Infrastruktur und klare Regeln bei Migration – aber auch eine Sprache, die Menschen nicht kleinmacht. Erst wenn Politik im Alltag liefert und Zuge­hörigkeit nicht gegen Offenheit aus­spielt, verliert der Kulturkampf seinen Ertrag.

Thomas Wischnewski

Nr. 310 vom 19. August 2026, Seite 2

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