Römers Reich: Schuld ist immer der Chef

Deutschland hat ein Problem. Nicht mit der Rente, nicht mit der Infrastruktur, nicht mit dem Fachkräftemangel – nein, das eigentliche Problem ist der Arbeitsplatz. Das hat uns kürzlich wieder einmal der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen erklärt, und man muss den Mut dieser Menschen bewundern, dieselbe Pressemitteilung zum gefühlt vierzehnten Mal in Folge herauszugeben. Die Botschaft ist klar: Fehlzeiten wegen psychischer Erkrankungen steigen. Wieder. Um neun Prozent. Und wer ist schuld? Der Arbeitgeber. Natürlich. Immer.

 

Man könnte nun einwenden, dass der durchschnittliche Deutsche inzwischen 40 Prozent seiner Erwerbszeit in Teilzeit verbringt – Rekord! –, also rein rechnerisch mehr Zeit nicht auf der Arbeit als auf der Arbeit. Man könnte fragen, was in diesen vielen freien Stunden eigentlich passiert. Aber das wäre unfair. Denn die Freizeit ist heilig. Dort wird schließlich gescrollt.

 

Ja, gescrollt. Täglich, stündlich, nächtlich. Das Smartphone leuchtet um zwei Uhr morgens, und der Algorithmus serviert wahlweise Weltuntergangsszenarien, Körper, die man selbst nie haben wird, oder Katzenvideos – je nach Gemütslage. Das Robert Koch-Institut meldet derweil nüchtern, dass jeder dritte Erwachsene in Deutschland nicht mehr schläft. Oder zumindest nicht gut. Die Schlafstörungsprävalenz ist seit 2008 um fünf Prozentpunkte gestiegen. Aber das steht halt nicht in der Pressemitteilung über Arbeitsunfähigkeitstage.

 

Dabei wäre die Logik so einfach: Wer nicht schläft, ist erschöpft. Wer erschöpft ist, ist gereizt. Wer gereizt ist, findet seinen Job unerträglich. Und wer seinen Job unerträglich findet, bekommt eine Krankschreibung. Fertig ist die Statistik, die beweist, dass der Arbeitsplatz krank macht. Unterdessen sitzt ein Fünftel der Deutschen sehr einsam zu Hause. Die WHO hat ausgerechnet, dass einsame Menschen doppelt so häufig depressiv werden. Aber Einsamkeit hat keine Lobby, keine Pressestelle und keinen Tarifvertrag. Also bleibt sie unerwähnt.

 

Und die Bewegung? Ach, die Bewegung. Studien zeigen, dass regelmäßiger Sport das Depressionsrisiko um 20 Prozent senkt. Aber wer will schon Sport machen, wenn man auch auf dem Sofa über die Arbeitsbedingungen posten kann?

 

Das Schöne an unserem System ist seine Eleganz: Wir schlafen schlecht, bewegen uns kaum, verbringen unsere Freizeit in digitalen Parallelwelten, vereinsamen hinter Bildschirmen – und wenn wir dann erschöpft zusammenbrechen, zeigen wir auf den Chef. Der hat es schließlich verdient.

 

Die Lösung? Mehr betrieblicher Arbeitsschutz, natürlich. Und eine ausreichende psychotherapeutische Versorgung. Was sonst. Der Autor empfiehlt zur Lektüre dieser Kolumne: ausreichend Schlaf, einen Spaziergang und das Abschalten des Smartphones. Alle drei Maßnahmen sind kostenlos und ohne Pressemitteilung erhältlich.

Axel Römer

Nr. 310 vom 19. August 2026, Seite 3

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