Warum Kauffreudeverlust auf Abwege führen kann
In der Volkstimme war vor Kurzem ein Leserbrief abgedruckt („Aus der Seele gesprochen“, Wochenende, 8./9. August, 2026), dessen inhaltlicher Aussage ich ohne Abstriche zustimme. Zum Verständnis meiner nachfolgenden Bemerkungen stelle ich Kernaussagen aus dem Leserbrief an den Anfang.
Ich habe den Eindruck, dass es insgesamt vielen Menschen viel zu gut geht. Zu jammern ist ein neuer alter Volkssport. Immer gibt es irgendetwas. Da kommt die AfD mit ihrem mehr als fragwürdigen Programm gerade recht.
Beim Lesen des Briefes erinnerte ich mich an das Märchen „Die drei Wünsche“ und ein Bonmot von 2010 des damaligen Außenministers Westerwelle über den deutschen Sozialstaat. Zuerst zu dem Märchen, das davon erzählt, dass einem armen Mann von einem wandernden Alten (der verkleidete Gott) drei Wünsche gewährt wurden, weil der Arme den Alten über Nacht in sein Haus aufgenommen hatte. Am nächsten Tag übergibt der arme Mann dem weiter wandernden Alten einen Sack. Um den weiteren Handlungsablauf zu verstehen, muss man wissen, dass der Alte zuvor von einem reichen Nachbarn kein Obdach bekommen hatte.
Der mit den Wünschen beschenkte arme Mann wählte für sich und seine Frau Seligkeit, Gesundheit und die Reparatur seines maroden Hauses. Als der reiche Nachbar seiner Frau von der schönen Reparatur des Hauses seines armen Nachbarn erzählt hatte, befahl diese ihm, dem Alten schleunigst nachzureiten. Der Alte gewährte dem Reichen auch drei Wünsche. Das war dem Reichen allerdings noch nicht genug, denn der forderte zusätzlich noch den Sack, den der arme Nachbar dem Alten übergeben hatte. Am Ende des Märchens bleibt dem reichen Nachbarn nach der Erfüllung von unsinnigen Wünschen nur noch die im Sack verborgene, ehemalige Armut seines Nachbarn.
Und nun zu Westerwelle, der hatte den Sozialstaat mit der Metapher von der „spätrömischen Dekadenz“ verglichen. Für diesen Vergleich gab es damals viel Gegenwind für Westerwelle. Heute erfährt das Bonmot viel Widerhall.
Es kann nicht bezweifelt werden, dass die vielerorts artikulierte Unzufriedenheit der Menschen über die Bundes- und Landespolitik sowie bestimmte gesellschaftliche Entwicklungen zum Aufstieg der AfD geführt hat. Für viele ist diese Partei zum neuen Hoffnungsträger geworden, obwohl deren umfangreiches Parteiprogramm von den Wenigsten gelesen, geschweige denn verinnerlicht wurde. Es fehlt den AfD-Sympathisanten offenbar auch die Fantasie, sich auszumalen, dass eine 1:1 Umsetzung des Parteiprogramms Sachsen-Anhalt in die Isolation führt und zu dem mit großem Abstand ärmsten Bundesland machen wird.
Angeregt durch die eingangs zitierte Leserzuschrift habe ich mir Gedanken darüber gemacht, was zum „jammern als neuer alter Volkssport“ beigetragen haben könnte. Hierbei muss man auch unsere ostdeutsche Vergangenheit in den Blick nehmen. Meiner Vermutung nach spielt dabei der Verlust an Freude beim Einkaufen eine Rolle. Ich meine damit eine Freude, die es nur unter Bedingungen einer Mangelwirtschaft geben kann. Nur einige wenige Beispiele hierzu: Uns Älteren ist noch gut in Erinnerung, dass für den Kauf eines Trabant im Normalfall eine Wartezeit von 10 bis 12 Jahre eingeplant werden musste. Das entsprach einem Siebtel der Lebenszeit.
Den nach der Wiedervereinigung Geborenen ist diese Durststrecke kaum glaubhaft zu vermitteln. Deshalb können die Nachgeborenen sich auch nicht vorstellen, dass nach Jahren des geduldigen Wartens am Tag des Erwerbs die Freude über einen Trabant riesig war und diese danach noch Jahre anhielt. Heute, wo der wartelose Kauf eines Autos auch bei geringer Finanzkraft möglich geworden ist, ist die lang andauernde Freude über den Autokauf, so wie wir diese damals empfunden haben, verlustig gegangen. Das nötige Kleingeld vorausgesetzt, kann man heute zu jeder Zeit eine Reise in den letzten Winkel der Welt buchen. Ähnlich verhält es sich bei dem täglichen Einkauf.
Es gibt zu jeder Jahreszeit exotisches Obst aus der Ferne und hochwertiges Fleisch zu kaufen. Wie soll sich bei einem so breiten, allgegenwärtigen, keinen Wunsch offenlassenden Überangebot noch eine Kauffreude einstellen? Welche Freuden haben die vollbeschäftigten Frauen zu DDR-Zeiten erlebt, wenn es ihnen in der Vorweihnachtszeit gelungen war, doch noch etwas von den begehrten Köstlichkeiten für die Festtage erhascht zu haben. Der Spargel ist auch ein Beispiel. Heute kann man diesen in der Spargelzeit „fast an jeder Straßenecke kaufen“. Vor 37 Jahren musste man als Magdeburger dazu nach Beelitz fahren, vorausgesetzt man hatte dorthin eine Beziehung.
Bei der heutigen, fast immer sofortigen Befriedigung eines Kaufwunsches entfällt das mit dem Kauf verknüpfte, früher gekannte freudvolle Erfolgserlebnis. Das kann, so meine Vermutung, bei Käufern eine emotionale Leere erzeugen, die darauf drängt, sich fortan mit realen oder scheinbaren Unzulänglichkeiten intensiv zu beschäftigen, wie beispielsweise mit einer Kritik am Gesundheitswesen.
Dabei wird ausgeblendet, dass sich in den vergangenen, nunmehr fast vier Jahrzehnten die Gesundheitsfürsorge der Menschen in den neuen Bundesländern enorm verbessert hat. Hier gibt es sicher den Einspruch, der auf den Ärztemangel im ländlichen Bereich und auf die mitunter lange Wartezeit für einen Facharzttermin abzielt. Aber es ist eine Tatsache, dass sich von 1990 bis heute die Zahl der Ärzte in Deutschland verdoppelt hat. Wenn trotzdem Engpässe auftreten, liegt das auch am veränderten gesellschaftlichen Verhalten, wie der Inanspruchnahme von Teilzeitarbeit, einer Phobie gegenüber dem Landleben oder eine nichtdringliche Beanspruchung ärztlicher Hilfe, wie des Notdienstes. Der Beleg für die verbesserte Gesundheitsfürsorge ist der Anstieg der Lebenserwartung für Frauen und Männer in Ostdeutschland von 78 bzw. 70 Jahren (Stand: 1991/1993) auf 84 bzw. 77 Jahre (Stand: 2023/2025).
Noch eine letzte Bemerkung: Abgesehen von dem Kauffreudeverlust, hat ein Kaufkraftverlust auch das Potential für eine Weichenstellung auf Abwege, wie beilspielweise die „Selbstbedienung“ in Geschäften.
Peter Schönfeld
Nr. 310 vom 19. August 2026, Seite 18
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