Weniger Bürokratie, mehr Medaillen?

Nach jahrelangem Treten auf der Stelle will die Bundesrepublik bei der Förderung des Hochleistungssports einen neuen Anlauf nehmen.  Von Rudi Bartlitz

Es waren zwei Dinge, mit denen die Politik jüngst in der Causa Sport von sich reden machte. Nicht unbedingt zu ihrem Vorteil. Wieder einmal. Da war zunächst jene Gaga-Botschaft, mit der der Kanzler die Fußball-Nationalelf nach dem schmählichen WM-Auftritt aufzumuntern versuchte. „Mit eurem Einsatz und Teamgeist bei dieser WM habt ihr unser Land begeistert. Wir sind stolz auf euch“, schrieb Merz tatsächlich nach dem dritten verpassten WM-Achtelfinale in Folge. Begeistert? Stolz? Die Fans trauten Augen und Ohren nicht. Will Merz uns verarschen, fragten einige drastisch. Die Message aus Berlin klang für sie, als habe ein bis zum Letzten fightendes Team eine heroische Finalniederlage hinnehmen müssen.

 

Der zweite Fauxpas passierte nur Wochen später beim misslungenen Personal-Revirement der Bundesregierung. Zu deren „Opfern“ zählte auch die bis dahin für den Sport zuständige  Staatsministerin Christiane Schenderlein. Die in Weißenfels geborene CDU-Politikerin, so etwas wie eine Art Sportchefin der Republik mit (erstmals) Sitz im Kanzleramt, wurde zur Staatssekretärin degradiert. Bezeichnend: Die Führung des organisierten Sports hierzulande, der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB), wusste davon so viel: nämlich nichts.

 

Es hätte natürlich einen guten Grund geben können für diese Merz-Idee. Etwa die Ablösung einer zum Verdruss manches Sport-Verbandsfürsten wenig sportaffinen Staatsministerin zugunsten einer neuen Galionsfigur. Die einer möglichen deutschen Olympiabewerbung auch international so richtig Feuer geben könnte. Eine Art Super-Klopp des deutschen Sports etwa. Aber: Nichts da, eine solche Figur ist weit und breit nicht auszumachen.

 

Zumal Schenderlein, rein fachlich, nicht allzu viel vorzuwerfen ist. Im nächsten Jahr erhält der Sport 361,7 Millionen Euro aus der Steuerkasse, ein Rekord. Es spricht zumindest nicht gegen die Ex-Staatsministerin. Ebenso nicht, dass unter ihrer Regie ein unabhängiges „Zentrum für Safe Sport“ zum Schutz von Sportlerinnen und Sportlern geschaffen wurde. Und im Bundestag legte ihr Ressort, nach jahrelangen Querelen, ein Sportfördergesetz zur Abstimmung vor.

 

Dass es in den letzten Jahren generell nicht gut stand um den deutschen Sport, pfiffen die Spatzen längst von den Dächern. Dafür gibt es ein ganzes Bündel an Ursachen. Nur ein kleines Beispiel aus den letzten Wochen. Das Berliner Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten (FES) und das Leipziger Institut für Angewandte Trainingswissenschaften (IAT) – zwei einst in der DDR entstandene (und heute hoch anerkannte) Institutionen – erklärten in einem Brief an Bundestagsabgeordnete, angesichts der Haushaltslage 2027 Mitarbeiter entlassen zu müssen. Wie die „FAZ“ berichtet, fordern sie eine Erhöhung ihrer Förderung um 2,59 Millionen Euro für das Haushaltsjahr 2027 auf rund 25,8 Millionen Euro: „Sollte dieser Ausgleich im Bundeshaushalt 2027 nicht erfolgen, werden wir Personal abbauen müssen. Dies würde die internationale Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands nachhaltig beeinträchtigen.“

 

Laut eigener Darstellung haben FES und IAT bei den Olympischen Winterspielen in Italien im Februar an 88 Prozent der Medaillen „maßgeblichen“ Anteil gehabt. Allein 19 von 26 Medaillen gewann das Team im Eiskanal. Die FES baut Zweier- und Viererbobs, Skeleton-Schlitten und Rennrodel, hilft bei der Verbesserung oder liefert Athleten Zubehör wie Kufen. Der Anteil von FES und ITA an Medaillen bei den Paralympics des Winters soll bei 65 Prozent gelegen haben.

 

Noch ein weiterer Beleg dafür, dass der deutsche Sport mehr oder weniger auf der Stelle tritt: Das über ein Dutzend Jahre anhaltende Hickhack um eine Neuregelung der Spitzensportförderung unter dem Namen „Potas“ (steht für ein unsägliches Förderinstrument) ist in die Geschichte eingegangen. Nun wird ein neuer Anlauf unternommen, deutsche Athleten wettbewerbsfähiger zu machen und mehr Medaillen bei Meisterschaften und Olympischen Spielen zu gewinnen.  DOSB und Bundesregierung haben sich deshalb auf ein „Sportfördergesetz“ geeinigt. Es soll dazu beitragen, den deutschen Hochleistungssport wenigstens auf Rang fünf bei Sommerspielen und Rang drei bei Winterspielen zu hieven. Positionen übrigens, die man längst einmal innehatte. Zur Erinnerung: In Paris 2024 belegte Schwarz-Rot-Gold Rang zehn im Medaillenspiegel. Im Februar in Italien sprang Platz fünf heraus hinter Norwegen, den USA, den Niederlanden und Italien.

 

Herzstück der Reform ist die Gründung einer unabhängigen Spitzensportagentur. Mit Sitz in Leipzig. Sie soll 2027 ihre Arbeit aufnehmen und unabhängig sowie eigenständig die Steuer-Millionen verteilen.  Final entscheidet der Bundesrat im Herbst darüber. Zu den Aufgaben der Agentur zählen die Verbandsförderung, die individuelle Athletenförderung, die wissenschaftliche Unterstützung, die Förderung und gegebenenfalls auch Neuausrichtung von Olympia- und Bundesstützpunkten sowie die Bestimmung der Bundeskaderanzahl und sportübergreifende Kaderkriterien. Die Ziele: weniger Bürokratie, mehr Medaillen. Klingt zunächst prima. Die Frage bleibt, ob diese Gleichung am Ende aufgeht.

Nr. 310 vom 19. August 2026, Seite 49

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