Die stille Erosion

Wie KI unser Denken auslagert und schwächt | Von Thomas Wischnewski

Das Streben nach Bequemlichkeit ist eine tief verwurzelte Konstante in der Geschichte der Menschheit. Anthropologen und Kognitionswissenschaftler sprechen oft vom „Prinzip des geringsten Aufwands“ (Principle of Least Effort). Jeder technologische Fortschritt – vom Rad über den Buchdruck bis zum Internet – verdankt seinen Erfolg letztlich dem Versprechen, menschliche Anstrengung zu minimieren. Wir vermeiden physische und mentale Mühen, wo immer es geht. Doch was passiert, wenn wir nicht nur Muskelkraft oder das Auswendiglernen von Fakten an Maschinen delegieren, sondern das Denken selbst?

 

In einem Interview in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (06.08.2026) warnt der Ethikprofessor Ziad Mahayni eindringlich vor den Folgen der allgegenwärtigen Künstlichen Intelligenz (KI) im Bildungswesen. KI, so Mahayni, sei nicht einfach nur ein weiteres Werkzeug in der langen Reihe menschlicher Erfindungen, sondern eine „Metatechnologie“, die den Sinn von Bildung grundsätzlich infrage stelle. Die zentrale These: Die bequeme Auslagerung kognitiver Prozesse an KI-Systeme führt zu einem schleichenden Verlust der eigenständigen Denkfähigkeit – einem Phänomen, das in der Forschung als Cognitive Diminishment oder kognitive Atrophie bezeichnet wird.

 

Die Bequemlichkeitsfalle

 

Der Mensch ist von Natur aus ein „kognitiver Geizhals“ (cognitive miser). Unser Gehirn, das zwar nur etwa zwei Prozent unseres Körpergewichts ausmacht, aber rund 20 Prozent unserer Energie verbraucht, ist evolutionär darauf programmiert, Energie zu sparen. Diese biologische Effizienzstrategie hat uns in der Vergangenheit gute Dienste geleistet. Wir haben das Navigieren an GPS-Systeme ausgelagert, das Rechnen an Taschenrechner und das Faktenwissen an Suchmaschinen wie Google.

 

Bereits der antike Philosoph Platon ließ seinen Lehrer Sokrates im Dialog Phaidros vor der Erfindung der Schrift warnen. Sie werde, so Sokrates, „Vergessenheit in den Seelen derer schaffen, die sie lernen, aus Vernachlässigung des Gedächtnisses“. Ähnliche Befürchtungen begleiteten den Buchdruck und das Internet. Der Kulturkritiker Nicholas Carr fragte schon vor über einem Jahrzehnt: „Werden wir durch das Internet dümmer?“.

 

Doch die Auslagerung an KI hat eine neue, besorgniserregende Qualität erreicht. Während ein Taschenrechner lediglich arithmetische Operationen übernimmt, übernimmt generative KI (wie ChatGPT) das Strukturieren von Argumenten, das Zusammenfassen von Texten und das Formulieren von Gedanken – also genau jene Prozesse, die für die Entwicklung von kritischem Denken unerlässlich sind.

 

Wenn das Gehirn nicht trainiert

 

Die empirische Forschung stützt Mahaynis Warnungen auf eindrucksvolle Weise. Eine aktuelle, groß angelegte Studie des MIT Media Lab unter der Leitung von Nataliya Kosmyna untersuchte die neuronalen Auswirkungen des Schreibens von Essays mit und ohne KI-Unterstützung. Die Ergebnisse sind alarmierend: Teilnehmer, die sich auf Large Language Models (LLMs) verließen, zeigten eine deutlich geringere neuronale Konnektivität – also weniger Gehirnaktivität – als diejenigen, die ohne Hilfsmittel arbeiteten.

 

Besonders gravierend war der Effekt des „Cognitive Debt“ (kognitive Schulden): Als die KI-Nutzer in einer späteren Phase der Studie gebeten wurden, ohne KI zu schreiben, stieg ihre Gehirnaktivität nicht wieder auf das Ausgangsniveau an. Sie blieb auf einem niedrigen Level. Mahayni beschreibt dies im FAZ-Interview treffend: „Man gewöhnt sich daran, nicht selbst denken zu müssen, und diese Gewohnheit scheint sich nicht einfach wieder abschütteln zu lassen“.

 

Zudem entfremden sich die Nutzer von ihren eigenen Texten. In der MIT-Studie konnten 83 Prozent der Teilnehmer, die ihren Essay mit KI geschrieben hatten, kurz danach keinen einzigen Satz daraus zitieren. Die Lernanstrengung, die neurologisch notwendig ist, um Inhalte durch stabile Synapsenverbindungen im Langzeitgedächtnis zu verankern, fehlt schlichtweg. Ohne Anstrengung gibt es kein tiefes Lernen.

 

Fähigkeiten, die nicht entstehen

 

Während Erwachsene, die KI zur Bewältigung ihres Arbeitsalltags nutzen, Gefahr laufen, bereits erworbene Fähigkeiten verkümmern zu lassen (Atrophie), stehen Kinder und Jugendliche vor einem noch viel größeren Problem. Der Bildungsforscher Timothy Cook spricht hier von „kognitiver Zwangsvollstreckung“ (cognitive foreclosure).

 

Wenn ein 45-jähriger Akademiker eine KI bittet, ein Paper zusammenzufassen, lagert er eine Aufgabe aus, die er im Prinzip selbst beherrscht. Er kann die Qualität der KI-Antwort beurteilen. Wenn jedoch ein 14-jähriger Schüler seine Hausaufgaben von ChatGPT erledigen lässt, lagert er einen kognitiven Prozess aus, den er noch gar nicht erlernt hat. Er baut die neuronalen Pfade für Quellenkritik und Argumentationsaufbau gar nicht erst auf. „Man kann keinen Muskel atrophieren lassen, der nie aufgebaut wurde“, so Cook.

 

Dies führt zu einer bedenklichen Homogenisierung des Denkens. Wenn Schüler ihre Informationen durch dasselbe statistische Modell filtern lassen, übernehmen sie unweigerlich die Struktur, die Biases und die Perspektive dieses Modells als ihre eigene. Für junge Menschen, die sich mitten in der Identitäts- und Meinungsfindung befinden, wird die KI-Logik nicht zu einem Werkzeug, sondern zu ihrer eigenen kognitiven Realität.

 

Es gibt sogar erste Hinweise darauf, dass sich dieser Trend bereits in makroskopischen Daten niederschlägt. Seit Jahrzehnten stiegen die durchschnittlichen IQ-Werte weltweit kontinuierlich an (der sogenannte Flynn-Effekt). Neuere Studien deuten jedoch auf eine Umkehrung dieses Trends bei den jüngeren Kohorten der Generation Z hin. Ob dies direkt auf die Nutzung digitaler Medien und KI zurückzuführen ist, wird in der Wissenschaft noch debattiert, doch die Korrelation zwischen abnehmender kognitiver Anstrengung und sinkenden Testergebnissen ist besorgniserregend.

 

Fachwissen wird Massenware

 

Im FAZ-Interview hebt Ziad Mahayni hervor, dass durch die KI die Bedeutung von reinem Fachwissen drastisch sinken wird. Er veranschaulicht dies am Beispiel des Arztberufes: KI-Systeme diagnostizieren Lungenkrebs bereits jetzt mindestens genauso gut wie menschliche Ärzte und schlagen Therapieoptionen vor, an die ein Arzt möglicherweise gar nicht gedacht hätte. Um mit dem Fachwissen der Maschine mitzuhalten, müsste ein Arzt „160 Stunden die Woche Fachliteratur lesen“. Das ist schlicht unmöglich.

 

Was passiert, wenn der Arzt nur noch die Diagnose der KI übermittelt? „Dann ist er ein Briefträger“, so Mahayni. „Immer mehr Jobs werden fachlich so weit ausgehöhlt, dass sie zu Briefträgerjobs werden“. Wenn aber Fachkompetenz zur allgemein verfügbaren Massenware wird, entsteht der wahre menschliche Mehrwert dort, wo die KI nicht hingelangt: in der Qualität der zwischenmenschlichen Begegnung. Der Arzt, der einen schwierigen Befund empathisch begleitet, oder der Lehrer, der nicht nur Fakten überträgt, sondern einen Raum für persönliches Wachstum schafft, stiftet einen Wert, den keine Maschine ersetzen kann.

 

Verstand ohne Vernunft

 

Ein weiterer zentraler Aspekt in Mahaynis Argumentation ist die philosophische Unterscheidung zwischen Verstand und Vernunft, die bereits Immanuel Kant geprägt hat. KI, so Mahayni, ist beeindruckend zielerreichend – sie löst Matheaufgaben, schreibt Texte und entwickelt Therapiepläne. Das ist Verstand. Aber sie tut dies immer auf der Grundlage eines Ziels, das ihr von außen vorgegeben wird. Sie hat keine eigenen Intentionen oder Anliegen.

 

Vernunft hingegen ist zielsetzend. Sie ist die Fähigkeit, innezuhalten und zu fragen, ob ein Ziel überhaupt sinnvoll ist. „KI ist die exponentielle Steigerung von Verstand ohne Vernunft“, folgert Mahayni. Die Frage nach dem Sinnvollen bleibt eine zutiefst menschliche Aufgabe. Je mehr wir technisch können, desto wichtiger wird genau diese Fähigkeit.

 

Mutwillige Selbstverdummung?

 

Die bequeme Nutzung von KI führt kurzfristig oft zu besseren Noten, was das Problem verschleiert. Schüler und Studenten glauben, viel gelernt zu haben, verstehen faktisch aber weniger. Wenn Bildungseinrichtungen diesen Kompetenzabbau durch gute Noten für KI-generierte Texte belohnen, wird das System, wie Mahayni betont, „ad absurdum geführt“. Der Intelligenzforscher Robert Sternberg nennt dies „mutwillige Selbstverdummung“.

 

Was also tun? Die Antwort kann nicht in einem vollständigen Verbot der Technologie liegen – das wäre weder durchsetzbar noch sinnvoll, da KI in der modernen Arbeitswelt eine Schlüsselrolle spielen wird. Die Lösung muss in einem neuen Umgang mit Anstrengung liegen.

 

Wir müssen begreifen, dass kognitive Reibung und intellektuelle Mühe keine lästigen Hindernisse sind, die es wegzuentwickeln gilt, sondern die Grundvoraussetzung für menschliches Wachstum. Bildung muss wieder stärker auf den Prozess des Denkens und weniger auf das reine Endprodukt (den fertigen Essay, die gelöste Gleichung) fokussiert werden.

 

Es bedarf einer „epistemischen Restauration“, wie es in einer Studie zur generationellen kognitiven Abnahme heißt. Lehrpläne müssen gezielt „metakognitive Reibung“ einbauen – Aufgaben, die sich nicht per Knopfdruck lösen lassen, sondern die menschliche Urteilskraft, Ambiguitätstoleranz und emotionale Intelligenz erfordern. Wie Mahayni vorschlägt, braucht es „KI-freie Räume: bewusst frei gehaltene Inseln für eigenständiges Denken, Begegnung, soziale und emotionale Kompetenz“. Auch der „Tutor-Modus“, bei dem die KI keine Antworten liefert, sondern Rückfragen stellt, ist ein Weg, Kompetenzabbau zu verhindern.

 

Der Mensch mag von Natur aus bequem sein, aber er ist auch das einzige Lebewesen, das den Wert von Anstrengung reflektieren kann. Wir stehen an einem Wendepunkt: Nutzen wir KI als Werkzeug, das uns von Routineaufgaben befreit, damit wir tiefer und kreativer denken können? Oder erliegen wir der ultimativen Bequemlichkeit und lagern das Denken selbst an Maschinen aus? Die Entscheidung liegt bei uns. Doch wir sollten uns bewusst sein: Ein Gehirn, das nicht mehr gefordert wird, hört auf zu wachsen.

Nr. 310 vom 19. August 2026, Seite 34-35

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