Römers Reich: Der Untergang des Autors

Früher saß ein Autor vor einem leeren Blatt und litt. Heute klickt er auf „Noch einmal versuchen“. Morgen ist er weg. Heute ist er Ware. Nicht der Text soll sterben, sondern nur derjenige, der meinte, ihn geschrieben zu haben. Das Werk bleibt, die Urheberschaft wird entsorgt wie die Verpackung eines Fertiggerichts. Qualität zählt, nicht der Mensch dahinter.

 

Ganz verschwinden darf der Autor freilich nicht. Man braucht noch jemanden, der haftet. Er wird deshalb zum „Autorisierer“ umgeschult: eine Art literarischer TÜV-Aufkleber mit Personalausweis. Wie ein Wirt, der nie in der Küche war, versichert er, die Tiefkühl-Lasagne trage seine Handschrift. Ein Häkchen unter die Geschäftsbedingungen, fertig ist der neue Proust. Das klingt demokratisch. Niemand muss mehr Sprache suchen oder gar etwas erleben. Autorenschaft, einst Verbindung von Können, Risiko und Eigensinn, wird zum Bedienvorgang. Der Name auf dem Buch bezeichnet keinen Urheber mehr, sondern einen Kontoinhaber. „Ein Roman von“ heißt künftig: Jemand war eingeloggt.

 

In der Wissenschaft ist die Befreiung vom Verfasser weit gediehen. Maschinen schreiben, prüfen und zitieren Aufsätze, die andere Maschinen erfunden haben. Weil niemand die Flut lesen kann, wird sie automatisch begutachtet. Der Unsinn wird in derselben Sekunde erkannt, in der er übersehen wird. Autorenschaft ist nur noch die Adresse für den Widerruf. Nun die Belletristik. Endlich kann jeder einen neuen Agatha-Christie-Krimi verschenken. Der Täter ist der Gärtner, sofern Poirot nicht aus Datenschutzgründen ermitteln darf. Auch Bachmann und Proust gibt es auf Knopfdruck. Sie schreiben jetzt flüssiger. Nur Erfahrung, Absicht und ihre eigentümliche Weltsicht fehlen. Dafür stimmen Tempo, Tonalität und Zielgruppe.

 

Menschen lesen Romane, um einer fremden Stimme zu begegnen. Die Textmaschine bietet etwas Bequemeres: eine Stimme ohne Sprecher. Sie rekombiniert Vorhandenes und nennt es Kreativität, während der Autor zum Produktionsrisiko wird. Er kann zweifeln, widersprechen, langsam sein und schlechte Verkaufszahlen persönlich nehmen. Die Maschine kennt diese Schwächen nicht. Vor allem verlangt sie keinen Vorschuss und gibt keine Interviews über ihre Mutter. Auch das Mengenproblem ist gelöst. Wer früher drei Jahre an einem Roman arbeitete, kann nun zehn im Jahr autorisieren, hundert, wenn er aufs Lesen verzichtet. Je mehr Bücher erscheinen, desto weniger ist jedes einzelne und desto entbehrlicher sein Verfasser. Maschinen fassen Maschinenromane zusammen, Maschinen rezensieren sie, und eine letzte empfiehlt uns den Bestseller, den niemand geschrieben und niemand gelesen hat. Am Ende bleibt vom Autor ein Name auf dem Umschlag, bis auch der unnötig wird. Dann erscheint Literatur gereinigt von Biografie, Verantwortung und Zumutung: Text ohne Gegenüber, Sprache ohne Erfahrung, Werk ohne Urheber. Den Nachruf auf den Autor verfasst die Maschine. Ein Mensch darf ihn autorisieren. Gelesen wird er von keiner Seite.

Axel Römer

Nr. 311 vom 09. September 2026, Seite 3

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