Quantensprung in Ostelbien
Der neueröffnete Campus des Fußball-Zweitligisten 1. FC Magdeburg fügt der Zahl der Sportstätten in Elbnähe ein weiteres Kleinod hinzu. Das Sport-„Städtchen“ wächst weiter.
Magdeburgs Sport-„Städtchen“ in Ostelbien, es wächst und wächst. Da gibt es, trotz angespannter Finanzlage, kaum ein längeres Verschnaufen. Das Areal rund um die nur einen Steinwurf voneinander entfernten Groß-Arenen für Fußball und Handball, mit einer Laufhalle und angeschlossenem Leichtathletik-Stadion, mit der 2021 fertiggestellten Bob-Anschubbahn, den beiden Sportschulen, diversen Serviceeinrichtungen sowie dem erst vor zwei Jahren eröffneten „Haus des Sports“ (mit Trainingshallen, Funktionsräumen und dem Sitz des Olympiastützpunktes) ist ein Kleinod, das im Osten keinen Vergleich mit anderen Einrichtungen ihrer Art scheuen muss. Der Clou des Ganzen ist: Das alles findet man, nahe der Elbe, quasi auf einem Areal, dessen Kantenlängen einen Kilometer kaum überschreiten. Derart kurze Wege sucht man in den meisten Sportzentren des Westens vergebens.
So etwas wie Neid kam hierzulande einzig bei den blau-weißen Fußballern auf. Sicher nicht zu Unrecht. Denn wer die Bedingungen sah, unter denen gestandene Profi-Kicker versuchten, sich in Form zu halten, konnte die Klagen verstehen. Wo gab es das denn noch in der 2. Bundesliga, dass die Akteure Teile der körperlichen Ertüchtigung, eng aneinander gepfercht, in schmalen Gängen der Stadionkatakomben absolvieren mussten? Zwischen Tür und Angel irgendwo in der Mixed Zone. Hinzu kam Enge in den Kabinen. Vom Zustand der Trainingsplätze ganz zu schweigen.
Alles das hat nun ein Ende. Mit der Eröffnung des neuen FCM-Campus gelingt, verglichen mit der Vergangenheit, fast ein Quantensprung. Von der Avnet-Arena bis zum Gebäude mit seinem dreieckförmigen Grundriss sind es keine 100 Meter. Allein einige Zahlen beeindrucken: Auf 3.900 Quadratmetern erstreckt sich auf zwei Etagen alles, was für modernes Fußballtraining – sowohl für Profis wie für den Nachwuchs – gebraucht wird. Sechs Trainingsplätze, teils mit Rasenheizung, werden zur Verfügung stehen. Zwölf Millionen Euro wurden in den Bau investiert. In nur gut einem Jahr wurde er hochgezogen; selbst an Wochenenden werkelte Generalauftragnehmer Strabag hier.
In 70 Räumen bietet der Komplex (nahezu) alles, was Fußballer- und (sicher vor allem) Trainerherzen höherschlagen lässt. Darin eingeschlossen diverse Krafträume, ein kinoartiger Analyseraum mit 38 Plätzen, Umkleidekabinen für Spieler und Übungsleiter, eine Mensa, Sauna samt Entmüdungsbecken und Whirlpool, Behandlungsräume für Physiotherapeuten und Arzt, eine wohlige Lounge zum Entspannen und – selbst das fehlt nicht – neun mit TV und Multimedia ausgestattete sogenannte Ruheräume, in die sich gestresste Profis einmal zurückziehen können.
Als einen der ganz großen Gewinner des „Umzugs“ sieht sich Zeugwart Heiko Horner. Wer ihn einst in seinem „Reich“ tief in den Stadionkatakomben traf, musste suchen, einen Platz zu finden und höllisch aufpassen, in der Enge nichts um- oder herunterzuwerfen. Vom Lärm rumpelnder Waschmaschinen ganz zu schweigen. Heute herrschte der 58-Jährige, der offiziell Mannschaftsleiter heißt, über zwei Räume, in denen eine Tanzgruppe auftreten könnte. Akkurat aufgehängt, sortiert und gestapelt ist hier alles, was ein Fußball-Zweitligist im Alltag so benötigt: verschiedenste Heim- und Auswärtstrikots, Hosen, Stutzen, andere Sportkleidung sowie Bälle und nochmals Bälle. Neu auch: ein gesondertes Schuh-Gelass, in dem die Spieler ihre diversen „Töppen“ in einem überdimensionalen Regal deponieren.
Als FCM-Legende Wolfgang Seguin in der vergangenen Woche beim Eröffnungsrundgang den Campus besichtigte, wurden seine Augen zusehends immer größer: „Nein, von so etwas haben wir damals nicht einmal geträumt.“ Auch Alt-Präsidenten wie Peter Fechner, Rüdiger Deumelandt, Ingolf Nitschke oder Bernd Tiedge waren angetan. Tiedge: „Wenn ich an die Jahre nach der Wende und das alte Grube-Stadion denke – toll, was hier entstanden ist.“ Fechner: „Als ich 2011 Präsident wurde, schwebte mir so etwas wie ein Campus schon vor. Damals noch illusorisch. Und heute, das ist das Schönste daran, ist der Verein der Besitzer dieser phantastischen Anlage.“ In nächster Zeit soll an Stelle der beiden VIP-Zelte noch ein sogenanntes „Erlebnis-Quartier“ hinzukommen. Auch dafür sind Millionen vorgesehen.
Es sei die „größte Investition in der Geschichte des 1. FC Magdeburg“, betont Präsident Jörg Biastoch. Selbst bei Erstligisten sei ein solcher Campus „nicht selbstverständlich“. Mit ihm, ergänzt Geschäftsführer Martin Geisthardt, besitzen die Blau-Weißen „zusätzliche Argumente“, Spieler an die Elbe zu locken oder sie zu veranlassen, ihre Verträge hier zu verlängern. Sportliches Ziel müsse es in Zukunft sein, „mindestens in der 2. Liga zu bleiben“. Für Cheftrainer Petrik Sander ist es „ein Meilenstein“, der mit dem Campus gesetzt werde. Zwischen alten und neuen Bedingungen, betont er, „liegen Welten“. Er erwarte keine mittel- und langfristige Verbesserung, sondern eine „kurzfristige Reaktion“ der Mannschaft, „weil man das schätzen lernen muss, was wir da bekommen“.
Da das Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) seine Heimat künftig in dem neuen Gebäude haben werde, gebe es viele Möglichkeiten, Profis und junge Spieler enger zusammenzuführen, unterstrich Sportministerin Tamara Zieschang (CDU), deren Haus Fördermittel für jenen Bereich bereitstellte, in dem künftig der FCM-Nachwuchs ausgebildet wird. Es ist eine stolze Zahl, die NLZ-Chef Carsten Müller da nennt: 140 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen elf und 18 Jahren werden hier betreut.
Zum guten Schluss eine weitere hoffnungsvolle Meldung: Der Sportkomplex an der Friedrich-Ebert-Straße wird weiter wachsen. Die Campus-Eröffnung war längst nicht der letzte Akt. Bis 2029 soll ein nationales Schwimmzentrum für den Hochleistungssport geschaffen werden. Bausumme: gut 50 Millionen Euro. Standort: direkt hinter der Getec-Arena. Es muss sicher nicht extra betont werden: Auch dieses Zentrum wird fester Bestandteil des „Städtchens“ sein.
Rudi Bartlitz
Nr. 311 vom 09. September 2026, Seite 34
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