Unter deutschen Dächern

Der Handball beschert seinem Publikum hierzulande in dieser Saison gleich zwei Höhepunkte: den nationalen Titelkampf und die Weltmeisterschaft.  Von Rudi Bartlitz

Angeführt von seinem neuen Kapitän Magnus Saugstrup (Mitte) ist der SCM blendend in die neue Spielzeit gestartet: drei Begegnungen, drei Siege. Foto: Peter Gercke

Diese 61. Saison der Handball-Bundesliga ist schon eine etwas besondere. Sie findet unter einer Konstellation statt, wie wir sie hierzulande wahrlich nicht jedes Jahr erleben: nationale Meisterschaft hier, internationales Championat dort. Oder ein wenig überhöht gesagt: „Stärkste Liga der Welt“ versus „Beste Teams der Welt“. Aber das sei doch kein Gegensatz, entgegnen nun Liebhaber des Spiels mit der schnellen Kugel, attraktiven Handball könne es gar nicht genug geben. Auch wieder richtig. Etwas Schönes ist fürs hiesige Publikum auf alle Fälle dabei, denn beide Wettbewerbe finden diesmal unter deutschen Hallendächern statt.

 

Für den Kampf um den globalen Titel legt die Liga diesmal sogar eine fast siebenwöchige Pause ein. „Das ist ein Zugeständnis an den Deutschen Handballbund, auch damit die Nationalspieler mehr Pause bekommen vor dem Großevent”, sagte Liga-Boss Frank Bohmann mit Blick auf die Weltmeisterschaft im Januar. In der Vergangenheit war das bei Großturnieren wie Olympia, WM oder EM durchaus nicht üblich, und selbstverständlich schon gar nicht. Der 61-Jährige fügt denn auch erklärend hinzu: „Das bedeutet dann ein großes wirtschaftliches Verlustgeschäft für uns.“ Denn die stets besonders zuschauer- und damit einkommensträchtigen Partien an den Weihnachtstagen entfallen diesmal. Letztmals Hallenzauber gibt es am 23. Dezember. Trotzdem, so Bohmann, habe man sich im Sinne des Teams von Bundestrainer Alfred Gislason gerne mit dem DHB geeinigt.

 

Verharren wir ausnahmsweise einen Augenblick länger bei der Weltmeisterschaft. Selbst wenn bis dahin noch vier Monate ins Land gehen. Es gibt einen einleuchtenden Grund: Magdeburg ist einer von sechs Austragungsorten dieses Events, das vom 13. bis 31. Januar zwischen Kiel und München über die Bühne geht. 32 Teams von fünf Kontinenten haben sich dafür qualifiziert, genau so viele wie vor zwei Jahren; die Fußball-WM mit 48 Teilnehmern lässt grüßen. Sie treten zunächst in acht Vorrundengruppen gegeneinander an. Die Getec-Arena ist dabei Gastgeber der Gruppen F und H (unter anderem mit Island und Portugal). Die Magdeburger Fans können dann mit ziemlicher Sicherheit ihren SCM-Lieblingen Gisli Kristjansson, Omar Ingi Magnusson und Elvar Jonsson zujubeln. Gespielt wird zwischen dem 14. und 19. Januar.

 

Doch damit ist längst nicht Schluss. Vom 20. bis 27. Januar ist die Landeshauptstadt außerdem Gastgeber des sogenannten President`s Cup. Den Pokal der zu kurz Gekommenen nennen ihn Zyniker. Um die von Hassan Moustafa, dem Präsidenten des Weltverbandes IHF, gestiftete Trophäe bewerben sich jene Teams (darunter möglicherweise Handball-Exoten wie Kap Verde, Uruguay, Angola oder Türkei), die nach der Vorrunde auf den Plätzen 25 bis 32 gelandet sind.

 

Genug in die Zukunft geschaut, vorerst beherrscht der nationale Titelkampf, die Bundesliga, die Szenerie. Und zwar eindeutig. Und ein erster Blick – selbst wenn erst drei Spieltage absolviert sind – auf die Tabelle verrät, dass die vor Saisonstart abgegebenen Experten-Prognosen so schlecht wohl nicht waren. Kiel steht da vor Flensburg und Magdeburg. Die Füchse Berlin hindert eine bessere Position nur die Niederlage gegen den SCM. Sicher, könnte hinzugefügt werden, so schwer ist es eigentlich nicht mehr, die Top-Teams vorauszusagen. Denn es zeichnet sich schon jetzt ab, dass der neue Meister wohl wieder aus dem Quartett Magdeburg/Berlin/Flensburg/Kiel kommt. Außenseiterchancen, am Ende zumindest aufs ominöse Podest zu steigen, werden am ehesten Gummersbach eingeräumt.

 

Wie aus dem Katapult geschossen – so ist der SC Magdeburg in die neue Spielzeit gestartet. Auf den Punkt topfit: drei Begegnungen, drei Siege. Und dabei gleich zweimal Big Points eingefahren: Zum Auftakt ein Erfolg in Gummersbach (33:31), danach das 36:32 im prestigeträchtigsten Duell, das der deutsche (und wahrscheinlich auch der internationale) Handball derzeit zu bieten hat, gegen die Füchse Berlin. Exakt 288 Stunden zuvor hatten die Grün-Roten bereits beim deutschen Supercup in München über die Hauptstädter klar triumphiert – 38:32.

 

Für einen ist es ohnehin keine Frage, wer am 6. Juni nächsten Jahres letztlich die Meistertrophäe hochstemmt: Handball-Legende Stefan Kretzschmar setzt voll auf seinen Ex-Verein, den SCM. „Da muss ich noch nicht mal drüber nachdenken“, sagte der 53-Jährige dem Portal „Handball World“. Eine klare Nummer zwei will er hingegen nicht benennen. „Ich bin sehr gespannt auf Flensburg – die schätze ich mit (dem Franzosen, d. Red.) Aymeric Minne ziemlich stark ein.“ Auch die Berliner zählt er trotz bedeutender Abgänge zum erweiterten Favoritenkreis. „Die Füchse darfst du sowieso nie unterschätzen, solange Mathias Gidsel in diesem Verein spielt. Ich glaube aber, dass es hart wird in der kommenden Saison. Die Abgänge von Andersson, Milosavljev und Herburger werden sich nicht so leicht ersetzen lassen.“ Besonders gespannt ist Kretzschmar auf den THW Kiel. „Ich traue ihnen nach der enttäuschenden letzten Saison zu, diesmal die positive Überraschung zu werden.“

 

 Ähnlich sieht die Meisterfrage Füchse-Superstar Mathias Gidsel und bringt es auf einen einfachen Nenner. „Magdeburg“, sagt der dreifache Welthandballer aus Dänemark schlicht, „ist etwas besser als die anderen Mannschaften.“

Nr. 311 vom 09. September 2026, Seite 35

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