Herbstblick vom Dom

Vom Dom steigt kühl der Morgenwind,

streift Türme, Dächer, Gleise;

die Elbe trägt, was wir gewesen sind,

nach Norden fort auf ihre Weise.

 

Vom Turm erscheint das Land nicht laut,

nur weit, verwoben, widersprüchlich:

Hier wird gehofft, dort wird misstraut,

hier scheint die Zukunft fast unmöglich.

 

Ein Arbeiter zählt Schichten, Geld,

die Preise und die kleinen Sorgen.

Er fragt, wer noch Versprechen hält,

und steht doch wieder auf am Morgen.

 

Die Rentnerin am Fenster sieht,

wie Läden schließen, Namen wechseln;

sie kennt das alte Einheitslied

und auch das Schweigen zwischen Sätzen.

 

Die Wahrheit friert im Gegenwind,

wenn jeder nur die eigne meint.

Doch wo zwei Menschen offen sind,

selbst im Herbst noch etwas keimt.

 

Man spricht von Wachstum, Krieg und Pflicht,

von Schulden, Grenzen, neuen Waffen;

doch manches Kind versteht noch nicht,

warum die Turnhallendecken klaffen.

 

Und über allem steht der Dom,

von Jahrhunderten schwer getragen.

Er sah schon Kaiser, Krieg und Strom,

den Fall von Mauern, neue Fragen.

 

Vom Dom fällt Licht auf jeden Stein,

auf Plattenbau und alte Giebel.

Kein Land wird je vollendet sein –

doch jedes braucht, damit es bliebe,

 

die Hand, die baut, den Mund, der fragt,

das Recht, das auch den Schwachen bindet,

und einen Mut, der leise sagt:

Wir sind noch da. Der Weg uns findet.

 

Thomas Wischnewski

Nr. 312 vom 23. September 2026, Seite 19

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