Wenn der Plan abstürzt, aber die Pointe landet
„Alles. Außer Kontrolle.“ in der Magdeburger Zwickmühle
Es gibt Sätze, die in der Politik besonders zuverlässig funktionieren. „Wir schaffen das“ gehört dazu. Man kann ihn vor eine Infrastrukturkrise stellen, vor steigende Mieten oder vor eine Debatte, in der inzwischen jeder Satz klingt, als sei er von einer Pressestelle auf Sicherheitsabstand gehalten worden. Die Magdeburger Zwickmühle nimmt diesen Satz in ihrem neuen Programm „Alles. Außer Kontrolle.“ nicht wörtlich, sondern beim Wort. Das ist der Beginn eines Abends, an dem die politische Wirklichkeit weniger erklärt als entkleidet wird.
Hans-Günther Pölitz und Thomas Müller widmen sich in ihrem neuen Stück der Frage, wie ein Land zugleich aus dem Ruder laufen und dabei den Eindruck erwecken kann, es fahre nach Fahrplan. Die Antwort ist erwartbar politisch, aber keineswegs erwartbar langweilig: Wo die Verwaltung eine Steuererhöhung zur „einnahmenseitigen Anpassungsmaßnahme“ veredelt, wird aus einer sprachlichen Verrenkung eine komische Körperübung. Wo Schulden als „Sondervermögen“ auftreten, bekommt das Abstrakte plötzlich Konkretes. Und wo die Rüstungsindustrie zur „Verteidigungswirtschaft“ mutiert, zeigt sich: Die Wirklichkeit lässt sich offenbar so lange umbenennen, bis sie in den Haushaltsentwurf passt. Das Programm arbeitet mit einem einfachen, wirkungsvollen Prinzip. Es nimmt die offiziellen Formulierungen ernst — und führt gerade dadurch vor, wie absurd sie sind. Politische Sprache wird nicht bloß verspottet; sie wird auf ihre Funktion untersucht. Sie soll beruhigen, verschieben, verschleiern. Das Kabarett setzt dagegen die Pointe als Übersetzungsmaschine. Aus dem Funktionärsdeutsch wird wieder Alltagssprache. Aus der „Anpassungsmaßnahme“ wird die Frage: Was kostet es mich? Aus dem „Sondervermögen“ wird: Wer bezahlt später? Genau in diesen Wortspielen liegen die Stärken von Pölitz&Müller, da muss man schon genau hinhören, um den tieferen Sinn der manchmal oft zu leise gesprochenen Sätze aufzunehmen und zu verarbeiten.
Die Themenliste ist entsprechend lang: Staatsausgaben, Mieten, Infrastruktur, Arzttermine und Debattenkultur. Das klingt zunächst nach dem Inhaltsverzeichnis eines besonders schlecht gelaunten Bürgeramts. Doch Pölitz und Müller vermeiden es, sich in bloßer Empörung festzufahren. Ihr Zugriff ist komödiantisch. Sie zeigen, wie der politische Kontrollanspruch gerade dort besonders großspurig klingt, wo die Kontrolle längst im Wartezimmer sitzt und aufgerufen werden möchte.
Dass „Alles. Außer Kontrolle.“ politisches Kabarett sein will, steht außer Frage. Die Inszenierung zielt auf die Gegenwart und nimmt aktuelle politische Entwicklungen ausdrücklich auf. Das kann ein Risiko sein: Tagespolitische Satire altert manchmal schneller als die Schlagzeile, auf die sie reagiert. In der Magdeburger Zwickmühle wird dieses Risiko jedoch produktiv. Denn hinter den konkreten Anspielungen liegen strukturelle Themen, die nicht mit der nächsten Nachricht verschwinden: die Flucht in Euphemismen, die Überforderung öffentlicher Systeme und die erstaunliche Beharrlichkeit, mit der Politik ihre eigene Handlungsfähigkeit behauptet. Dabei bleibt die Demokratie nicht außen vor. Das Programm verspottet sie nicht als Ganzes, sondern nimmt ihre routinierte Selbstversicherung ins Visier. Gute politische Satire erkennt man daran, dass man über die Pointe lacht und kurz danach prüft, ob sie nicht leider stimmt.
Pölitz und Müller treten dabei als Duo an, das nicht von der Lautstärke seiner Aussagen leben muss. Die Wirkung entsteht aus dem Wechsel zwischen Zuspitzung und Rücknahme, zwischen dem großen politischen Befund und dem kleinen Satz, der ihn plötzlich auf Alltagshöhe bringt. Regisseur Matthias Schwarzmüller führt diese Perspektive zusammen, ohne den Abend in eine Lehrstunde zu verwandeln. Die Inszenierung will nicht beweisen, dass ihre Urheber alles besser wissen. Sie will zeigen, dass vieles längst besser gewusst wird, als es politisch umgesetzt wird. „Alles. Außer Kontrolle.“ ist kein Programm über das Chaos allein. Es ist ein Programm über die Behauptung, das Chaos sei ordentlich verwaltet. Darin liegen seine politische Schärfe und sein komischer Kern. Die Magdeburger Zwickmühle macht aus der Gegenwart keinen gemütlichen Abend — aber einen, an dem sich die Zumutungen der Gegenwart zumindest präzise auslachen lassen. Und die Protagonisten ziehen in dem mehr als zweistündigen Programm alle Register ihres zum Teil auch komödiantischen Schaffens. Müller als André Rieu mit dem neuinterpretierten Trio-Song „Herz ist Trump” und als Udo Lindenberg mit dem auf die Neuzeit abgewandelten „Sonderzug”, begleitet von Pölitz am Klavier geben dem Ganzen das berühmte i-Tüpfelchen. Am Ende bleibt die Frage, ob wirklich alles außer Kontrolle ist. Die Antwort des Kabaretts fällt differenziert aus: Nicht alles. Das Schlusslied „Irgendwo auf der Welt gibt es ein kleines bisschen Glück“ erdet die Zuschauer und entlässt sie in die Nacht mit ein wenig Nachdenklichkeit über das eben erlebte. Denn die Überzeugung der Politik, alles unter Kontrolle zu haben, funktioniert weiterhin erstaunlich zuverlässig. Für einen Kabarettabend ist das eine gute Nachricht. Für den Rest des Landes eher nicht.
Nr. 312 vom 23. September 2026, Seite 12
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