25 Jahre Zwickmühle Magdeburg: Keine Lösung ist auch eine Kunst

Ein ungewöhnliches Datum ist nicht ungewöhnlich, wenn es um die Gründung eines Kabaretts geht. Und so gründete sich die Magdeburger Zwickmühle an einem 29. Februar. Vor 25 Jahren. Dass in diesem Jahr der 29. nicht im Kalender vorkommt, hält die Kabarettisten nicht davon ab, ihren 25. Geburtstag zu begehen. Wenn auch anders als geplant. Ein Blick hinter die Kulissen. | Von Birgit Ahlert

Der Zuschauerraum der Magdeburger Zwickmühle ist leer. Doch hinter den Kulissen rumort es. Lockdown hin oder her – hier wird gearbeitet, gesichtet und vorbereitet. Auf Abstand natürlich. Und der besteht nicht nur innerhalb des Kabaretthauses in der Leiterstraße – derzeit sind Ensemble und Mitarbeiter größtenteils im Homeoffice und verständigen sich via Internet oder Telefon. In Vorbereitung ist ein Sonderprogramm, mit dem die Mitglieder des Kabaretts ihr diesjähriges Jubiläum begehen wollen. Wenn auch keine Live-Vorstellung möglich ist, wird es via Internet zu erleben sein. Vorbereitet wird eine Rückschau auf 25 Jahre Bestehen des Kabaretts, das als erstes privates in der Landeshauptstadt Sachsen-Anhalts gegründet worden ist. Unter dem Titel „Mit Abstand betrachtet“ wird es zahlreiche Rückblicke auf „alte“ Programme geben. Wobei das Wort alt bei der Wiedergabe eigentlich ad absurdum geführt wird, von den Inhalten selbst. Immer wieder zeigt sich, wie aktuell einige der Themen noch immer sind. Oder kabarettistisch: In der Politik geht es zu wie im Schweinestall – die Schweine wechseln, doch der Trog bleibt derselbe, kommentiert Hans-Günther Pölitz flachsend, aber auch mit etwas Traurigkeit in der Stimme. Weil sich einiges in den Jahren nicht verändert habe. Die Themen gleichen sich. Vom Rechtsextremismus, der offiziellen Eingang in die Politik gefunden hat, bis zu „Frau Europa“ und ihre Zwänge, die sich heute erneut zeigen, mit Hilflosigkeit beim Impfstoff.

Ein Zweiteiler wird vorbereitet.

Für die Öffentlichkeit eine Erinnerung, ein Angebot für Interessenten und Liebhaber des Kabaretts. „Es ist so viel schönes Material da, das wollen wir den Zuschauern nicht vorenthalten.“ Alle Programme – soweit verfügbar – wurden durchgesehen, markiert und aussortiert für die Rückschau. Leider sind die Mitschnitte aus den ersten Jahren nicht vorzeigbar, bedauert Hans-Günther Pölitz und ergänzt: Nicht wegen des Inhalts, sondern wegen der technischen Qualität. Sie seien als persönliche Erinnerung anzuschauen, aber nicht öffentlich. Doch keine Bange, von gut 20 Programmen gibt es Mitschnitte in Sendequalität. Die besieht sich zunächst Pölitz, täglich von 10 bis 18 Uhr. Jede DVD hat schließlich zwei Stunden Spieldauer, das muss erstmal geschafft werden. Viereckige Augen habe er bereits, witzelt der Kabarettmann. Es macht ihm aber auch Freude zu sehen, was in den Jahren alles geschaffen wurde. Manches war schon fast vergessen, doch beim Ansehen kam sofort die Erinnerung. Er brauche nur einen Auslöser, sagt der Kabarettist, „schon ist alles wieder da“. Pölitz übernimmt die erste Auswahl, dann schickt er das Material zur Sichtung und Entscheidung an die weiteren Mitglieder des Kabaretts.

Kabarett braucht Interaktion

Interessante Zeitdokumente. So einige Perlen wurden wiederentdeckt, freuen sich die Kabarettisten. Und auch die Zuschauer werden ihre Freude haben, sind sie sich gewiss.
„Es ist wunderbar zu sehen, welche tolle Stimmung es in einem prallgefüllten Saal gibt und welchen Spaß die Leute haben“, sagt Gründer Hans-Günther Pölitz. „Das kann keine Internetaktion ersetzen.“ Kabarett lebt vom Miteinander, von spontanem Reagieren aufs Publikum. Das fehlt. Natürlich sind sie dankbar, dass es die elektronischen Möglichkeiten gibt. Diese nutzen sie seit geraumer Zeit regelmäßig. Mit „Hoppla! Wir leben!“ haben sie ihren „Lockdown-Kanal“ eingerichtet, der online zu sehen und immer wieder aktualisiert wird. Regelmäßig melden sich die Akteure Marion Bach, Heike Ronniger und Hans-Günther Pölitz aus den „homeoffisses“ zu Wort. Auch das jüngste Programm „Alle für keinen, keiner für alle“ ist derzeit im Stream zu erleben (nächste Termine: 13./14. Februar). Live-Auftritte wären den Kabarettisten natürlich lieber. Die Zwickmühle hatte viel unternommen, um die Spielstätte nach „Corona-Vorgaben“ umzugestalten. Neben Masken und Desinfektionsstellen wurde die vorhandene Klimaanlage ergänzt durch teure Aerosol-Filter-Zusatzgeräte, natürlich die Abstände zwischen den Tischen vergrößert, angesichts geringer Einnahmen auf Honorar verzichtet. Alles umsonst. Seit letztem Herbst ist das Kabaretthaus in der Leiterstraße geschlossen. Was nicht nur heißt, dass die Kabarettisten nicht mehr auftreten können, sie haben auch kein Einkommen. Regelmäßige Fixkosten für die Betriebskos-ten jedoch bleiben, und die belaufen sich monatlich auf rund 6.000 Euro, ist von Geschäftsführerin Ulrike Löhr zu erfahren. Große Rücklagen habe es nie gegeben, sagen die Kabarettisten, vielmehr seien sie immer stolz darauf gewesen, Kabarett zu moderatem Eintrittspreis anzubieten. „Reich sind wir nicht geworden, aber wir kamen gut zurecht“, resümiert Ulrike Löhr. Dass die Geschäftsführerin Erfahrungen mit Hartz IV machen musste, hat schwer getroffen. Auch dass derzeit nichts planbar ist, weil sich viele Entscheidungen im Zwei-Wochen-Rhythmus ändern, manchmal sogar von einem Tag zum anderen. Programme lassen sich nicht einfach „auf Reserve“ schreiben. Kabarett lebt von Aktualität, und die sieht nächste Woche vielleicht schon wieder ganz anders aus.

Jetzt weiter durchzuhalten gelingt den Mitarbeitern des Kabaretthauses derzeit mit Hilfe des Fördervereins und des Publikums, das spendet oder Zugangscodes für die Onlinesendungen erwirbt. Seit des Lockdowns habe das Publikum „aufgerüstet“, freuen sich die Kabarettisten. „Aus ganz Deutschland und auch aus dem Ausland werden unsere Programme online angesehen.“ Reaktionen gab es von Bremen bis Bayern, aus der Schweiz und von Mallorca.

Blick zurück zu den Anfängen

Als Gründungsdatum ist der 29. Februar 1996 bekannt. Doch die Saat dafür wurde bereits zwei Jahre zuvor gesät. Der vom Kabarett „Kugelblitze“ bekannte Hans-Günther Pölitz hatte 1994 Magdeburg gen München verlassen und war Mitglied bei der berühmten Lach- und Schießgesellschaft geworden. Doch die Verbindung zur langjährigen Heimat blieb. Und die Liebe der Magdeburger zu ihrem Kabarettisten: Sie wählten ihn zum „Promi des Jahres“ (später umbenannt in „Magdeburger des Jahres“). Als einer von zehn Kandidaten erhielt Hans-Günther Pölitz jede fünfte Stimme der Wählenden, bei der Ehrungs-Veranstaltung Ovationen und „Komm zurück“-Rufe. Bewegt davon versprach er es – und machte sich alsbald auf die Suche nach einer Spielstätte in der ehemaligen Heimat. Das war nicht ganz einfach und auch nicht ganz preiswert. Die erste Spielstätte wurde das frühere Theater-Café (TC) am Schauspielhaus, verbunden mit einem großen Anfangskredit. Gründungsmitglieder neben Hans-Günther Pölitz waren der ebenfalls in Magdeburg bekannte Kabarettist Michael Rümmler, Karrikaturist Gottfried Scheffler und Regina Laube, die „Herrin“ des Ticketverkaufs. Später folgte Lothar Bölck und so manche frauliche Verstärkung. Die Frau, die letztlich blieb, ist Marion Bach. „Ihre große Musikalität ist eine fantastische Ergänzung“, schwärmt Pölitz. Seit über 15 Jahren steht sie neben ihm auf der Bühne. Kaum zu glauben, dass der Start nicht ganz einfach für sie gewesen sei, wie sie rückblickend erzählt. Kommend von der Operette merkte sie, dass Sänger ganz anders sprechen als Kabarettisten. Das sei die größte Umstellung gewesen. „Wenn du nicht so sprichst, dass dir das Publikum glaubt, hast du verloren.“ Sie hat an sich gearbeitet und sich durchgekämpft, „weil ich es unbedingt wollte“. Gut so. Schnell wurde Marion Bach zu einer der Säulen der Zwickmühle und seit 2010 ist sie zudem im Doppel mit ihrer Freundin Heike Ronniger kabarettistisch zu erleben.

Blick nach vorn

Die Magdeburger Zwickmühle etablierte sich nicht nur in der eigenen Stadt, deutschlandweit und über die Landesgrenzen hinaus sind die Kabarettisten gefragte Künstler für Gastspiele. Die eigene Spielstätte ist viele Jahre immer gut ausgebucht. Eine Erfolgsgeschichte. Und dann kam Corona. Auftrittsverbot, Hausschließung. Wie nun weiter? Eine Frage, die sie täglich umtreibt. Zunächst jedoch wollen sie das Jubiläum trotz allem nicht sang- und klanglos vorübergehen lassen. 25 Jahre erfolgreich zu bestehen, ist keine Selbstverständlichkeit. Und sie wollen zeigen: „Wir sind noch da und würden gern auch noch das 26. Jahr begehen“, sagt Hans-Günther Pölitz, leicht ironisch, mit ernstem Ton. Auch wenn er jetzt die vergangenen Jahre Revue passieren lässt, schaut er viel lieber nach vorn. Wo „Zwickmühle“ draufsteht, wird auch weiterhin politisch-satirisches Kabarett drin sein, betont er. Sie wollen durchhalten, auch wenn es momentan nicht leicht ist. Sie stehen jederzeit in den Startlöchern. „Sowie wir wieder dürfen, werden wir wieder auf der Bühne stehen“, sagt Marion Bach. Woraufhin Autor Pölitz verrät, dass es sogar bereits einen Programm-Titel gibt: „Keine Lösung ist auch eine Kunst.“ Und sogleich gibt er im Schweijkschen Stil die Parole für die nächste Live-Vorstellung raus: Nach Corona, 20 Uhr, in der Zwickmühle!