3. Liga: Irre Lage

Auch wenn die Geisterspiele die Stimmung in den Keller rauschen lassen, für Spannung ist in der 3. Fußball-Liga allemal gesorgt. Gut die Hälfte der Teams träumt noch vom Aufstieg. Der Rest stemmt sich gegen den Abstieg. Zu letzteren zählt auch der FCM. | Von Rudi Bartlitz

Mittlerweile erscheint es als ein echtes Phänomen: Jahr für Jahr macht die 3. Fußball-Liga durch einen unvergleichlich engen Wettbewerb auf sich aufmerksam. Immer wieder findet sich gleich die halbe Liga in Auf- oder Abstiegskampf verwickelt. In dieser Saison allerdings scheint es besonders eng zu werden. Gerade um die vorderen Ränge herrscht ein gnadenloses Hauen und Stechen, gleich zehn Vereine (Bayern II darf nicht aufsteigen) schielen auf die 2. Bundesliga. Acht Runden vor Ultimo trennen den Ersten vom Zehnten gerade einmal sieben Punkte. Weiter in der munteren Zahlenspielerei: Zwischen Platz eins und sechs liegen nach der 30. Runde nur noch vier mickrige Pünktchen, bis Rang sieben sind es fünf. Und sogar der Tabellenelfte aus Meppen kann noch nach oben schielen.

Es ließe sich problemlos eine ganze Reihe Vereine aufzählen, die im Laufe der Saison regelrechte Wechselbäder durchmachen mussten – man denke nur an die Rostocker Kogge, die sich erst in den wilden Gewässern der Abstiegszone verlor, mittlerweile aber auf die vergleichsweise ruhigen Seen der zweiten Liga schielt. Der HFC ließ sich im Oktober sogar an der Tabellenspitze feiern, ist nun seit 13 Partien sieglos und holte in diesem Zeitraum gerade einmal zwei Punkte – Vereins-Negativrekord! Geht der Blick auf der Tabelle einmal quer von oben nach unten, fällt eine weitere Besonderheit auf: Ein Mittelfeld scheint diese Liga nicht zu kennen. Gleich hinter Meppen rangiert der 1. FC Kaiserslautern auf Rang 12 – und damit auf dem Tabellenplatz, der den Beginn der abstiegsgefährdeten Teams markiert.

In einem sind sich die Kommentatoren einig: die Lage lässt sich in einem Wort am besten umreißen – IRRE. Was da Wochenende für Wochenende an unerwarteten Resultaten geliefert wird, reicht anderswo für zwei oder gar drei Spielzeiten. Diese Spannung, nach der die Bundesliga angesichts der erdrückenden Bayern-Überlegenheit geradezu lechzt, macht in diesem Jahr sogar die durch die gespenstischen Geisterspiele heraufbeschworene Anti-Stimmung in den Arenen wett, ein bisschen zumindest.
Also alles paletti? Mitnichten. Das spielerische Niveau in der dritten Liga hat sich in dieser Saison, um es diplomatisch auszudrücken, kaum verbessert. Und das hat nicht nur mit der Zwangspause zu tun. Wer sich regelmäßig Live-Übertragungen bei „Magenta-Sport“ anschaut, die Kommentare von Experten und Reportern zur Kenntnis nimmt und einschlägige Medienberichte liest, wird sich in dieser Meinung bestätigt sehen. Kritiker, die eine harte Elle anlegen, gehen sogar noch weiter. Das Niveau habe sich sichtbar verschlechtert, sagen sie. Der MDR sprach vom MSV Duisburg als „vom schlechtesten Tabellenführer aller Zeiten“. Es fehlen einfach Mannschaften, die noch vor wenigen Jahren die Liga mit ihrem herzerfrischenden Fußball prägten. Wie der SC Paderborn, der VfL Osnabrück, der Karlsruher SC, Holstein Kiel, Dynamo Dresden, Erzgebirge Aue oder Jahn Regensburg. Und, so kurios das auf den ersten Blick vielleicht scheinen mag, selbst der FCM, der zwischen 2015 und 2018 munter oben mitmischte, gehört in diese Reihe.

Womit wir bei den Magdeburgern wären. Mit sichtbar schlechtesten Voraussetzungen – nur zweimal volles Mannschaftstraining, nachdem die Sportanlagen in der Landeshauptstadt länger als die der meisten Konkurrenten gesperrt waren – sind die Blau-Weißen in die Ende Mai eröffnete Corona-Spielphase gestartet. Und, schlimmer noch: mittendrin im Abstiegskampf. Als Zweitliga-Absteiger war der Traditionsverein als einer der Mitfavoriten in die Drittliga-Saison gegangen – und befand sich, als die Saison Mitte März wegen der Pandemie für zweieinhalb Monate unterbrochen wurde, nahe dem Abgrund wieder. Da bewirkte auch ein erneuter Trainerwechsel nichts (Claus-Dieter Wollitz kam zum Jahreswechsel für den nur sechs Monate amtierenden Stefan Krämer). Als Tabellenfünfzehnter waren die angeblich „Größten der Welt“ nur einen winzigen Punkt von den Abstiegsrängen entfernt.

Da rieben sich nicht wenige verwundert die Augen, als der neue Chef nach der Zwangspause im vereinseigenen TV verkündete: „Noch stehen elf Spiele aus. Es geht bei Null los. Und in diesen elf Spielen möchten wir Erster werden.“ Sicher, sehr markante Worte. Entsprangen sie echtem Insider-Wissen um die von Außenstehenden möglicherweise verkannte tatsächliche Qualität des Kaders? Oder war es nur das berühmte laute Pfeifen im Wald? Nun, ein Blick auf eine reine Corona-Tabelle nach drei absolvierten Runden (die Bayern II mit sieben Zählern anführt vor den punktgleichen Kaiserslauterern und Würzburg/6) zeigt: Es wird wohl verdammt schwer mit dem Platz an der Sonne. Aber zumindest aus dem unmittelbaren Abstiegsschlammassel wäre der FCM als Zwölfter (vier Punkte) in dieser vom FCM-Cheftrainer ersonnenen Sonder-Wertung erst einmal raus.

Nicht weniger groß war die Verwunderung im Fan-Lager, als Wollitz nach der ersten Nach-Corona-Partie die große Rotationsmaschine anwarf. Nur drei seiner Akteure durften wieder in die Anfangsformation. Acht Neue, das bedeutete neuen Vereinsrekord. Dennoch: In der misslichen Lage des FCM war die Nominierung eines besseren B-Kaders, gelinde gesagt, ein Spiel mit Feuer. Doch der Coach wurde für sein „All in“, wie es neudeutsch jetzt heißt, belohnt – mit einem 1:0-Sieg gegen Würzburg. Und er wiederholte anschließend das Spielchen gleich noch einmal mit sieben Neuen gegen Uerdingen (1:1). Der 54-Jährige: „Eigentlich wollte ich ja auf acht Positionen wechseln, aber Costly verletzte sich kurzfristig.“ Einer Aufnahme von Wollitz in einen der Magdeburger Rotarier Clubs dürfte nichts mehr im Wege stehen …

Festzuhalten bleibt: Noch ist für den FCM gar nichts gewonnen im Kampf gegen den Abstieg. Nach dem jüngsten Uerdingen-Remis zog Wollitz ein enttäuschendes Fazit. „Auch ohne Zuschauer ist das für ein Heimspiel zu wenig, da habe ich mir deutlich mehr erwartet“, meinte er verärgert. „Wir hatten überhaupt keinen Tiefgang, haben nur quer gespielt. Es war ein glücklicher Punktgewinn.” Angesichts dieser knallharten Trainerworte wird es der eine oder andere Fan vielleicht doch lieber mit jenem schon ins Fußball-Philosophische gehenden Satz halten, der dieser Tage irgendwo an einer Wand geschrieben stand: „Nicht der Bessere soll gewinnen, sondern immer nur der FCM.“

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