Advent paradox

Weihnachtszeit – das ist jedes Jahr dieselbe Leier. Diesmal ist dann aber doch irgendwie alles anders. Oder etwa nicht? Von Thomas Wischnewski

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Die Welt scheint aus den Fugen. Mit den Einschränkungen wegen der Corona-Pandemie erleben wir erstmals einen Alltag, in dem irgendwie alles anders ist, als man es bisher erlebt hatte. Firmenweihnachtsfeiern sind reihenweise abgesagt. Der Schmaus mit Gänse- oder Entenbraten fällt ins Wasser. Weihnachtsmärkte werden gar nicht erst eröffnet oder sie präsentieren sich als ein verstümmeltes Budenkonzept ohne Glühweinstände und mit fehlenden Geselligkeitstreffpunkten. Über der einstig gewohnten anheimelnden Adventsstimmung liegt ein Schleier von Trostlosigkeit. Und darüber wird sich auch ordentlich beklagt. Am Mangel festlichen Flairs lässt sich gut ablesen, wie wertvoll uns die gewohnten Rituale am Jahresende geworden sind.

Aber da ist doch auch die Erinnerung, wie sich in jedem Jahr vielstimmig ein Jammern darüber erhob, dass die meisten Menschen nichts als Konsum umtreibe. Massen schieben sich durch Einkaufszentren. Es wird geshoppt, was das Zeug hält. Allerorten dudeln Weihnachtsweisen, derer man schnell überdrüssig wird. Adventszeit war stets auch das Anprangern eingeübter Kaufrauschsitten. Nun müssten doch all die Kritiker über den Ausfall dieser Traditionen eigentlich frohlocken. Stattdessen macht sich vielfach Kummer über den Verlust der Konventionen breit. So erleben wir auf wundersame Weise, dass stets mit dem Ausbleiben gewohnter Dinge der Wert derselben fassbar wird.

Offenbar waren die überfüllten Geschäfte, der laute Trubel an den Glühweinstuben und die Beschallung mit saisonalem Liedgut doch gar nicht so schlimm. Und mal Hand aufs Herz, liebe Leserin, lieber Leser, im Grunde findet jeder einen Weg, das Brauchtum zur Adventszeit auf eigene Weise auszuleben. Der Online-Einkauf hat noch nie gekannte Dimensionen angenommen. Das drückt dafür den stationären Einzelhändlern gewaltig auf die Seele. Das Weniger ist eben nur auf den Straßen zu sehen. Dafür wachsen die Verpackungsmüllberge und die Zustelldienste haben Hochkonjunktur. Der Gründer der Onlineplattform Amazon, Jeff Bezos, verfügt nun über ein Privatvermögen von geschätzten 190 Milliarden Dollar. Jeden Tag kommen ein paar Millionen dazu. Eigentlich ist jeder gegen solchen unvorstellbaren Reichtum und doch arbeiten die fleißigen Online-Einkaufsbienchen quasi täglich für den Amazon-Chef.

Bequemlichkeit ist offenbar der größere Motor, die Welt zu verändern, als Anstrengungen zu unternehmen. Der Erfolg der individuellen Mobilität fußt nämlich nicht nur auf der Reiselust, sondern vor allem auf die leichter überbrückbaren Entfernungen, bei denen man kaum noch körperliche Strapazen auf sich nehmen muss. Der Siegeszug des Internets, der Onlineshops und der sogenannten sozialen Medien findet ebenfalls in der Bequemlichkeit der Menschen eine maßgebliche Quelle. Wen sehr viele einfach nichts tun, verändern sie die Lebenswelt mehr, als wenige Aktivisten, die etwas ändern wollten.

Über den Stress an den Feiertagen kennt man auch viele schöne Klagelieder. Die übermäßige Völlerei, der Besuch bei der buckeligen Verwandtschaft und das Schlachfeld in den Küchen waren doch immer die großen Miseren zwischen 24. Dezember und Neujahr. In diesem Jahr könnte das alles anders sein. Man spart sich Besuche und man muss keine riesigen Festtagsessen zubereiten. Was gestern noch als gewaltige Beschwernis empfunden wurde, zählt bei manchen nun als tief empfundener Verlust. In diesem Jahr könnten Sie wirklich all das anders machen, worüber Sie sich schon immer grämten. Ich vermute nur, es wird am Ende doch vieles gar nicht so anders sein, als in den Jahren zuvor. Klingt trotz Corona-Pandemie vielleicht paradox und das ist es auch, weil wir uns so ungern verändern.