Freitag, September 30, 2022
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Ärger mit dem Testosteron

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Transgender und Sport: Disput um Chancengleichheit neu entfacht. Der Weltschwimmverband erlässt neue Richtlinien, um vermeintliche Vorteile einzelner Athleten zu verhindern. | Von Rudi Bartlitz

Bis zum Frühjahr 2022 kannten Lia Thomas nur die wenigsten in der Sportwelt. Das änderte sich nahezu blitzartig, als die US-Schwimmerin bei den College-Meisterschaften die Konkurrentinnen in Grund und Boden schwamm. Zeiten erreichte, die auf diesem Level bis dato als kaum möglich angesehen worden waren. Warum ihr Name es rund um die Welt in die Zeitungen schaffte, hatte einen einzigen Grund: Bis 2019 war sie als Schwimmer Teil des Männerteams der University of Pennsylvania. Mit überschaubarem Erfolg. Das änderte sich beim Start in der Frauenklasse schlagartig. Ende Mai sprach sie in einem TV-Interview mit ESPN und ABC von ihrem Ziel, 2024 an den Olympischen Sommerspielen in Paris teilnehmen zu wollen.

„Wir haben schon damit gerechnet, dass es einen gewissen Widerstand geben wird – aber nicht in dem Ausmaß, wie es jetzt passiert ist“, sagte Thomas in einem Podcast. Ihre Bestzeiten in dieser Saison sind weit entfernt von ihren „Männer-Zeiten“. Dennoch, der Aufschrei war riesig. Seither wird, nicht nur in den USA, wieder lebhaft darüber diskutiert, ob sich Personen wie Lia Thomas ungerechtfertigte Vorteile gegenüber ihren Gegnerinnen verschaffen. Weitverbreiteter Tenor: Trans-Sportlerinnen, die in der Pubertät vom Jungen zum Mann geworden sind und von der Natur mit den Nachwirkungen des begleitenden Testosteronausschusses versehen sind, seien einfach zu überlegen. Anders gesagt: Die Chancengleichheit sei nicht mehr gewahrt. Drastisch gesagt: Geht es weiter wie bisher, könnte zumindest der (Hoch)Leistungssport für die Hälfte der Bevölkerung bedeutungslos werden. Andere Stimmen warnen hingegen vor einer Ausgrenzung ohnehin marginaler Gruppen.

Inzwischen hat der Weltschwimmverband Fina reagiert. Am Rande des gerade in Budapest beendeten Weltchampionats wurden Änderungen an bestimmten Richtlinien vorgenommen. Seither steht fest: 2024 in Paris werden weder Lia Thomas noch andere Transfrauen bei Schwimmwettkämpfen der Frauen antreten. Sie sind de facto ausgeschlossen. Die Richtlinie für hyperandrogene Sportlerinnen, im Regelwerk XY DSD genannt, sieht vor, dass eine Geschlechtsumwandlung vor dem zwölften Geburtstag einer Schwimmerin abgeschlossen sein müsste, um fortan bei Frauen-Wettkämpfen an den Start gehen zu können.
Der Deutsche Schwimmverband enthielt sich in Budapest. DSV-Präsident Marco Troll verwies laut „FAZ“ darauf, dass „noch zu viele Fragen im wissenschaftlichen und juristischen Bereich sowie zur praktischen Umsetzung unzureichend beantwortet sind, um eine endgültige Stellungnahme abzugeben.“ Hintergrund der Fina-Maßgabe ist das Bestreben, Schwimmerinnen vor einem Wettbewerbsvorteil zu schützen, den Transgender-Athletinnen durch den Testosteron-Ausstoß eines männlichen Körpers während der Pubertät besäßen. Es gehe um die Gewährleistung von Chancengleichheit, sagte FINA-Präsident Husain Al-Musallam. Transgender-Frauen bleibe jedoch das Startrecht in einer künftigen „offenen Kategorie“, die Fina-Präsident Al-Musallam angekündigt hat. Sie soll 2023, so sehen es die Überlegungen vor, erstmals in den Wettkampfkalender aufgenommen werden.
Dass hyperandrogene Frauen von der Fina wie Transgender-Sportlerinnen behandelt werden, könnte das Feld künftiger Streitigkeiten noch erweitern. Die bekannteste Sportlerin, die mit XY-Chromosomen als Frau aufwuchs, ist die südafrikanische Leichtathletin Caster Semenya, die gemäß dem Leichtathletik-Regelwerk ihr Testosteron-Niveau künstlich senken müsste, um auf den Mittelstrecken bei Frauen-Wettkämpfen antreten zu können. Sie wehrt sich seit Jahren mit der Unterstützung von Menschenrechtlern gegen den Zwang, ihren Testos-teronhaushalt künstlich regulieren zu müssen. An derartiges war noch nicht zu denken, als die Russin Tamara Presse und ihre Schwester Irina zu Beginn der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts das Kugelstoßen und Diskuswerfen beherrschten. In den Medien wurden die Schwestern wegen ihres „herben Aussehens“ häufig als „Press Brothers“ bezeichnet. Nachdem die Bestimmung des Geschlechts für alle Sportlerinnen 1966 international zur Pflicht geworden war, verschwanden beide auf Nimmerwiedersehen von der Wettkampfbühne.
Fakt bleibt: Schwimmerinnen mit einer XY-Disposition sind fortan von Frauen-Wettkämpfen ausgeschlossen, es sei denn, sie haben ihr Testosteron-Niveau seit dem zwölften Lebensjahr auf 2,5 Nanomol pro Liter Blut gedrosselt. Die Richtlinie verpflichtet nationale Schwimmverbände, die Daten zu den Geschlechtschromosomen für internationale Wettbewerbe gemeldeter Athletinnen in einer Datenbank der Fina zu hinterlegen.
Zuletzt war das Thema Transgender-Frauen im August 2021 bei den Olympischen Sommerspielen in Tokio aufgeploppt. Dort war die Neuseeländerin Laurel Hubbard die erste Transgender-Frau, die sich als Gewichtheberin für Olympia qualifiziert hatte – obwohl Transgender-Athleten seit 2004 die Teilnahme erlaubt ist. In Tokio schied sie („Ich bin nicht hier, um die Welt zu verändern. Ich bin nur hier, um ich zu sein und genau das zu tun, was ich mache.“) nach drei Fehlversuchen aus. 2012 hatte Hubbard eine geschlechtsangleichende Operation vornehmen lassen und trat bei Frauenwettkämpfen an. 2017 bei der WM gewann sie Silber; zuvor hatte sie nachweisen müssen, dass ihr Testosteron-Level unter einem bestimmten Wert lag.

Nach den Tokio-Spielen hatte das IOC mit einer Stellungnahme zur Transgender-Problematik eher für Verwirrung denn für mehr Klarheit gesorgt. Das IOC war zu dem Schluss gekommen, dass es in der Frage des Startrechts von Transgender-Sportlerinnen keine einheitliche Lösung geben könne. Die Verantwortung wurde elegant auf die Fachverbände abgewälzt. Medizinische Experten, Wissenschaftler und Sportfunktionäre verweisen darauf, das neue IOC-Framework sei zu sehr aus einer Menschenrechtsperspektive verfasst, ohne dabei wissenschaftliche Fakten mit einzubeziehen. „Die Entscheidung vom IOC ist sicher an den Medizinern vorbei getroffen worden“, meinte Jürgen Steinacker, er leitet die Medizinische Kommission im Weltruderverband, gegenüber dem „Deutschlandfunk“. Lobende Worte findet er für viele Punkte des neuen IOC-Papiers, wie beispielsweise das Recht auf körperliche Unversehrtheit und Privatsphäre. Aber: „Es gibt biologische Differenzen. Und da, wo sie wichtig und notwendig sind, müssen wir sie beachten.“

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