Aerosole am Nil

Ägypten veranstaltet bis Ende Januar die Handball-Weltmeisterschaft. Ein Ereignis, das wegen der weltweiten Pandemie von vielen Bedenken begleitet ist. | Von Rudi Bartlitz

Zwischen „Himmelfahrtskommando“ und „Es wird schon irgendwie gutgehen“ schwanken die Bewertungen. Gemeint ist die Handball-Weltmeisterschaft, die an diesem Mittwoch in Ägypten beginnt – einer Zeit, in der die Corona-Pandemie wütet wie nie zuvor. Seit Wochen sind die Lager gespalten. Mana­ger aus der deutschen Bundes­li­ga warnen vor den mögli­chen Folgen des Wettbewerbs, der, das kommt erschwerend hinzu, erstmals im XXL-Format mit 32 Vertretungen stattfindet. SCM-Geschäftsführer Marc Schmedt hatte in dieser Zeitung die Veranstaltung als „einen Ritt auf der Rasierklinge“ bezeichnet und davor gewarnt, die sogenannte Blase, in der sich die Aktive während der WM-Tage aufhalten sollen, über zu bewerten. Sie sei „ein theoretisches Konstrukt“. Der deut­sche Verban­d (DHB) und die Welt-Orga­ni­sa­ti­on (IHF) hingegen besänf­ti­gen. Sie wollen das Championat unbedingt, ihre Sportart im Gespräch halten. Klar sollte ihnen aber sein: Es steht viel auf dem Spiel für den Handball. Sehr viel sogar.

Dass die Organisatoren das Event entgegen vorherigen Versprechen dann auch noch mit Zuschauern stattfinden lassen wollten, illustrierte, wie gewagt das Unterfangen ist. Die vier Are­nen sollten mit je 20 Prozent der mögli­chen Zuschau­er besetzt sein. Erst als 14 Kapitäne europäischer Teams dagegen protestierten, folgte in letzter Minute ein Einlenken. Am Sonntagabend gab die IHF nach einem Spitzentreffen mit Vertretern der ägyptischen Regierung bekannt: Die WM findet ohne Zuschauer statt. Selbst wenn die Blase nun ein wenig sicherer sein sollte – vor herumschwirrenden Aerosolen wird weiter eindringlich gewarnt. Selbst die sonst so reisefreudigen TV-Sender treten auf die Bremse: Die ARD sagte ihre Vor-Ort-Berichterstattung ab. Partnersender ZDF will anreisen, allerdings mit verkleinertem Team.

Die Gedanken der IHF, dieser Eindruck verfestigte sich zwangsläufig, gehen ohnehin nur bis zum Finale – und nicht darüber hinaus. Kismet, sagen sie in Arabien wohl lakonisch dazu. Oder glaubt ernsthaft jemand, dass die Bundesliga nur sechs Tage nach dem WM-Endspiel zwischenfallfrei in den nächsten Spieltag starten wird, nachdem die Profis wochenlang Kontakte zu Spielern – und eben wahrscheinlich auch Zuschauern – aus der ganzen Welt hatten?

Schon jetzt rückt der 17. Spiel­tag der deutschen Elite-Liga am 7. Febru­ar mit dem Spit­zen­spie­l Flens­burg gegen Magde­burg in den Mittel­punkt: Wird es mit der Bundes­li­ga ganz normal weiter­ge­hen? Kann es das? Oder werden zahl­rei­che posi­tiv getes­te­te Spie­ler aus dem In- und Ausland verhin­dern, dass die Liga ihren Start ins Jahr 2021 nimmt? Droht gar eine zweite Abbruch-Saison wie 2020? Muss ein verkürz­tes Format her, entschei­den Play-off-Spiele über Auf- und Abstieg? Schon jetzt wissen einige Klubs kaum noch, wie sie ihre verleg­ten Spiele unter­brin­gen sollen.

Erst im November hatte der DHB erfahren müssen, wie anfällig selbst körperlich austrainierte Menschen für Covid-19 sind, als – trotz eines angeblich ausgefeilten Hygienekonzepts – im Nachgang einer Länderspielwoche vier Spieler positiv getestet wurden. In der Liga mussten damals zahlreiche Spiele abgesagt werden, doch die Befindlichkeiten der nationalen Spielklassen sind zweitrangig. Weit über 100 Akteure wird die Bundesliga nach Ägypten entsenden, so viel wie keine andere Liga. Sie wird für diese WM möglicherweise auch den höchsten Preis zahlen.

Es gibt sie trotzdem noch, die guten Nachrichten für die WM-Organisatoren: Fast alle Top-Protagonis-ten haben für die Weltspiele im Pyramiden-Land zugesagt. Bei den Schweden wurden einzelne Absagen vermeldet, sonst wollen alle kommen: Norwegens Superhirn Sander Sagosen, Dänemarks langhaariger Kraftprotz Mikkel Hansen, Kroatiens erfahrener Stratege Domagoj Duvnjak, der selbst kürzlich noch gewettert hat, diese WM sei „zu gefährlich”.

Alle, bis eben auf die Deutschen. Hier musste Bundestrainer Alfred Gislason – seit über einem Jahr ist der Ex-SCM-Coach im Amt, aber wegen Corona erst seit zwei Monaten so richtig satisfaktionsfähig – eher eine Art Notaufgebot nominieren. Der DHB hatte es seinen Akteuren freigestellt, mit an den Nil zu reisen. Vier machten von der Offerte Gebrauch, darunter mit Hendrik Pekeler, Patrick Wiencek und Steffen Weinhold überragende Spieler vom frischgebackenen Champions-League-Gewinner THW Kiel. Hinzu kam der Melsunger Abwehrchef Finn Lemke.

Wie dramatisch bei den Deutschen die Situation gerade hinten ist, lässt sich exemplarisch aus Erzählungen Gislasons ablesen. Mit Pekeler, Wiencek und Lemke waren ihm die Nummern eins bis drei im zentralen Abwehrbollwerk – seit jeher eine Preziose deutscher Handball-Kunst – abhandengekommen. In seiner Ratlosigkeit zog der Bundestrainer Statistiken zurate, um in der Liga regelrecht nach deutschen Spielern zu fahnden, die auf dieser Position einsatzfähig seien. Das Resultat für „Kommissar Alfred“: Außer dem Flensburger Johannes Golla, der flugs zum neuen Abwehrchef mutierte, fand er da nur noch den Erlanger Sebastian Firnhaber, „einen in Coburg, der ist 20 Jahre alt“ und Marcel Timm aus Lemgo. Gislason: „Sonst ist einfach keiner da. Das kann nicht sein.“ Aber genauso ist es, möchte man Gislason zurufen. Weil die besagten Positionen hierzulande fast ausnahmslos von Ausländern besetzt sind. Nicht gerade ein Ruhmesblatt für die vorgeblich stärkste Liga der Welt.

Die Vielzahl von internationalen Top-Ereignissen gerade im Handball (jedes Jahr WM, EM, etc.) machten es den vier „Abtrünnigen“ wahrscheinlich nicht allzu schwer, einmal auf ein Top-Event zu verzichten. Motto: In einem halben Jahr ist ja schon wieder Olympia. Hinzu kommen diesmal fünf Verletzte, so dass der Magdeburger Moritz Preuss noch ins Aufgebot rutschte. Keiner weiß, was das neue Team zu leisten vermag. Selbst wenn bei den beiden Tests in der vergangenen Woche gegen Österreich einige Hoffnungslichter gesetzt wurden. Doch gemach, mehr als europäisches Mittelmaß stellen die Austria-Männer nicht dar. Ein Gutes hat all das – als Mitfavorit gegen die Deutschen gehen sie jedenfalls nicht ins Rennen. Alles kann, nichts muss.