Aging und Anti-Aging

Alt wollen alle gern werden, aber nicht alt aussehen. Ein todsicheres Mittel gegen das Altaussehen ist – o Gott, welch Zynismus! –, jung zu sterben. „Nein!“, ruft es aus den bunten Journalen heraus, aus Bücherregalen und dem Internet, dem Aging könne doch durch Anti-Aging abgeholfen werden: gesunde Ernährung, Gewicht reduzieren, Sport treiben, überhaupt sich viel bewegen, Krankheiten vermeiden beziehungsweise kurieren, lesen, dosiert Fernsehen, gute Laune üben und Geselligkeit, zeitig zu Bett und zeitig wieder raus. Außerdem gäbe es eine Riesenpalette entsprechender Nahrungsergänzungsmittel und Kosmetika, nicht zu vergessen das wunderbare Bakteriengift Botox und, erforderlichenfalls, das Messer. Tatsächlich, der Anti-Aging-Markt boomt, die Anzahl der Schönheitsoperationen steigt. Sogar in Corona-Zeiten.

Doch ist am Ende alles vergeblich, ob mit oder ohne Anti-Aging macht uns Gevatter Tod die Aufwartung. In der Bibel, Erstes Buch Mose, finden wir den Grund. Adam und Eva hatten vom Baum der Erkenntnis genascht und wurden deshalb aus dem Paradies vertrieben. Fortan hieß es für sie altern und sterben. Das galt gleich mit für die Pflanzen-, Pilz- und Tierwelt – Mithaftung gewissermaßen. Eine Ausnahme wurde für die einzelligen Wesen erdacht: Wenn sich deren Dasein dem Ende naht, teilen sich die Zellen, und Tochterzellen gehen hervor. Zwar wird dabei das Mutter-Individuum ausgelöscht, aber es ist ein Tod ohne Leiche. Immerhin. Jeder stelle sich das einmal für uns Vielzeller vor: Man schnürt sich in der Hüfte bis Hälften entstehen, und schließlich gehen aus unsereinem zwei Töchter hervor! Oder, bitte schön, zwei Söhne.

Der Tod, welch Glück, und trotzdem!

Wozu aber überhaupt der Umstand mit Zeugung und Sterben, und das in einem fort? Ein Grundprinzip der Evolution ist das, denn der Tod steht dem Leben fördernd zur Seite. Computermodelle bestätigen das. Man ließ vermehrungsfähige rote und blaue Pünktchen über eine Reihe von Vervielfachungsschritten gegeneinander antreten, die einen sterblich, die anderen unsterblich. Bald zeigte sich, dass die sterblichen Pünktchen im Vorteil sind, vorausgesetzt, bei der Neubildung können sie wie echte Lebewesen ihre Eigenschaften verändern. Per Zufall, durch Mutation. Die wenigen, die zufallsbedingt leicht verbesserte Eigenschaften hatten und diese dann – weil immer wieder Platz durch das Absterben der Vorgänger geschaffen wird – über ihr „Erbgut“ an die jeweilig nächste Generation weitergeben konnten, die sind am Ende die Gewinner. Selbstoptimierung ist das. Nach demselben Prinzip haben sich im Laufe der Erdgeschichte Ketten von Generationen mit Verzweigungen ergeben, hin zu immer besseren Lebensformen, Stammbäume entstanden. Ohne ein solches Selbstoptimierungsprinzip gäbe es keine Evolution, ja noch nicht einmal Leben. Die Sterblichkeit des Individuums, wie gut für die lebendige Welt, wie grausam für uns Einzelwesen!

Allerdings lässt sich die Lebensspanne mit ein bisschen Glück und viel Mühe und so manchen Entbehrungen ausdehnen. Nicht allzu toll, aber immerhin. Und am Ende sieht man sogar noch besser aus als die vielen, die vor uns gestorben sind. Wie man das anstellt, weiß heute jeder. Nur fragt sich, ob man bereit ist, all diese Mühen und Entbehrungen auf sich zu nehmen. Auch, was bei den Hunderten und Aberhunderten Empfehlungen Humbug ist, und was nicht. Gern geglaubt zum Beispiel wird, dass Rotwein ein Mittel gegen das Altern ist. Denn die Franzosen trinken regelmäßig davon, und sie werden älter als die Menschen in anderen Ländern, wo es spartanisch zugeht. Erklärt wird das damit, dass Rotwein größere Mengen an einem Polyphenol namens Resveratrol enthält, und dass dieses Resveratrol dank vielfältiger Interaktionsmöglichkeiten so manche schädigende Molekülsorten neutralisiert. Laborbefunde, an denen unter anderem der Autor mit seinen Mitarbeitern beteiligt war, bestätigen das. Auch warten manche Untersucher mit entsprechenden Beobachtungen am alternden und kranken Menschen auf. Doch stuft die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA, 2019) den Benefit einer Resveratrolverabreichung als zumeist nicht hinreichend belegt ein.

Der Wille hin zur echten Pille

Weit bessere Chancen für eine Anerkennung als Anti-Aging-Mittel hat der Arzneistoff Metformin. Er wird seit langem gegen die Zuckerkrankheit eingesetzt, den Diabetes mellitus vom Typ II (Altersdiabetes). Eher zufällig erkannte man seinen Anti-Aging-Effekt. Seit Jahren nun wird versucht, mit Metformin an der Lebensuhr zu drehen, und das in großzügig und weltweit angelegten Studien. Seit 2016 zum Beispiel die TAME-Studie (Targeting Aging with Metformin) an rund 3000 Probanden im Alter zwischen 65 und 80 Jahren. Zuvor kam in einer britischen Studie heraus, dass Diabetiker, die Metformin schlucken, nicht nur länger als andere Diabetiker leben, sondern auch länger als gesunde Menschen! Wie das?

Eine der vielen möglichen Antworten ist, dass Metformin einen bestimmten Proteinkomplex in der Zelle hemmt, das mTOR (mechanistic Target of Rapamycin). Über verschiedene Signalwege forciert mTOR das Zell-Wachstum beim Aufbau in der Kindheit und Jugendzeit. Später aber sorgt es für ein gewissermaßen pervertiertes Wachstum, das die – biologisch notwendige – Zellalterung bewirkt. Wird es durch Metformin gehemmt, verlangsamt sich der Alternsprozess. So jedenfalls lautet die bislang plausibelste Erklärung. Schon viel länger belegt ist der Anti-Aging-Effekt von Metformin durch Versuche an kultivierten Zellen, an Fadenwürmern, Fruchtfliegen und Mäusen. Und an Rhesusaffen. Doch wie auch immer, gestorben wurde trotzdem.

Metformin greift auf verschiedenen Wegen hemmend in die mTOR-vermittelten Stoffwechselprozesse ein, und das direkt oder über Umwege. Zum Beispiel über ein spezielles Signalprotein in der Zellmembran, das Adiponectin. Dessen Wirkung wird durch ein zusätzliches Protein vermittelt, die AMP-aktivierte Proteinkinase (AMPK).

Was sagt denn nun der Schöpfer zu unseren Strampeleien gegen seinen Beschluss, uns das ewige Leben zu verwehren? Man soll sich ja kein Bild von ihm machen. Wenn aber doch, ich jedenfalls würde ihm gern ins Antlitz schauen.

Veranstaltungshinweis: Vortrag Professor Wolf zu „Alterndes Gehirn“, 21.01.2021, 19 Uhr, Naturkundemuseum Magdeburg, Kaiser-Otto-Saal

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