Agit Kabayel vom Magdeburger SES-Team ist der derzeit beste Schwergewichtsboxer Deutschlands

Aus dem Getto auf den Thron : Agit Kabayel vom Magdeburger SES-Team ist der derzeit beste Schwergewichtsboxer Deutschlands. Nun will er nach den
Sternen greifen und Weltmeister werden. | Von Rudi Bartlitz

folgt uns für weitere News

Kurz nach dem Fight schien Agit Kabayel das schlechte Gewissen zu plagen. Etwas verlegen nahm er den eben auf der Magdeburger Seebühne errungenen Gürtel des neuen Continental-Champions des Weltverbandes WBA und legte ihn seinem Trainer, der ein paar Schritte entfernt im Ring ein TV-Interview gab, fast zärtlich auf die Schultern als wollte er sagen: Entschuldige, dass ich dir meine Verletzung an der rechten Hand wochenlang verschwiegen habe, aber ich wollte doch diesen Kampf machen. Unbedingt, nach einer Zwangspause von unendlich erscheinenden 505 Tagen nicht schon wieder auf ein Gefecht verzichten. Erst in der Pause zur 6. Runde rückte der Boxer aus dem Magdeburger SES-Team mit der Wahrheit heraus, als sein Coach Sükrü Aksu ihn aufforderte, die rechte Schlaghand, verdammt noch mal, öfter zu bringen. Der alte Trainer-Haudegen („Verprügel‘ den mal richtig“) brummelte später etwas, was so viel bedeuten sollte wie: Na gut, wenigstens hast du gewonnen. Aber über die Sache reden wir noch einmal.

Kabayel ist der derzeit beste deutsche Schwergewichtler – und könnte einer der besten der Welt werden. Promotet wird er von SES-Chef Ulf Steinfort. 20 Kämpfe hat der 27-jährige Deutsche mit kurdischen Wurzeln bisher absolviert, 20 hat er gewonnen, 13 davon durch Knockout. Vor drei Jahren wurde er Europameister. Nun schickt er sich an, auf der anderen Seite des großen Teiches die ganz großen Tiere des Show-Geschäfts Boxen herauszufordern. Allerdings: Titel, Siege, sportlicher Aufstieg, das ist für den schwarzhaarigen 107-Kilo-Koloss nur die eine Seite der Medaille. Was er noch sucht, ist die Anerkennung in seiner Heimat, in Deutschland.

Geboren wurde Kabayel in Leverkusen, aufgewachsen ist er in Bochum, genauer gesagt im Stadtteil Wattenscheid. In Folge der kriegerischen Auseinandersetzungen in seiner Heimat flüchtete die Familie vor mehr als zwei Jahrzehnten ins Ruhrgebiet. Durch seinen Namen, das wusste der 1,91 große Modellathlet von Anfang an, hat er es schwerer als andere, bei den Box-Fans als Deutscher anerkannt zu werden. Trotzdem lehnte er es stets ab, sich wie viele andere der Branche einen deutschen Künstlernamen zuzulegen: „Agit Kabayel ist der Name, den mir meine Eltern gegeben haben“, sagte er dem Magazin „Sport Bild“ stolz. „Wenn ich von meinen Freunden so akzeptiert werde, müssen mich auch meine Fans so akzeptieren wie ich bin. Ich ändere nicht meinen Namen, um für irgendjemanden interessanter zu klingen.“ Sein Umfeld mache sich, erzählte er noch, aus dem Thema sogar einen Spaß: „Meine Freunde nennen mich mit Spitznamen Achim Kammerjäger.“ Klingt ja auch wie Agit Kabayel.

Wenn man Kabayel mit einem Adjektiv beschreiben müsste, dann wäre das wohl: bodenständig. Er ist keiner, der die Sprüche nur so raushaut. Zu öffentlichen Terminen erscheint er nicht, wie andere der Branche, mit goldenem Basecap, diversen Totenkopf-Ringen oder glitzernder Panzerkette um den Hals, sondern im sportlichen Karo-Hemd. Vorbild ist der Vater. „Er hat nie auf der faulen Haut gelegen oder auf staatliche Hilfe gewartet, sondern immer hart gearbeitet“, erzählte der Sohn einmal in einem Interview. „Erst als Metallschneider im Ruhrpott, dann hat er sich als Wirt mit eigenem Restaurant selbstständig gemacht. Er hat immer gesagt: ,Metall, das arbeitet, kann nicht rosten. Also Junge, arbeite!‘“

Boxen, das ist die Welt des Agit Kabayel. Obwohl er erst relativ spät zu dem Zweikampfsport kam. Da war er schon fast 17. Knapp 130 Kilo wog er, als er im Gym von Sükrü Aksu das erste Mal anklopfte. „Freunde haben mich gefragt“, erzählte der Coach später einmal, „was willst du denn mit dem? Aber ich habe in dem Jungen etwas gesehen, was es mir einen Versuch wert erschien. Der hatte Herz.“ Zehn Jahre gibt es das erfolgreiche Duo inzwischen. „Davor habe ich Fußball gespielt“, berichtet Kabayel. Einer seiner besten Freunde aus jener Zeit, der auch schon in Magdeburg bei einem der Kämpfe am Ring saß, ist Leverkusens Nationalspieler Kerem Demirbay. Zurzeit herrscht zwischen den einstigen Freunden allerdings Funkstille. „Zickenkrieg“, so der Mann aus Bochum. Mehr will er dazu nicht sagen. Kabayel: „Im Fußball bin ich irgendwann nicht mehr weiter vorangekommen. Da habe ich es mit Kickboxen versucht. Aber ich wollte lieber richtig boxen, das lag mir und hat auch mehr Spaß gemacht.“

Apropos Spaß. Dafür ist Kabayel stets zu haben. Sein verschmitztes Grinsen wirkt ansteckend. Einer, der das bezeugen kann, ist sein Cousin Hüseyin Köksecen, besser bekannt als KC Rebell, einer der erfolgreichsten deutschen Rapper („Wir waren Kinder, die Scheiße bauen, doch im Herzen gut / In meinen Kreisen gewann der, der als erster schlug.“). Vier seiner Alben landeten hierzulande in den Charts auf Platz eins. Als der Schwergewichts-Cousin im Januar 2016 seinen ersten Kampf bei einer SES-Veranstaltung in einem Berliner Luxus-Hotel bestritt, war die Edel-Herberge überschwemmt von jugendlichen Fans. Alles Box-Liebhaber? Sie winkten ab, sie waren nicht wegen des Haudraufs im Ring gekommen, sondern wegen KC Rebell, der in der ersten Reihe die Daumen drückte. Zurück zum Spaß. „Schon als Jugendlicher war Agit“, so der Rapper, „ immer witzig drauf, aber gefährlich unterwegs.“

Es steckte also noch etwas anderes dahinter, das Kabayel den Weg ausgerechnet zum Boxen einschlagen ließ. „Ich bin im Getto im Ruhrpott auf der Straße groß geworden. Da musst du kämpfen, dich gegen allen möglichen Dreck durchsetzen. Irgendwie standest du immer mit einem Bein auf dem Weg in die falsche Richtung.“ Dem Magazin „Spiegel“ sagte er dieser Tage: „Wir waren Straßenköter, haben richtig viel Scheiße gebaut, uns oft geprügelt.“ Eine Lehre als Gleisbauer beendete er zwar, arbeitete jedoch nie diesem Beruf. Verdingte sich als Türsteher. Oft habe er damals, wenn er verzweifelt war, daran gedacht, „die kriminelle Laufbahn einzuschlagen“. Er wollte nur eines: raus aus dem Getto. So sein wie KC Rebell oder Demirbay, die gezeigt hatten, dass es geht – und wie es geht. „Über das Profiboxen habe ich es geschafft, darauf bin ich stolz.“ Der Sport gab ihm endlich das, wonach er offenbar lange gesucht hatte: eine Perspektive.

Und doch, auch das Boxen hielt für den Senkrechtstarter – der im vergangenen Jahr als erster Deutscher einen lukrativen TV-Vertrag beim weltweiten US-Marktführer ESPN erhielt und deshalb seinen EM-Titel niederlegte – zuletzt einige Schattenseiten bereit. Fast eineinhalb Jahre durfte er nicht in den Ring. Erst verzögerte sich die Ausstellung des Einreisevisums für die USA, das für Januar vorgesehene Debüt auf der anderen Seite des Atlantiks platzte. Dann zerstörte Corona weitere Pläne. Kabayel war so frustriert, dass er sogar ans Aufhören dachte. Als sich nun die Möglichkeit in Magdeburg abzeichnete, wollte er sich durch eine Kapselverletzung nicht auch noch diese Chance durch die Lappen gehen lassen. Also verschwieg er das Handikap gegenüber seinem Trainer (Aksu: „Ich hätte den Kampf abgesagt, hundertprozentig. Die Gefahr einer Niederlage und einer noch schwereren Verletzung wären zu groß gewesen.“). „Ich kämpfe überall“, hatte sein Schützling noch vor dem Seebühnen-Fight gegen den Griechen Evgenios Lazaridis, den er haushoch nach Punkten gewann, erklärt. „Wenn es sein muss, sogar im Keller.“

Der Himmel könnte für ihn nun also wieder voller Geigen, oder eben Sandsäcke, hängen, wäre da nicht die Sache mit der Deckung. „Das ist sein Manko“, analysierte Trainer Aksu schon vor Jahren knallhart. „Er muss wahrscheinlich erst einmal am Boden sein, dann weiß er, was Deckung heißt.“ Dumm nur, sein Schützling war noch nie am Boden. Aksu: „Bei den Profis nicht, bei den Amateuren nicht, nicht einmal im Training.“ Es klingt fast, als bedauere der Coach diesen Umstand. Eine Hoffnung hat er dennoch: „Wenn er erst einmal schlafen geht, sind die Hände von ganz allein oben …“ Kabayels Argument, er spüre die Schläge der Kontrahenten doch kaum, lässt der alte Ring-Fuchs nicht gelten: „Erstens registrieren die Punktrichter die Schläge, und dein Gehirn sieht das auch anders.“

Niederschlag hin, Niederschlag her. Jetzt, nach dem Sieg in Magdeburg, wollen Kabayel und Aksu ran an die großen Fleischtöpfe. Es wird in der Tat lang­sam Zeit, dass der vor Kondi­ti­on und Drive nur so strot­zen­de Kabayel sich an der Elite im Königs­li­mit misst. Als der Coach gefragt wurde, wen er als nächsten Gegner haben wolle, antwortete er unmissverständlich: „Wir müssen international kämpfen, in Deutschland bringt das nicht mehr viel, hier haben wir keine Gegner mehr.” Dabei fielen Namen wie der des Russen Alexander Powetkin oder des US-Boys Deontay Wilder, beide saßen schon auf dem WM-Thron. Doch Angstpsychosen verursachen sie bei dem Jungen aus dem Ruhrpott keine. Er, der sich „hundertprozentig deutsch fühlt“, will ganz nach oben. Er will jene Anerkennung, die einst ein Henry Maske oder Axel Schulz hierzulande hatten. Die ihm, so sieht er es jedenfalls, noch fehlt. Er will der erste deutsche Schwergewichts-Weltmeister nach Max Schmeling werden.

Vielleicht gefällt dir auch