Alles bleibt anders

Die Maßnahmen gegen das Virus erzeugt neue Ungerechtigkeit und verschärft manche gesellschaftliche Spaltung. Während die Einen genau wissen, wohin alles geht, wird anderen die Richtung entrissen. Dies wird unter der Pandemie gern verdrängt, sorgt aber für spätere Folgen, die große Wirkungen haben können. | Von Thomas Wischnewski

Das Jahr 2020 verabschiedeten wir in Zurückgezogenheit, mit Abstand von den anderen und Verboten für viele Menschen, die ihrer Arbeit, Ausbildung, dem Lernen in Schulen und Hochschulen nicht nachgehen konnten. 2021 beginnen wir wie gewohnt mit täglich vorgebeteten Inzidenzien und Infektionszahlen. Und in der Folge verordnet die Politik verschärfte Einschränkungen. Was im Leben mit diesen Pandemie-Maßnahmen jedoch nicht in den Mittelpunkt rückt, ist, wie sich Menschen, Interessengruppen und Lebensbedingungen darunter ändern. Auch wenn die Einschränkungen bleiben sollen, driften die Vorstellung und konkreten Möglichkeiten für viele Menschen in einen Daseinsnebel.

Als 2015 mit Migrantenströmen und der Kritik an der Einwanderungspolitik eine Spaltung der Gesellschaft konstatiert wurde, war das noch politisch fassbar. Mittlerweile erleben große Teile der Bevölkerung tiefe Einschnitte in ihr Leben und trotzdem reagieren politische Akteure mit einer Rechts-links-Einordnung, wenn sich Protest an den Pandemieverordnungen rührt. Diese geometrische Einebnung ist gefährlich, weil sie die tatsächlichen Probleme überdeckt. Bei einer weiteren Eskalation werden dann ausgemachte Galionsfiguren als Schuldige angeprangert. Im Prinzip kann man das gut in den USA beobachten. Die Figur des scheidenden Präsidenten Trump muss als Ausgeburt der Hölle herhalten, so, als ob es ohne seinen aktionistischen Politikstil die Probleme im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ nicht gäbe. Auch hierzulande dürfen wir die Augen vor den gesellschaftlichen Rissen nicht verschließen. Da hilft auch kein Pochen auf den Gesundheitsschutz von Risikogruppen. Während für die Einen eine Gefahr nur abstrakt bleibt, wird sie für die Anderen eben konkret. Ein Dozieren von oben, wie sich alles regeln ließe, hilft wenig, wenn das Leben unten unter die Räder kommt.

Die Einen gegen die Anderen
Schon wird darüber diskutiert, ob Geimpfte gegenüber Nichtgeimpften Privilegien haben könnten. Beispielsweise, dass die einen Reisen unternehmen dürften oder Veranstaltungen besuchen könnten. Genau solche Voraussetzungen – ob jemand per Definition schädlich für den Rest der Gesellschaft sein könnte – zeichnete noch jede Diktatur aus. Und es wird tatsächlich über solche Aspekte geredet, als wäre die Würde des Menschen antastbar. Und die eine Würde ist eben nicht vergleichbar gegenüber einer anderen.

Während zum Jahresbeginn das statistisch auf rund 8 Milliarden Euro gestiegene Barvermögen der Deutschen veröffentlicht wurde, sagt dies nichts über die individuelle Situation aus. Die Pandemie-Maßnahmen lassen inzwischen hunderttausende Leute zittern. Im Frühjahr läuft für die ersten Arbeitslosen in Folge der Corona-Politik das Arbeitslosengeld I aus. Während in den vergangenen Jahren manche mehrere Jobs leisten mussten, um einigermaßen über die Runden zu kommen, können derzeit viele Aushilfsjobs gar nicht geleistet werden. Stillhalte-Appelle und Hilfsversprechen wie sie von denen verkündet werden, die keine Einschränkungen hinzunehmen haben, fallen selten auf einen Boden von Verständnis. Gleichzeitig müssen genau die Schwächsten der Gesellschaft auch die gestiegenen und verordneten Lasten tragen. Solche wie die gerade eingeführte CO2-Abgabe zum Beispiel. Die Beträge schmerzen den guten Verdiener wenig, aber wer ohnehin jeden Cent umdrehen muss, erlebt Frustration. Unter den schwierigen Bedingungen sollen solche Betroffenen flexibel fürs Arbeiten bleiben, während ihnen Mütterchen Politik die Möglichkeiten dazu unter den Füßen wegreißt.

Wir hinterlassen nach neun Monaten Pandemie-Verordnungen eine zerklüftete Bildungslandschaft. Gerade solche die Unterrichtsförderungen benötigen, fallen mit dem Lernen zu Hause und mit Entfernungslehre am Bildschirm mehr und mehr durchs Raster. Mögen die Folgen jetzt noch nicht sichtbar sein, sie werden in Ausbildungsbetrieben spürbar werden. Die Schwächsten sind eben nicht nur die vor einer Infektionsgefahr zu schützenden Risikogruppen, sondern auch alle jene, die kaum Chancen haben, sich aus eigener Kraft zu helfen.

An den Börsen bestaunt man die Höhenflüge der Aktienindizes. Doch diese sind nur Folge, dass mittlerweile immer mehr in diese Anlageformen flüchten, weil selbst kleineren Bargeldguthaben Negativzinsen drohen könnten. Solche Effekte haben den Tesla-Gründer Elon Musk inzwischen auf dem Papier zum reichsten Menschen auf der Erde gemacht, obwohl durch ihn keine neuen Produkte aufgelegt wurden. Es erfolgt eine Flucht in Ideen über Werte und dadurch verschieben sich die Gleichgewichte über Vermögen und Nichtvermögen weiter zugunsten der Besitzenden. Hierzu darf die Politik ihre Verantwortung nicht wegschieben.

Ein wachsendes Ungleichgewicht entsteht ebenfalls durch die sicher notwendige ökologische Politik. Denn die Auswirkungen spüren wiederum zuerst jene, die über kaum oder über keine finanziellen Spielräume verfügen. Das sind jedoch genau die Menschen, die ohnehin wenig zum Ressourcenverbrauch beitragen. Diese Klientel hat eben keine zwei Autos vor der Tür stehen – wenn sie überhaupt eines hat –, lebt nicht in einem üppigen Eigenheim, fährt nicht zweimal im Jahr in den Urlaub und kann auch sonst keine großen Konsumsprünge unternehmen. Aber es wird über ihre Köpfe hinwegentschieden, wie das Leben zu laufen hätte.

Über die millionenfach individuellen Lebensrealitäten wird in geistigen Sphären von Politik, Medien und Internetseiten geurteilt. Überhaupt zeigt sich, dass das Theoretisieren im Netz der Wirklichkeit des Einzelnen nicht nahkommen kann. Trotzdem wird genau dort der bestimmende Ton erzeugt. Wer anderer Meinung ist, wird beschimpft und verunglimpft. Manche fordern gar noch härtere Maßnahmen und glauben damit, die Natur der Viren lenken zu können. Wie die Gesellschaft heute mit Covid-19 umgeht, ist ein Ausdruck dafür, in welchem geistigen Verständnis wir heute existieren. Über allem schwebt imaginär die Vorstellung, der Mensch sei in der Lage, alle Bedingungen nach seinem Gusto zu gestalten. Allerdings hat genau so eine Hybris in der Geschichte zu großen gesellschaftlichen Verwerfungen geführt. Nehmen wir uns hier das Beispiel China vor. Dem kommunistischen Einparteiensystem wird vorgeworfen, alles zu beherrschen und in jeden Lebensbereich ihrer Bürger einzudringen. Trotzdem regt sich dort Widerstand, gibt es Oppositionelle und keimen Gegenbewegungen im Geheimen. Je mehr Regierungen demokratischer Staaten der sogenannten westlichen Hemisphäre mit Regeln Druck für die eine oder andere proklamierte politische Sache ausüben, umso mehr werden sie selbst Miterzeuger diktatorischer Tendenzen. Je lauter von einer politischen Front die Alternativlosigkeit einer Richtung verkündet wird, umso lauter wird die Gegenwehr und umso tiefer werden die Gräben. Als Zuschauer am aktuellen Geschehen kann jeder diesen Mechanismus beobachten. Und stets werden Begriffe und Deutungen erzeugt, wie der Widerstand eingeordnet zu werden hätte.

Schärfere Regeln spalten weiter
Was wir brauchen, ist eine wirklich offene Politik, ein Steuern im Kleinen. Nur konkret können Maßnahmen greifen und Wirkung erzeugen. Aus dem Anspruch über die alleinige Wahrheit über alles folgt Verklärung, Abwendung von Vielfalt und Möglichkeiten. Es entstehen ein spalterisches Gruppenverständnis und Ungerechtigkeiten. Die klimapolitischen Appelle des Jahres 2019 haben dafür Belege gegeben. Was eine akademische Elite in Großstädten mit allgemeinen Losungen beispielsweise Menschen im ländlichen Raum verordnen wollte, ist weit entfernt von deren Realität und Möglichkeiten.

Ähnlich verhält es sich in den vielfältigen Bereichen von Gerechtigkeitssuchen über Genderfragen. Wer wird wie angemessen benannt? Wie erzählen wir in Zeichen die Lebensgerechtigkeit Einzelner – das sind Fragen, die sich nicht in einer theoretischen Diskussion lösen, sondern im tatsächlichen Erleben von Menschen untereinander. Aber die Macht der Theorie erzählt vielfach Verhaltensweise über die Wirklichkeit von Menschen hinweg. Differenzen werden dadurch oft erst ausgestaltet, definiert und sie verschärfen sich unter politischen Forderungen. Die gerechte Sprachanwendung für die Einen grenzt gleichzeitig andere in ihrer Sprachtradition aus, definiert sie als ungerechte Zeitgenossen und Verhinderer am Fortschritt. Es ist jedoch nur die Erzählung davon, die solche Spaltungen erzeugt. Wahrscheinlicher ist, dass sich Menschen im konkreten Miteinander empathisch und rücksichtsvoll miteinander umgehen.

Solange sich die Wissenschaft über ein Phänomen nicht abschließend einig ist und die eine Überzeugung öffentlich gegen die andere ausgespielt wird, zieht jeder gesellschaftliche Diskurs nur einen neuen Graben. Die einst so wichtige Suche nach Konsenz in einer Sache, scheint sich in dieser Zeit weiter aufzulösen. Deshalb werden die Konflikte nicht beseitigt, sondern verschärfen sich eher. Solange – und das fördern die Verordnungen über Einschränkungen – jeder Ruf nach angemessenen Lebensmöglichkeiten mit dem Pochen auf Regeln erschlagen wird, wächst der gesellschaftliche Zwiespalt. Es geht aber dabei nicht mehr nur über den zu den Corona-Maßnahmen, sondern weiterhin über sich verschärfende gesellschaftliche Widersprüche.

Keine moralisierende Selbstanmaßung, sich zu den angeblich Guten zählen zu wollen, erzeugt automatisch etwas Gutes. Das Löschen von Posts bei Twitter oder Facebook bzw. das Sperren eines Accounts beseitigt keine Ansichten, sondern verschärft dauerhaft nur die Gegenposition. Feinde der Demokratie entstehen nicht außerhalb von ihr, sondern keimen unter ihren Bedingungen. Werden die Zügel angezogen, entsteht Gegendruck. Das weiß eigentlich jeder und trotzdem tun wir es. Und damit sind nicht allein die Corona-Verordnungen gemeint, sondern die vielfältigen öffentlichen Zurückweisungen von Meinungen – seien diese auch noch so abwegig. Natürlich gibt es für alles Grenzen. Aber die angemessenen auszuloten, ist ein schwieriger Prozess. Nicht hilfreich sind Diskussionen, die nur eine Antwort haben, dass so wie es läuft, alles richtig wäre. Finden wir keinen Ausweg aus der Misere, wird sie uns verschiedentlich weiter um die Ohren fliegen. Insofern bleibt alles anders, weil nichts bleibt, wie es ist. Der Kampf gegen das Virus erzeugt viele neue Risse.

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