Montag, September 26, 2022
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Anfang und Ende

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Prof. Dr. Gerald Wolf

Wir haben uns an uns gewöhnt. Daran gewöhnt, dass wir es sind, die in diesem Moment in den Spiegel blicken oder in sich hinein. Oder essen, sich am Rücken kratzen oder sich über irgendeinen Schmarrn äppelig freuen. Einzigartig sind wir, ein Ich, ein Selbst, nicht austauschbar mit anderen, auch wenn diese gerade dasselbe tun. Gegenwärtig leben auf der Erde acht Milliarden Vertreter unserer eigenen Spezies, die sich Homo sapiens genannt hat, „weiser, gescheiter, kluger, vernünftiger Mensch“. Und alle spüren ihr Ich genauso wie wir es spüren. Aber es ist nicht unser Ich, sondern das ihre. Wenn wir Angst haben, Angst um unser Leben gar, dann empfinden wir das unsere besonders intensiv. Als etwas, um das es schade wäre, würde es nicht mehr sein. Jammerschade. Trotz der vielen anderen.

Um den Start unserer Einmaligkeit zu erklären, brauchen wir die Genetik. Jede Zelle unseres Körpers verfügt in ihrem Zellkern über zwei Sätze von 23 verschiedenen Chromosomen. Der eine Satz stammt von unserer Mutter, der andere von unserem Vater. Insgesamt also sind es pro Zellkern 46 Chromosomen. Die Keimzellen jedoch tragen nur einen Chromosomensatz, nur 23 solcher Erbträger also. Die jeweiligen Gegenstücke werden bei der Keimzellreifung nach dem Zufallsprinzip auf andere Zellen abgeschoben. Im Ergebnis der Keimzellreifung mag in der Eizelle, aus der wir hervorgegangen sind, das Chromosom 1 von der Mutter unserer Mutter stammen, auch das Chromosom 2, die Chromosomen 3, 4 und 5 aber von ihrem Vater, Chromosom 6 wieder von der Mutter − und so weiter. Analog dazu die Überlegung zu dem Spermium, das diese Eizelle befruchtete und damit unsere Einmaligkeit begründete. Bei der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle könnte ein einzelnes Ehepaar allein durch diese Art der Neukombination von mütterlichen und väterlichen Chromosomen über 8 Millionen (223 = 8.388.608) genetisch unterschiedliche Kinder zeugen! Da pro Chromosom noch zwei bis drei Bruchstückaustausche hinzuzurechnen sind, reicht die Zahl der genetisch unterschiedlichen Kinder, rein theoretisch natürlich, ins Unendliche. Und eine einzige dieser unendlichen vielen Varianten verkörpern wir! Genauso gut hätte es irgendeine Schwester sein können oder ein Bruder. Niemand kommt auch nur auf die Idee, deren Existenzrecht einklagen zu wollen.

Da ist der Sonderfall eineiige Mehrlinge, üblicherweise Zwillinge. Diese sind genetisch (so gut wie) identisch. Eineiig genannt, weil sie einer einzigen, durch ein Spermium befruchteten Eizelle entstammen. Jedoch entwickeln auch sie im Laufe der Zeit Merkmale, durch die sie sich voneinander unterscheiden. Bald stärker, bald schwächer. Denn ihre Umwelten mögen verschieden sein, auch ihre Erziehung. Vor allem aber ist es die Privatheit ihrer Eigenerfahrungen. Jeder der Zwillingspartner verfügt über ein absolut eigenständiges Ich-Bewusstsein. Schon allein dadurch empfindet sich jeder von ihnen als einmalig. Und er ist es auch. Selbst wenn Menschen in Massen auftreten, wie bei Fußballspielen oder auf Demonstrationen, sind es doch immer Individuen, unverwechselbare einzelne Menschen. Der Verlust eines jeden verdient von seinen Nächsten beweint zu werden.

Womit überhaupt fing alles an?
Der Urknall war es, klar. Oder? Und vor ihm, was war vorher? − Nichts? Das ist doch wohl undenkbar, denn wie sollte aus nichts je etwas werden können, das gesamte Universum und mit ihm auch jeder einzelne von uns? Diese Frage stellt sich der Laie, ebenso jeder Fachmann. Doch auch diese können sie nicht bindend beantworten. Wirklich aufregend, wie profund unser Unwissen sein kann! Und erst mit dem Urknall soll der Raum entstanden sein, ebenso die Zeit, korrekter: die Raumzeit. Und mit ihr ein Brei aus Teilchen, aus dem später die Teilchen hervorgegangen sind, wie sie die Physik von heute kennt: Photonen, Protonen, Neutronen, Elektronen und einen ganzen Zoo aus weiteren solcher Teilchen. Dann die Frage, wodurch das Ganze organisiert wurde. Oder „von wem“? So muss man sich fragen, woher erhalten (oder erhielten) die Protonen die Information, die ihnen ihre jeweiligen Eigenschaften verschaffen? Eigenschaften, durch die sie sich als Teilchen mit einer positiven Ladung von den etwa gleich schweren Neutronen zu unterscheiden haben? Eine irgendwie geartete Information muss das sein, was sonst? Eine, die unabhängig von der Materie ist, ja, noch vor aller Materie da sein muss, weil sie doch bestimmt, wie sich diese zu strukturieren hat. Eine Information, die anders als uns geläufig nicht an Materie gebunden ist, nicht an Papier, Elektrizität oder Schallwellen. Eine „freie Information“ also. Manche Quantenphysiker denken in Analogie zum Energie-/Materie-Erhaltungssatz an einen Informations-Erhaltungssatz, einen, der bewirkt, dass auch die Information nicht einfach verschwinden kann. Gar jedwede Art von Information? Auch für all das, was unsereiner je gedacht, je gesagt hat? Für alles, was unser Gehirn jemals an Information produziert hat und damit das bewusste Sein, die Seele?

Ein Anspruch auf Ewigkeit?
Würde ein solcher Informationserhaltungssatz derartig weit und umfassend greifen, wäre das für jeden von uns eine Chance für ein ewiges Sein! Wir müssten dann davon ausgehen, dass alles das, was uns geistig je ausgemacht hat, „irgendwie“ und irgendwann und irgendwo auf die Quelle zurückgerechnet werden könnte. Mit anderen Worten: auf uns! Unser Geist würde fortexistieren, auch wenn wir körperlich längst verfallen sind, und das für alle Ewigkeit! Unvorstellbar, und schon deswegen unglaublich. Es sei denn, man ist mit einem entsprechenden Maß an Glaubensfähigkeit ausgestattet. Gut denkbar, dass bei der Aussicht auf Ewigkeit selbst der eingefleischteste Atheist anfängt, an seinem bisherigen Unglauben zu zweifeln. Nämlich auf eine solche oder wie auch immer geartete nicht-religiöse Weise. Ohnehin ist Religion nicht einfach mit dem Glauben an den Gott der Bibel gleichzusetzen. Es gibt tausende andere Religionen, die sich in Hinblick auf die jeweils postulierte höchste Instanz unterscheiden. Sie alle setzen bei ihren Anhängern Glaubensfähigkeit voraus. „Glauben“ aber ist recht eigentlich nicht „Wissen“, sondern beinhaltet immer auch den Zweifel. Beziehungsweise die Bereitschaft, das zu bezweifeln, was jeweils als wahr geltend gemacht wird. Die Übergänge von Wissen zu Glauben und von Glauben zu Wissen sind fließend. Bei manch einem von der Tageszeit oder der Stimmung abhängig.
Geradezu mitreißend sind in solchem Zusammenhang die sogenannten Nahtod-Erfahrungen. Im Wortsinn sogar, wenn sie bislang Ungläubige durch ein einmaliges gewaltiges Erlebnis von Gott, dem Gott ihres jeweiligen Kulturkreises, wissen lassen. Vermeintlich. Die Betreffenden erlitten einen Herzstillstand, oder sie waren durch einen Unfall, eine schwere Infektion oder Erstickung in Todesgefahr und berichten hernach von höchst absonderlichen Erlebnissen. Manche von ihnen sind überzeugt, ihren Körper verlassen und die Ereignisse um sich herum gleichsam von oben her verfolgt zu haben. Andere berichten von einem hellen, angenehmen Licht, auf das sie zuschwebten und dabei dem sonoren Ruf einer starken Persönlichkeit folgten. Für die meisten kein Zweifel: Gott war es, Gott höchstpersönlich. Er sprach zu ihnen, und mit ihm sprachen sie. Er war es auch, der sie schließlich in das Leben zurückgab. Viele vertrauen danach noch unerschütterlich auf diese ganz persönliche Gotteserfahrung. Sie haben dann keinerlei Angst mehr vor dem Tode. Fortan „wissen“ sie um ihre Zukunft in aller Ewigkeit und bedauern all jene, denen eine solche, die Seele in ihren tiefsten Tiefen ausfüllende Gewissheit niemals widerfahren ist.

Gewissheiten, die fehlen

Eine Zeitlang gab es seitens der Hirnforschung Gewissheit von einer anderen Art. Man hatte festgestellt, dass in Todesnähe wahrhafte Stürme elektrischer Entladungen durch das Gehirn brausen. Ganz besonders aktiv schien dabei eine Stelle in dem Winkel zwischen dem Schädel- und dem Scheitellappen zu sein. Nämlich dort, wo bei Epileptikern lokale Krampfanfälle zu besonders intensiven Erfahrungen der religiösen Art führen. Diese Region wurde folglich „Gottesmodul“ genannt. Der Autor hat zu diesem Sujet zwei Romane geschrieben: „Der HirnGott“ (ISBN: 9798667218494) und „Das Gottesmodul oder glaube mir, mich gibt es nicht“ (ISBN: 9781521072530). Mittlerweile ist es um das „Gottesmodul“ recht still geworden, nicht aber um die Nahtod-Erfahrungen. Hunderttausende haben sie gemacht.
Was die Forschung zur Erkundung des Gehirns und seiner Fähigkeiten bis zum heutigen Tag geleis-tet hat, ist enorm und von keinem Einzelnen je zu erfassen. Und doch wissen Hirnforscher nahezu nichts darüber, wie dieses Organ den Geist, das bewusste Sein, erzeugt. Einigkeit besteht gerade mal darin, dass das Bewusstsein eine Hirnleistung ist − das Ergebnis eines „irgendwie“ gearteten Zusammenwirkens von ungefähr hundert Milliarden Nervenzellen mit jeweils hunderten oder tausenden informationellen (synaptischen) Kontaktstellen. Ergänzt durch etwa ebenso viele Gliazellen, „Hilfszellen“. Wie aber den Modus operandi eines solchen Verbundes verstehen? Astronomisch viele informationelle Wechselwirkungen gälte es dabei einzurechnen, korrekter: „über“astronomisch viele. Und dazu ist unser Gehirn nicht in der Lage. Auch nicht ein kollektiver Verbund aus den Gehirnen sämtlicher Hirnforscher dieser Welt. − So paradox es klingen mag: Unser Gehirn ist viel zu klein für seine Größe.
Müssen wir uns dem Schicksal einer Vorstellung über die eigene Endlichkeit ergeben und gegenüber dem Wissen, dass uns zu viele Gewissheiten fehlen.

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