Auf der Suche nach Ostern

Ein zweites Osterfest unter den Bedingungen eines Lockdowns. Wie lange kann man das Mit- und Füreinander abschalten? Wenn Politik keinen Ausweg weiß, werden Menschen einen finden. Eine irrationale Suche. Von Thomas Wischnewski

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Über frohe Ostern möchte man schreiben. Aber irgendwie fällt das schwer. Das Wort Pandemie hat sich vor jede Fröhlichkeit gestellt. Tage vergehen zwischen zwei Inzidenzwerten. Das Osterfest wird auch nur mit Corona-Infektionszahlen davor und danach vergehen. Alles, was von der guten Ostertradition bleibt, heißt Suche. Nach Lösungen, nach Auswegen, fürs Überwinden – alles erscheint wie ein verzweifeltes Umherirren. Das Wort Suche sollte doch eigentlich dem Ostersonntag vorbehalten bleiben. Jetzt ist es immer und überall.

Frank sitzt seit einem Jahr in München fest. Sein Lebenspartner Hassan wohnt in Singapur. Mal verhindern die singapurischen Regeln eine Einreise, mal ist das Risiko zu groß, um nach Deutschland zurückkehren zu können. Zwei Menschen finden sich nicht. Eine Tochter bleibt über die Feiertag in Hannover. Besucht die 80-jährigen Eltern nicht. Zu schwer wiegt die Angst vor erneut steigenden Infektionen und die Verbreitung schlimmster Mutationen. Eine andere Tochter geht jedem Kontakt aus dem Weg. Sie braucht ein lupenreines Attest für den öffentlichen Dienst. Ein positiver Test könnte einen schwarzen Fleck auf der Gesundheitsakte hinterlassen. Man könnte dazu auch Angstexzess sagen. Nicht das Virus selbst ist der Mittelpunkt von Ängsten, sondern eher mögliche Auswirkungen, die von Behörden definiert wurden. Freunde meiden Zusammenkünfte. Verwandte verweigern das Kommen zu Famlienfeiern. Es verrutscht etwas unter den Menschen, nämlich der eigentliche Kit, das Emotionale, Soziale und die Familienbande. Was helfen Zusammenhalts-Beteuerungen am Telefon, wenn Einsamkeit jede Bindung zerschneidet?

Normalität im Supermarkt. Kundenschlangen an den Kassenbändern. Der kleine Klamottenladen bleibt geschlossen. Man könnte einen Termin machen und einen negativen Schnelltest vorlegen. Der freundliche Amazonfahrer bringt die Sachen doch auch. Schaut man auf die Zeit vor der Pandemie-Proklamation waren so viele Dinge wichtig: Wie beleben wir die Innenstadt? Jetzt sollen wir froh sein, dass dort kaum jemand hinfindet. Wie beschulen wir die Kinder und Jugendlichen richtig, möglichst ohne das Unterricht ausfällt? Ausfall ist jetzt oft die gute Notwendigkeit. Wie oft haben wir in der Vergangenheit einen gesellschaftlichen Zusammenhalt angemahnt? Jetzt ist soziale Distanz verordnet. Waren wir bis 2020 nicht permanent auf der Suche nach richtigen Wegen, korrekten Beschreibungen und angemessenem Verhalten, und zwar solchen Lösungen, die möglichst viele Menschen in Einklang bringen sollten. Solche Ansinnen haben jedes reale Fundament verloren. Sollten nicht die Herausforderungen, die mit der 2015 hereingebrochenen Migration vor uns standen, die wichtigste Aufgabe unserer Zeit sein? Wo sind jetzt ein Aufeinanderzugehen, ein gemeinsames Kennenlernen und das große Miteinander. Wer sich heute uneigennützig um Migranten kümmern wollte, verstößt gegen Kontaktbeschränkungen.

Deutschland – das war mal ein Land der Entdecker. Damit sind nicht solche lebensgefährlichen Unternehmungen wie die eines Christoph Kolumbus gemeint, sondern die Deutschen als Reiseweltmeister. Damit haben viele einen kleinen Beitrag zur ökonomischen Umverteilung auf der Welt geleistet. Der ökologische Fußabdruck ist da eine andere Sache. Die Schwerpunkte haben heute andere Namen. Welche Maske schützt besser? Welcher Impfstoff hilft effektiv oder schädigt nicht? Genetisch veränderte Pflanzen sind ein großes Problem. Vakzine mit mRNA, die genetische Information für den Aufbau eines Proteins trägt – zu deutsch auch Boten-RNS genannt – sind plötzlich ein probates Rettungsmittel. Eier verstecken war Ostern immer ein großer Spaß für Kinder und Erwachsene. Was wir uns heute mitunter langfristig für Eier ins Nest legen, verdrängen wir lieber. Ges-tern, vor Corona, war das alles doch ganz wichtig. Menschen sind dafür auf die Straße gegangen, haben gegen das vermeintliche Monster Gentechnik demonstriert. Verlangten Warnhinweise auf Verpackungen und Verbote für Lebensmittel.

SARS-Cov-2 und nun seine Mutanten sind eine totbringende Seuche. Wie oft wurden Menschen, die Auswege aus existenzbedrohenden Situationen suchten, Maßnahmen und Einschränkungen kritisierten, als mögliche Mörder gemaßregelt. Sie würden etwas fordern, was Tausende Tote erzeugen könnte. Wie konnte es dazu kommen, dass solche nicht zulässigen Vergleiche angestellt werden. Man kann das Risiko des einen nicht dauerhaft mit den Notwendigkeiten eines anderen aufwiegen. Aber es geschieht. Niemand – auch ohne Virus-Epidemie – ist mehr wert, wenn er länger lebt als andere. Ein verkürztes Leben ist ein Menschenleben. Die Dauer ist kein Maßstab, an dem man ein Leben messen könnte. Dass man zu Ostern solche komischen Gedanken findet, ist wie ein Mysterium. Aber so war das wohl immer. Menschen suchen Wege, aber finden sie keine Richtung, auf die sie sich einigen könnten, entsteht Streit. Und solche Situationen erzeugen Mythen und Erzählungen über verborgene Drahtzieher oder ein vorgezeichnetes göttliches Schicksal.

Wenn ich hier schreibe und manchem Gedanken freien Lauf lasse, ist das nichts anderes als die Suche, Widersprüche zu überwinden, die Gefangenschaft des Geistes zu durchbrechen. Je enger sich ein Regelkorsett um eine Gesellschaft löst und ihre Individuen in ihren Möglichkeiten einschnürt, um so verzweifelter, depressiver und destruktiver werden einige, andere neigen dafür häufiger zu Aggressionen. Auf Dauer lassen sich Millionen Menschen nicht in ein paar Verhaltensregeln einsperren. Ausweg daraus suchen und finden manche schon seit über einem Jahr. Treffen mit mehr Leuten als erlaubt, werden im Verborgenen abgehalten. Strafen schrecken die nicht. Im Menschsein steckt soviel Energie, als dass man die nicht permanent auf Couch-Niveau herunterfahren kann. Das macht nämlich krank und zwar nicht nur fett.

Tuvia Tenenbom (geb. 1957 in Bnei Berak, Israel) ist ein israelisch-amerikanischer Autor, Regisseur und Theaterleiter, der in New York und zeitweise in München lebt. In der Wochenzeitung „Die Zeit“ hat er einen Erlebnisbericht über einen Moskau-Besuch geschrieben. Er wollte dorthin, wo Menschen zusammen essen, sich anfassen und küssen, weil „Küsse sind international“. Amerikanische Kollegen hätten ihn vor der Reise gewarnt. Der Rote Platz sei rot vor Blut. Der einzige Tote, den er auf dem Platz fand, lag im Mausoleum. Er ging in dem Schreckensort Moskau ins Ballett, saß im Restaurant und bestaunte die Gelassenheit, mit der die Russen in dieser Zeit ihr Leben lebten. „Kleine Leute, Russen, kaufen teure Taschen auf dem Roten Platz, bekämpfen aber keine Seuchen. Diesen Kampf überlassen sie den ausländischen Journalisten“, schreibt Tenenbom.

Journalisten – das sind doch Wahrheitsspürhunde. Jedenfalls behaupten das manche von sich. Wenn TV-Reporter über Leid berichten, dann schauen sie mit ernster Miene in die Kamera. Covid-19 ist natürlich ein schlimmes Thema. Daran ist nicht zu zweifeln. Nur nutzen Gesichter mit Betroffenheitsantlitz keinem Betroffenen, weder denen die gesundheitliche Gefahren durchleben als auch niemandem, der wegen des Dauer-Lockdowns vor dem existenziellen Aus stehen würde. Was macht die Summe dieser vielen bedeutungsvollen Masken mit ihren inflationären Auftritten und Wiederholungen über ein statistisches Infektionsgeschehen mit den Menschen, die vor den Bildschirmen sitzen? Jeder Journalist würde ja nur verkünden, was an Fakten zu verkünden ist. Doch die Summe der Medien, der Kanäle, die permanente Berieselung mit Gefahren, Schre-cken, außergewöhnlichen Situationen, Krisenberichten etc. sind kein Spiegel einer Realität. Das Spiegelbild, das man von der Wirklichkeit zeigen wollte, hat sich längst wie in einem Spiegelkabinett unendlich vervielfacht und verzerrt.

Der Ausdruck von wahrhaftiger Liebe zeigt sich in der tiefen Verbundenheit von Menschen. Dazu bedarf es Nähe, Berührung, inniger Vereinigung. Jede Liebe bringt da eine eigene Gefühlsintensität hervor. Die Innigkeit zwischen Eltern und Kindern ist eine andere als zwischen einem frisch verliebten Paar oder die zwischen Geschwistern. Wir wissen doch, dass Beziehungen, die nicht gepflegt werden, über lang oder kurz verloren gehen, dass sich enge Bande auflösen und zerschnitten werden. Familienpolitik – das war doch mal ein Herzstück aller politischen Parteien. Familie – darin vereint sich doch alles, was Menschsein ausmacht. Aufwachsen, Rückzugs- und Schutzraum, Ausgangspunkt für Nachwuchs, für Pflege und Betreuung. Hier vollziehen sich eigentlich Hilfe, Zunei- gung und gemeinsamer Halt. Nun erleben wir bereits das zweite Osterfest unter Einschränkungen. Man will sich suchen und darf sich nicht finden.

Und immer wieder begegnet man den Worten: … wegen Corona! Das ist wie eine Weltformel, wie eine Erklärung für alles oder der Urknall der Katastrophe. Wenn man diese Floskel ausspricht, bedarf es keiner weiteren Begründung. Alles ist gesagt und jeder hat verstanden. Irrtum! Nichts ist gesagt, nichts erklärt und nichts ist verstanden. Wer in kurzen Phrasen spricht, will nicht weitersuchen. Da signalisiert man, sich mit der Situation abgefunden zu haben. Man könne eben nichts machen gegenüber der Ohnmacht. Ich glaube, man kann etwas machen. Man darf sich nicht mit einem verordneten Schicksal zufriedengeben. Jeder hat verdammt noch Mal die Pflicht, zu leben und Verantwortung für andere zu tragen. Verantwortung hört nicht da auf, wo andere Grenzen ziehen, die manchen auf Dauer die Würde und Existenz nehmen können. Das ist ähnlich wie sterben in einem langen Prozess. Den Tod kann man nicht lernen. Egal, was darüber auch gepredigt wird. Wir müssen Osterfreuden finden, gerade jetzt im Frühling. Wachsen und gedeihen, Aufbruch der Natur – das sind nicht einfach Beobachtungsschönheiten für das menschliche Auge. Das ist unsere eigene Natur und unsere essenzielle Wesensart. Das sollten wir in die Gedanken nehmen, wenn Frühling und Ostern die Tage füllen. Egal, was von welcher Kanzel auch immer gepredigt wird – Geduld, Vertrauen und Rücksicht. Nach solchen Worten muss man nicht suchen. Sie finden sich im Tun füreinander, niemals im Warten auf eine schicksalhafte Erlösung oder eine spätere Himmelfahrt.