Mittwoch, Dezember 8, 2021
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Auf der Welle

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Beim Fußball-Drittligisten 1. FCM läuft es derzeit nicht nur sportlich top, auch finanziell scheint der Verein trotz Corona gut aufgestellt. | Von Rudi Bartlitz

Es läuft. Der 1. FC Magdeburg reitet weiter auf der Welle, setzt seinen Parforceritt durch die dritte Liga, trotz zwischenzeitlicher kleiner Stolperer, zielgerichtet fort. Nach 15 Spieltagen ist man Tabellenführer. Auf den dritten Platz, der immer noch zur Relegation berechtigen würde, hat der Club einen komfortablen Vorsprung von sieben Zählern. Wohin man in diesen Wochen in der Republik auch blickt, die Blau-Weißen werden als erster Aufstiegsanwärter genannt. Und doch: Beim FCM selbst scheuen sie den Blick auf die Tabelle offenbar wie der Teufel das Weihwasser. „Sie hat überhaupt noch keine Aussagekraft.“, heißt es. „Damit beschäftigen wir uns nicht.“, „Für uns zählt nur das nächste Spiel.“ – das sind am Krügel-Platz seit Wochen gängige Aussagen, aus der Führungsetage ebenso wie, kein Wunder, von den Spielern.

Dabei spricht nicht nur das Geschehen auf dem Rasen für die Magdeburger. Selbst die keinerlei Sympathien, Auslegungen oder emotionalen Ausschlägen verhaftete Statistik steht derzeit auf Seiten des Teams von Cheftrainer Christian Titz. Seit der Gründung der dritten Liga im Jahr 2008 stiegen nämlich mehr als drei Viertel jener Mannschaften, die am 15. Spieltag die Rangliste anführten (und genau diese Position nimmt der FCM augenblicklich ja ein), am Ende auch auf. In konkreten Zahlen: 10 von 13. Nur Kickers Offenbach (2009/10 – scheiterte in der Relegation an Dynamo Dresden), dem VfL Osnabrück (2012/13) und dem MSV Duisburg (2019/20) gelang dies nicht.

Und selbst der Genosse Trend scheint augenblicklich ein Magdeburger zu sein. In der bisherigen Saison taten sich die Elbestädter gegen die Teams aus dem unteren Drittel der Tabelle durchaus schwer: Während es gegen Freiburg II nur zu einem 0:0 reichte, ging der FCM gegen Würzburg und Köln leer aus. Nun also wurde am Sonntag auch diese Entwicklung durch ein souveränes 2:0 gegen den Viertletzten SC Verl gestoppt.

Sportlich könnte es beim 1. FC Magdeburg angesichts der Tabellenführung derzeit also kaum besser laufen, aber auch finanziell ist es um die Elbestädter durchaus gut bestellt. Wie Anfang Oktober auf einer Mitgliederversammlung bekannt wurde, schloss der FCM die Saison 2019/20 trotz der generell radikal geschäftsschädigenden Corona-Bedingungen mit einem Gewinn ab. Die ausgegliederte Profi-Abteilung erzielte einem Umsatz von 12,1 Millionen Euro. Am Ende kam sogar ein Plus von 854.000 Euro heraus. Das Eigenkapital liegt bei 6,6 Millionen Euro. Der Stammverein verbuchte einen Gewinn von 574.000 Euro und weist nun ein Eigenkapital von 4,2 Millionen Euro auf. Zahlen für die abgelaufene Saison gibt es noch nicht.
Doch so gut wie in Magdeburg, das gehört ebenso zur Wahrheit, sieht es längst nicht überall aus. Die vermaledeite Crux mit dem lieben Geld treibt viele der 20 Drittligisten seit Jahren um. Tatsache ist: Die Mehrheit von ihnen bewegt sich finanziell auf einem ganz schmalen Grat und muss Jahr um Jahr um die Existenz bangen; oder sogar richtig zittern. Wirtschaftlich ist die Situation ernst. Für die meisten Spitzenteams stellt die dritte Liga, bei all ihrem sportlichen Wert, deshalb nur eine Art Durchlauferhitzer in die nächsthöhere Klasse dar. Motto: Nur nicht länger hier hängenbleiben, das könnte schnell gefährlich werden.

Wenn es ganz schlimm kommt, droht betroffenen Vereinen der Gang zum Konkursrichter. Die Tendenz hier (und das ist alarmierend): negativ. Der Pleitegeier drängt bei einigen Pappenheimern mittlerweile in die Stammformation. Mit dem VfR Aalen, FSV Frankfurt, Rot-Weiß Erfurt, dem Chemnitzer FC und KFC Uerdingen meldeten in den zurückliegenden Jahren gleich fünf Vertretungen (darunter zwei Ost-Klubs) wegen Zahlungsunfähigkeit Insolvenz an. Allein für die Liga-Zulassung müssen die Drittligisten eine Gesamtsumme im mittleren zweistelligen Millionen-Euro-Bereich vorweisen. Um offensichtliche Deckungslücken zu schließen, sehen sich eine Reihe von ihnen gezwungen, neue Schuldverpflichtungen einzugehen.

Das Ziel ist klar umschrieben: weiter oben an die fetteren Töpfe des TV-Geldes herankommen. Denn aus dem TV- und Sponsorentopf des DFB (Deutscher Fußball-Bund) erhält jeder Drittligist derzeit nur ein Siebtel jener Summen, die Zweitligisten einstreichen. Mehr noch: Die Lücke zur zweiten Liga ist in den zurückliegenden Jahren nicht kleiner, vielmehr größer geworden. Und es deutet nichts darauf hin, dass sich dies ändern könnte. „Eine Verbesserung der Erlöse würde zur wirtschaftlichen Stabilität der 3. Liga beitragen“, sagt zwar der für die Liga zuständige Vizepräsident Peter Frymuth. Dem Mann ist nicht zu widersprechen. Aber wie das gehen soll, dafür hat auch er so recht keine Vorschläge.

Die wirtschaftlichen Engpässe der Drittligisten sind beim DFB zwar seit längerem bekannt, wirksam gehandelt wurde allerdings kaum. Es fehle vor allem an Eigenkapital (vulgo: negatives Eigenkapital = Schulden), hieß es meist etwas nebulös. Jetzt hat eine extra zur Behebung der Wirtschaftsschwäche der Klubs ins Leben gerufene „Task Force“ des Verbandes genau das bestätigt. Ab der Saison 2023/24 werden deshalb die Vorgaben zur Eigenkapitalauflage deutlich verschärft. Der Grund für die verschärfte Maßnahme: „In der Vergangenheit bekamen die betroffenen Klubs erst dann die Kurve, wenn harte Sanktionen drohten”, so Manuel Hartmann, DFB-Abteilungsleiter Spielbetrieb Ligen und Wettbewerbe. Im Klartext: Jetzt wird der Knüppel herausgeholt, werden den Vereinen die Instrumente schon etwas deutlicher gezeigt. Zum Vergleich: Zum Stichtag 31. Dezember 2019 wiesen sieben von 19 Klubs (ohne Bayern II) ein negatives Eigenkapital aus.

Weist ein Verein also künftig ein negatives Eigenkapital auf, so wurde festgelegt, muss er dieses jährlich um fünf Prozent verbessern. Bei Absteigern aus der 2. Bundesliga darf sich das Eigenkapital nicht weiter verschlechtern. Vereine mit positivem Eigenkapital, zu denen der FCM zählt, müssen dieses erhalten. Bei einem Verstoß gegen diese Auflage kann abhängig von der Höhe direkt ein Punktabzug von bis zu drei Zählern verhängt werden. Bisher war dies frühestens im dritten Jahr möglich und ausschließlich eine Geldstrafe vorgeschrieben.

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