Mittwoch, August 10, 2022
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Auf dieses Wort warten wir schon lange

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Liebe Leserschaft, ich muss gestehen, dass ich wohl doch etwas hinter dem Mond le-be. Denn erst in den letzten zwei Monaten habe ich ein Wort gehört, das, wenn es nach der Meinung mancher Politiker geht, doch wohl bald in aller Munde sein müsste. Das Wort heißt: „Narrativ“. Nun weiß ich zufälligerweise, dass es im Französischen den Begriff „narrateur“ gibt, auf Deutsch „Erzähler“. So ist der Satz „Émile Zolà est un bon narrateur“ mit „Emil Zola ist ein guter Erzähler“ zu übersetzen, und damit tun wir dem bekannten französischen Schriftsteller (eines seiner bekanntesten Werke ist „Germinal“) nicht Unrecht.

Aber Narrativ in der deutschen Sprache? Nochmal langsam und deutlich: N-a-r-r-a-t-i-v. Ist das etwa ein Ausdruck aus der Grammatik, so wie Akkusativ, Imperativ und ähnliches? Tatsächlich, den Narrativ (oder heißt es das Narrativ? Weiter unten, in nicht-grammatischen Beispielen heißt es das Narrativ) gibt es in der Grammatik, nämlich in Sprachen, die im Kaukasus oder im Baltikum gesprochen werden. Es ist dort eine Art und Weise zur Darstellung von Erzählungen mit einer speziellen Form der Vergangenheitsbildung.

Aber das interessiert uns hier nur am Rande, es sei denn, Sie wollen sich demnächst aufraffen, die georgische Sprache zu erlernen. Was also bewegt Menschen bei uns, sich solcher neuartiger Wörter zu bedienen? Eine Quelle ist, und das ist ja heute auch nicht verwunderlich, die englische Sprache. Aber zuvor nochmal ein Blick in unsere eigenen Nachschlagewerke. Der Taschen-Heinichen Lateinisch-Deutsch gibt an: narrabilis = erzählbar, narratio = Erzählung, narratiuncula = Geschichtchen, narrator = Erzähler, narratus = Erzählung. Im Duden und im Fremdwörterbuch, die noch aus DDR-Zeiten stammen, ist Narrativ als Substantiv nicht verzeichnet. Das Oxford Modern English Dictionary von 1992 zeigt uns an: narrative – 1. spoken or written account of connected events in order of happening; 2. the practice of art of narration.

Wir können uns drehen und wenden, wie wir wollen – bei dem Wort Narrativ geht es immer wieder auf Erzählen und Erzählung zurück. Aber was ist denn da die Bedeutung, mit der uns etwas von Narrativen erzählt wird? Wir finden als Erklärungen: 1. Sozialwissenschaften: Geschichte oder Erzählung, welche das Weltbild einer Gruppe beeinflusst; sinnstiftende Erzählung, die Einfluss hat auf die Art, wie die Umwelt wahrgenommen wird. 2. Allgemein: verbindende, sinnstiftende Geschichte oder Erzählung.

Nachstehend bringen wir einige Beispiele, die es etwas erleichtern, uns an die Bedeutung des Wortes heranzutasten. Wir bitten die Leser um Entschuldigung, falls unser Ziel, über die Bedeutung des Wortes umfassend aufzuklären, doch nicht ganz erreicht werden sollte. „Narrativ“ ist noch nicht so lange im deutschsprachigen Raum verbreitet, und es ist auch immer fraglich, ob die Verwender dieses Wortes tatsächlich die Bedeutung im Sinn haben, die andere Menschen darin sehen. Auch ist die Zahl der verfügbaren Beispielsätze naturgemäß noch beschränkt.
„Mit der Zurückweisung der jüdischen Geschichte (ebenso wie des Neuen Testaments) fördert die palästinensische Führung ein Narrativ, das jegliche jüdische Rechte auf das historische jüdische Heimatland abstreitet.“

„Das Narrativ der Berliner Lehrerin heißt: Ich bin nur etwas strenger und konsequenter als andere, doch weil mich meine Gegner in Sippenhaft für meinen Mann nehmen, werde ich gnadenlos gemobbt.“

„Die Hauptaufgabe beim Friedenmachen ist mental: man muss die beiden Völker und jedes einzelne Individuum dahin bringen, das eigene Narrativ in einem neuen Licht zu sehen und – was noch wichtiger ist – das Narrativ der anderen Seite zu verstehen.“

„In der politischen Auseinandersetzung werden Fake News zumeist eingesetzt, um ein größeres Narrativ aufzubauen oder zu stützen – und zwar vor allem von rechts. Ob Kampagne gegen Merkel, der Vorwurf der „Lügenpresse“ oder erfundene Zitate von Grünen-Politikern: Sie sind alle Teil einer Erzählung, wonach eine verschworene Elite die Bevölkerung ,austauschen’ wolle und das Land verrate.“

„Die zentrale Bedeutung von Narrativen in der Sinnvermittlung menschlicher Kommunikation wird kaum noch bestritten. Politische Narrative finden sich nicht nur in der Literatur oder in Bildern, sondern auch in vielfältigen Legitimierungsstrategien und Herrschaftstechniken politischer Akteure.“
„Darum hört man den Satz, Europa brauche ein neues Narrativ, oder den, Deutschland müsse ein Narrativ als Einwandererland entwickeln.“
„Die SPÖ Wien annonciert real und digital mit dem Konterfei ihres Bürgermeisters folgenden Slogan: 100 Jahre Rotes Wien. Viel getan. Viel zu tun. – Das ist ganz bestimmt ein Narrativ oder genauer ein komprimierter Erzählkern.“

Erzählen ist etwas Alltägliches. Erzählt wird überall, beim Plausch im Supermarkt, beim Bier in der Kneipe, beim Sport, also überall, wo Menschen sich treffen. Ob sich aus der Narration, dem Erzählen, dann nun ein Narrativ entwickelt? Narrative sind weniger einzelne gelungene oder misslungene Erzählungen, sondern vielmehr Erzählkomplexe und Erzählmuster. Interessant ist die Frage, ob sich „Narrativ“ als Fremdwort in der deutschen Sprache behaupten kann, wer es verwendet und ob es Eingang in die Alltagssprache findet. Letzteres dürfte bezweifelt werden, aber Sie kennen ja die Sache mit den Pferden, die vor der Apotheke … In einigen Jahren werden wir wissen, ob es nur ein Modewort von Politikern mit Verfallsdatum war oder sich fest behauptet haben wird.
Zum Gebrauch und zum Verstehen von Fremdwörtern fällt mir noch ein Sketch ein, der, glaube ich, vor über 30 Jahren bei der ARD mit Dieter Krebs gedreht wurde. Ab und zu wird er wieder gesendet. Er läuft ungefähr so:


Frauengestalten im Hintergrund, tumultartige Szene, Lärm, Gekreische.
Ältere Dame (wendet sich an einen Polizisten): Herr Wachtmeister, was ist denn da los?
Polizist: Das sind Prostituierte.
Ältere Dame: Na, wenn das mal keine Nutten sind!
Allerletzte Bemerkung: Es lässt sich nicht beweisen, dass unser Wort „Narrativ“ etwas mit Narren zu tun hat.

Dieter Mengwasser
Dipl.-Dolmetscher u. -Übersetzer 
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