Mittwoch, Dezember 8, 2021
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Aufblühen der freien Szene: Theaterlandschaft in Sachsen-Anhalt im Wandel

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Bis ins späte 18. Jahrhundert lassen sich die Theatertraditionen Sachsen-Anhalts in festen Gebäuden zurückverfolgen. Das älteste, heute im Gastspielbetrieb laufende Theater Sachsen-Anhalts steht in Ballenstedt und wurde 1788 erbaut.
Heute gibt es acht kommunale Theater an sieben Standorten des Landes, nämlich Magdeburg, Halle, Stendal, Dessau, Eisleben, Naumburg und Halberstadt/Quedlinburg. Das mit dem Theaterpreis des Bundes ausgezeichnete innovative Theater Naumburg trägt mit seinen vier Schauspielern und insgesamt zwölf Mitarbeitern übrigens den Titel „kleinstes Stadttheater Deutschlands“.
Wie in allen Bundesländern mit einer historisch gewachsenen Theaterdichte sah sich auch Sachsen-Anhalt nach der Wende mit Theaterschließungen und Strukturänderungen konfrontiert. Als erstes fusionierten bereits 1992 die Theater in Halberstadt und Quedlinburg zum heutigen Städtebundtheater. Als erstes Theater in Sachsen-Anhalt wurde das heute als „Phönix Theaterwelt“ vereinsbetriebene Mitteldeutsche Landestheater 2002 geschlossen. Dabei handelte es sich um das Elbe-Elster-Theater Wittenberg, das einst größte Gastspieltheater der DDR, das in seiner Blütezeit mit bis zu sechs Produktionen gleichzeitig auf Achse war. Das Theater Zeitz schloss 2003 seine Pforten und wurde später in Vereinsverantwortung als Gastpielbetrieb wiederbelebt. Das Theater Eisleben verlor bereits 1993 seine Musiktheatersparte und arbeitet heute als Sprechtheater mit nur noch 40 Mitarbeitern. Fusionen gab es zudem in den größten Theaterstandorten des Landes: Halle und Magdeburg.

In die Lücke sprangen nicht nur Vereine, die mit großem Engagement den Weiterbetrieb der Häuser ermöglichten. Sondern es entwickelte sich auch eine bunte freie Theaterszene. Das Landeszentrum freies Theater Sachsen-Anhalt (LanZe), das in diesem Jahr sein 30-jähriges Jubiläum feiert, ist der bundesweit einzige Landesfachverband für freie Theater, Amateurtheater und Theaterpä-dagogik. Auf seiner informativen Website verzeichnet LanZe allein im professionellen Bereich über 100 freie Ensembles und Einzelkünstler in Sachsen-Anhalt, die vom Figurentheater bis hin zum Musical alle Genres abdecken.

Die Vorteile des Stadttheatersystems für Künstler liegen nicht nur in unsicheren Pandemiezeiten auf der Hand. Auch wenn der sogenannte Normalvertrag Bühne eine heute eher unzeitgemäße Vertragsform darstellt – Künstler können bis zum 14. Jahr ihres Engagements jährlich nicht verlängert werden, was besonders bei Intendanzwechseln regelmäßig zu einem fast kompletten Ensembleaustausch führt – bietet das Stadttheater besonders für festere Vertragsformen wie für Musiker, Techniker und Verwaltungsmitarbeiter immerhin etwas soziale Sicherheit.
Dennoch blüht die freie Theaterszene. Künstler wie Susanne und Michael Bard, Mitbegründer der Freien Kammerspiele 1990, entschieden sich vor einigen Jahren aus festen Engagements heraus für ein Leben als freie Schauspieler. Mit ihrer Theaterneugründung „Kammerspiele Magdeburg“, bisher ohne feste Spielstätte, docken sie gern an städtische Institutionen an: 2017 begeisterten die Kammerspieler im Telemann-Jahr mit einem eigens geschriebenen Telemann-Stück und kooperierten mit dem Magdeburger Telemannzentrum.

Die coronabedingt ermöglichte Hörbuchproduktion „Luise“ vereinte aktuell freie Schauspieler mit fest angestellten Sängern und Schauspielern aus dem Theater Magdeburg zu einem äußerst innovativen Format. Freilich lief es in diesem Fall auf ein unentgeltliches Mitwirken der Festangestellten hinaus, nicht zuletzt als eindrucksvolle Solidaritätsbekundung für freie Künstler in der Krise.
Die Ergebnisse aber lassen auf künftige Kooperationen hoffen. Denn das Publikum unterscheidet nicht nach Rechtsform, sondern nur nach gutem und schlechtem Theater, nach spannenden oder uninspirierten Produktionen.

Ein Blick auf den umfangreichen Gastspielkatalog auf der Website von LanZe lohnt übrigens sehr: Allein im Sprechtheaterbereich für Erwachsene stehen derzeit 22 Produktionen im Angebot, im Musiktheater immerhin 19. | Von Kathrin Singer

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