Samstag, Mai 21, 2022
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Aus Inklusion wird Exklusion

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Gleiche Chancen für alle! Wer wollte dieses hehre Anliegen nicht unterstützen? Insbesondere für Menschen, für die ein zusätzlicher sozialpädagogischer Förderbedarf besteht. Inklusion wird das Konzept genannt und seit mehreren Jahren an Schulen erprobt. Und wenn etwas eine Weile läuft, wird es zu einem Untersuchungsgegenstand der Soziologie. Da geht es dann beispielsweise um die Frage, ob, wer Gleichheit erreichen will, eventuell Ungleichheit erzeugt. Ich gestehe, dass ich für dieses Phänomen ein wenig Sympathie hege. In mancher vergangenen Kolumne an dieser Stelle habe ich an Beispielen versucht, zu zeigen, dass beste Vorhaben nicht immer zum gewünschten Effekt führen.
Offenbar ist es bei der Inklusion ähnlich. Jedenfalls kommen die Bildungswissenschaftler Marcel Helbig und Sebastian Steinmetz vom Berliner Wissenschaftszentrum (WZB) zu solchen Schlussfolgerungen. Sie hatten ihr Augenmerk auf Inklusionsschwerpunkt-Schulen in Nordrhein-Westfalen gelenkt. Dabei stellten sie zunächst fest, dass Kinder mit erhöhtem Förderbedarf überproportional aus sozial benachteiligten Haushalten kämen und überwiegend in Wohngebieten mit einer „ohnehin herausfordernden Schülerschaft“ aufwüchsen. Und sie stellten sich der Frage, ob die Inklusion von Kindern mit sonder- pädagogischem Bedarf den Weggang von sozial besser gestellten Kindern fördere. Die Folge wäre, dass sich die Heterogenität an solchen Schulen verringern würde. Genau diesen Trend haben sie in ihrer Untersuchung sehen können. Schwerpunktschulen mit inklusiver Förderung würden von Eltern aus sozial bessergestellten Verhältnissen gemieden. Logisch, oder? Man möchte ja fürs eigene Kind stets die beste Voraussetzung bei der Bildung schaffen. Das grundsätzliche Anliegen, durch Inklusion mehr Wertschätzung von Heterogenität an Schulen zu erzeugen, führt letztlich zur Exklusion. Helbig und Steinmetz schreiben, dass die Etablierung von Inklusionsschulen die soziale Segregation verschärft hätten. Oder einfach formuliert: Der Anspruch für Gleichstellung bringt Ungleichheit hervor. Die Lernmilieus verschlechterten sich an Inklusionseinrichtungen und die Bildungsbenachteiligung verfestige sich. Um dem Ziel von Inklusion näher zu kommen, könnte man flächendeckend verpflichtende Quoten einführen. Ob Verpflichtung, was Zwang gleichkommt, zum gewünschten Effekt führt, halte ich für eine gewagte These. Paradox ist vor allem, dass die Quelle des Inklusionsgedanken akademische Wurzeln hat. Doch genau in den Milieus sozial besser gestellter und akademischer Schichten, zeigt sich der Trend, mit dem eigenen Nachwuchs inklusive Schulen zu meiden. Noch fataler ist die Erkenntnis, dass gut Gemeintes zur Verschlechterung gegenüber der Ausgangssituation führt. Was nun? Etwa noch mehr Inklusion fordern?

Axel Römer

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