Montag, November 28, 2022

Ausgrenzung durch Integration

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Sprache entwickelt sich. Immer. Wie weit wir auch zurückblicken, sind immer variierte Schreibweisen zu finden. Die Sprache eines Walther von der Vogelweide, die den Minnesänger (1170-1230) einst berühmt machte, gilt heute als antiquiert. Weniger lange ist es her, dass die eigenen Eltern mit „Sie“ angesprochen worden sind. Dass Worte anderer Sprachen Eingang ins Deutsche finden, ist ebenfalls kein neues Phänomen (ein Wort übrigens aus dem Altgriechischen). Ein gravieren-der Schnitt erfolgte 1996 mit der deutschen Rechtschreibreform.

Ähnlich gravierend ist seit einiger Zeit die Schreibweise des sogenannten Genderns. Die unterschiedlichsten Varianten wurden vorgeschlagen, werden seitdem unterschiedlich in den Medien eingesetzt. Ob : / * oder großes I kurz vor dem Wortende. Die Sonderzeichen trennen männliche und weibliche Endung und sollen alle Geschlechter gleichermaßen einbeziehen. Wann welches Zeichen „richtig“ ist, richtet sich nicht selten nach dem Ort, an dem man schreibt, beispielsweise an den Universitäten.

Der Hintergrund ist ein wichtiger: niemanden auszugrenzen. Das sollte ein wichtiger Teil unserer Gesellschaft sein. Egal, welchem Geschlecht man sich zuordnet.
In diesem Zusammenhang drängt sich das Wort Inklusion nahezu auf. Im Gegensatz zur Integration, also andere Menschen in die Gesellschaft einzubeziehen, steht Inklusion für die Gleichwertigkeit. Das Wort allerdings wird im Sprachgebrauch meist begrenzt auf Menschen mit Behinderungen verwandt. Was eigentlich auch Ausgrenzung ist. Dabei ist Inklusion das eigentliche Zauberwort: alle Menschen sind gleichwertig und entsprechend zu behandeln.
Und da beginnt schon das nächste Problem: Menschen mit „Behinderungen“ werden durch das Gendern jetzt auch im Schriftlichen ausgegrenzt. Wenngleich es keine exakten Zahlen gibt, so sind rund 150.000 blinde und zirka 500.000 sehbehinderte Menschen registriert, da sie zum Beispiel Blindengeld erhalten. Wer dieses nicht beantragt hat, fehlt in der Statistik. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) steigt die Zahl ständig, unter anderem durch die „alternde Gesellschaft“.

In Zeiten moderner Technik lassen sich sehbehinderte und blinde Menschen Texte vom Computer vorlesen. Die Vorleseprogramme jedoch können mit den Gender-Sonderzeichen nichts anfangen. Es entsteht ein Sprach-Wirrwarr, das die Verständlichkeit erheblich mindert. Hinzu kommen Menschen, die des Lesens nur schlecht mächtig sind. Millionen verlassen die Schule ohne Abschluss, oft gehört schlechtes Leseverständnis zu den Gründen. Nach Auskunft der Bundesregierung können 7,5 Millionen Menschen in Deutschland zwischen 18 und 64 Jahren nicht ausreichend lesen und schreiben. Rechnet man die Gruppe der 65- bis 80-jährigen noch dazu, kann man von weiteren zwei Millionen ausgehen, heißt es. Deshalb ist längst die Forderung nach „Leichter Sprache“ laut, es gibt entsprechende Fachkonferenzen und Anleitungen für Journalisten, um die Ausgrenzung dieser Menschen zu vermeiden. Um Hürden beim Lesen abzubauen. Die Gender-Sonderzeichen hingegen bauen zusätzliche Hürden auf.

Aus der Integration durch Gendern ist eine Ausgrenzung von Millionen Menschen geworden.
Sollten wir nicht stattdessen nach Formulierungen suchen, die einen statt zu unterscheiden? In anderen Ländern/Sprachen ist das selbstverständlich. Birgit Ahlert

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