Mittwoch, Dezember 8, 2021
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Ausstellung: Erinnern an Bruno Groth

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Die Kunstwerkstatt zeigt Arbeiten des Magdeburger Keramikers und Malers|Von Dieter Rahmdohr

Am 26. Juni 1926 in Pustamin, nahe an der hinterpommerschen Ostseeküste geboren, arbeitete Bruno Groth nach der Schule bei seinem Vater als Landarbeiter, begann nach zwei Jahren die Lehre als Stubenmaler. Die Lehre musste er 17-jährig unterbrechen, weil er 1943 als Soldat in den Krieg nach Frankreich musste. 1944, drei Tage vor Weihnachten, kam er in der Nähe von Aachen in Gefangenschaft. Die nächsten vier Jahre leistete er in einer südfranzösischen Kohlenmine untertage Schwerstarbeit. Das war seine Jugend.

Er hat mir mal gesagt, dass er vielleicht eine Winzigkeit der unermesslichen deutschen Schuld abtragen konnte. 1948 kam er heim in die Fremde, nach Hohenmölsen fast in der Mitte des übrig gebliebenen Landes. Die Mutter war vor Kummer um ihre drei verlorenen Söhne noch in der Heimat gestorben – Bruno war damals als vermisst gemeldet worden, was in diesem letzten Kriegsjahr fast immer mit „tot“ gleichzusetzen war. Die beiden Älteren waren, wie das lakonisch hieß: „für Führer und Reich gefallen.“

Bruno beendete die Lehre und stieg dann, da gab ’s eine Höhenzulage, als Anstreicher auf Hochspannungsmasten, studierte anschließend an der Fachschule für Angewandte Kunst in Magdeburg, dann an der Hochschule für Bildende Kunst in Dresden, in der Fachklasse für Wandbild. Ab dem 1.Januar 1959 war er an der FAK Magdeburg bis zu ihrer Schließung 1963 als Dozent angestellt, sehr zur Freude seiner Studenten. Er war ihnen nicht nur im Alter, sondern auch in seinen Auffassungen näher als die alten Dozenten der Maler-Klasse. Nach der vom Staat verordneten Schließung der traditionsreichen Magdeburger Schule stand er noch zwei Jahre Studierenden an einer ähnlichen Schule in Heiligendamm zur Seite, um sich dann endgültig der baugebundenen Kunst zuzuwenden.

In den 50er und 60er Jahren entstanden also diese Arbeiten, die noch bis zum 31. Januar im Buckauer Engpass zu sehen sind. Es ist dem Sohn Stefan Groth und der Galeristin Leilani Heinicke zu danken, dass die meist unbekannten Werke aus den Schubladen eines Grafikschrankes nun an die Öffentlichkeit kamen.

Den vorwiegend abstrakten, konstruktiven, gebauten, sich in die Architektur einfügenden, in Architektur gedachten baugebundenen Arbeiten stehen hier nun Arbeiten freier Malerei und Grafik gegenüber, die im besten Sinne realistisch, aus der Realität auf die Fläche gebannt sind. Bruno stellte, wie jeder ernsthafte Künstler, höchste Anforderungen an sich selbst, in allem was er in Angriff nahm und konnte schwer mit dem Erreichten zufrieden sein.

Das entwürdigte Kunstwerk von Bruno Groth in der Magdeburger Sieverstorstr. Foto: Gercke

Die Bilder erzählen von vielen Reisen, das war von Anfang an eine Leidenschaft. In den Semesterferien vor dem Diplomjahr in Dresden,1957, war Bruno mit einem Kommilitonen in die Bundesrepublik gefahren, das konnte man damals noch. In Stuttgart hatten sie sich bei einem Krauter als Stubenmaler verdingt, hatten soviel verdient, dass sie sich einen gebrauchten Volkswagen kaufen und sich den Wunschtraum, nach Italien zu fahren, erfüllen konnten.

Die Bilder aus Bulgarien liegen in seiner Magdeburger, die aus Rumänien in seiner Heiligendammer Lehrtätigkeit. Er kam aus der DDR, in der die Farbe Grau bestimmend war. Die Bilder zeigen eine starke Farbigkeit und sind zum Teil auf orange- oder rosafarbenem Karton gemalt, der teilweise durchscheint. Sie zeigen aber auch, dass ihn trotz auch dort vorhandenen Graus die stärkere Farbigkeit gereizt hat. Es ist zu spüren, dass Bruno authentische Bilder mit nach Hause bringen wollte. In ein strukturgebendes, lockeres Linienspiel setzte er als Kontrast weiße Rechteckflächen als Giebelwände.

In den 60er Jahren war er des Öfteren mit Jochen Aue unterwegs zum Malen und Zeichnen. Das war sehr bald kein Lehrer-Schüler-Verhältnis mehr. Der einstige Lehrer schätzte die Leistungen des jungen Kollegen. So hatten die Arbeiten aus Havelberg sicher einen Aue’schen Widerpart. Wie viel großzügiger ist das gemalt, verglichen mit den nur wenige Jahre zurückliegenden Bildern der hier gezeigten Auslandsreisen.
Das gilt auch für vier der Arbeiten von der Ostsee. Die Aquarelle haben den Duktus schnell hingeschrieben zu sein. Und im Vergleich zu denen im Ausland zeigen die Häuser doch auch das Typische der einfacheren Mecklenburger Bauformen. Das Bild vom Kap Arkona erinnert in seiner Schlichtheit an seine inzwischen begonnene architekturbezogene Zeit. In diesen Arbeiten scheint alles in die Fläche gedrückt, höchstens raumschichtig, aber nie räumlich.

Etwa vor fast sechzig Jahren gab es in Magdeburg schon einmal im Klub der Intelligenz, in der Hegelstraße, im Freundeskreis der Grafik, eine Ausstellung mit Bruno Groths freien Arbeiten. In den 90er Jahren hatte er auf Grund seiner in der DDR geleisteten Arbeiten zwei Aufträge im Westen. Das ist sicher nicht vielen seiner Kollegen passiert. In diesen Jahren engagierte er sich für die Restaurierung und Ergänzung von Schmuckformen alter Bauten und arbeitete mit Gerd Lucke, einem bekannten Keramiker, zusammen, von dem er, wie er mir erzählte, noch einiges Handwerkliche lernen konnte.

Bruno Groth hat sich in den letzten zwanzig Jahren seines Lebens für die Öffentlichkeit in verschiedenen Gremien engagiert und war mit seinen Erfahrungen und seinem Wissen eine wichtige Stimme. In der Bürgerinitiative „Pro Elbe“ kämpfte er für den Erhalt der Elblandschaft mit ihren ausgedehnten Auen und Auenwäldern, die durch die fortwährende Vertiefung der Fahrrinne schwer geschädigt werden. Im Mühlenverein setzte er sich dafür ein, dass die Düppler-Mühle erhalten und wieder aufgebaut wird. In Neu-Olvenstedt engagierte er sich für den Erhalt der baugebundenen Kunst im einstigen Muster-Neubau-Viertel. Er verwendete seine ganze Aufmerksamkeit dafür, nicht nur die eigenen Werke, die mit „sozialistischem Realismus“ nichts zu tun hatten und meist gegen Absichten der Funktionäre durchgesetzt werden mussten, vor der Vernichtung zu bewahren. Vieles ist bereits verloren, manches beschädigt bzw. entwürdigt. So das hohe Bild der aufstrebenden Form am Anfang der Leiterstraße von Westen her. Einer Bank war es vorbehalten, einen Notausgang hineinzureißen und senkrecht durch das Ganze ein Abzugsrohr installieren zu lassen. Die 36 Meter lange Wandgestaltung geologischer Formationen in der Sieverstorstraße ist von Sprayern inzwischen ganzflächig besudelt.

Er fand eine Firma, die eine Technik entwickelt hatte, Keramikplatten zu hinterschneiden, sodass sie ungebrochen von der Wand abzulösen sind. Inzwischen warten, dank Brunos beständigen Bemühens, schon einige Arbeiten auf eine Neuverlegung oder haben bereits einen neuen Platz gefunden. Bruno Groth hat auf Grund seiner Leistungen nie Orden oder Preise erhalten. Immerhin gewährte ihm Magdeburg kurz vor seinem Tod einen Eintrag im Goldenen Buch. Nachdem sich Bruno jahrelang gegen eine schlimme Krankheit zur Wehr gesetzt hatte, ließ er am 9. Juli 2018 den Lebensfaden los.

Ausstellung: „Reisebilder von Bruno Groth“ noch bis 31. Januar; Kunstwerkstatt, Schönebecker Straße 25, 39104 Magdeburg

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