Axel Römer: Muss Haseloff zurücktreten?

Martin Luther, der böse Reformator aus Wittenberg, der mit seinen Thesen die Kirchenspaltung initiierte, habe „in seiner Zeit für ausgebeutete Menschen, Minderheiten und Frauen eine sehr negative Rolle gespielt und – wo immer es ging – Öl ins Feuer der Auseinandersetzungen gegossen und bitterbösen Hass gesät.“ So schreibt eine sogenannte Berliner Initiative und fordert die Umbenennung der Martin-Luther-Straße im Stadtteil Schöneberg.

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Nun sind uns solche zurückgerichteten Verurteilungen historischer Persönlichkeiten schon eine Weile geläufig. Ich wundere mich darüber selten. Allerdings bin ich darüber erstaunt, dass solche Anstöße ernsthaft diskutiert werden. Luther ist uns wegen der vielen Überlieferungen und seiner immer wieder zitierten Schriften bekannt. Es würde ganz sicher kein lutherischer Zeitgenosse in moralischen Einstellung besser wegkommen. Jede Zeit hatte ihre Kinder. Auch die heutigen Kinder werden im Angesicht künftiger Beurteilungen ihre Ohrfeigen erhalten. Doch spinnen wir den Ansatz dieser Leute einfach mal weiter: Man müsste doch die Anstifter für die Feierlichkeiten zum Luther-Jahr 2017, in dem der 500. Jahrestag seiner 95 Thesen begangen wurde, für die infame Zurschaustellung so eines hasssäenden Kirchenmannes anklagen und zur Rechenschaft ziehen. Wie darf sich überhaupt eine Stadt wie Wittenberg „Lutherstadt“ nennen oder das ohnehin politisch konstruierte Land Sachsen-Anhalt ungestraft als „Ursprungsland der Reformation“ bezeichnen und sich auf den Reformator berufen? Kritiker dieses mitteldeutschen Kunstgebildes dürften jetzt eigentlich frohlocken und mit der Berliner Initiative endlich für eine Abschaffung des Landes plädieren. Nicht zu vergessen, dass der Ministerpräsident dieser sachsen-preußen-anhaltischen Zwangsheirat auch ein Lutheraner aus Wittenberg ist. Droht dem Reiner Haseloff nun der Rücktritt, obwohl er doch wieder als Spitzenkandidat seiner Partei in den Wahlkampf ziehen will? Natürlich darf man nicht vergessen, dass sich weder die Sachsen, schon gar nicht die Preußen und auch nicht die Anhalter geschichtlich jederzeit mit Ruhm bekleckert hätten. Also wohin nun mit dem ganzen historisch verdorbenen Namensmüll? Die Berliner Luther-Gegner machen da einen wundervollen Vorschlag: Sie möchten die Straße in Prista Frühbottin umbenennen. Das ist eine Wittenbergerin, die 1540 als Hexe verbrannt wurde. Solcher Schicksale gilt es zu gedenken, aber nicht durch verbale Brandmarkung anderer. Luther hat die Dame nicht auf den Scheiterhaufen geschickt. Komische Zeiten bringen komische Geister hervor oder andersherum. Man möchte ja heute sogar Immanuel Kant vom Sockel stoßen, weil er aus aktueller Wertung ein Rassist sei. Dass jedoch ohne dessen Imperativ ein selbstverständlicher, gegenseitiger Respekt gar nicht denkbar wäre, muss auch bedacht werden. Es scheint, als fiele solchen Initiativen ein komplexes historisches Denken ausgesprochen schwer.

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