Dienstag, September 21, 2021
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Begrenzt risikobereit

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Die Deutschen sind keine Gründer. Das hat negativen Einfluss auf die Innovationskraft der Gesellschaft. Überlegungen zu Ursachen dieses Trends. Von Thomas Wischnewski

Bei der 18. Shell Jugendstudie im Jahr 2019 gaben rund 88 Prozent der befragten Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Deutschland an, dass ihnen das Gefühl wichtig ist, etwas geleistet zu haben. Etwa 85 Prozent der Befragten möchten gerne ausreichend freie Zeit außerhalb der Arbeit haben. Für die Mehrheit von circa 93 Prozent ist ein wesentlicher Faktor, dass ihr Arbeitsplatz sicher ist. Befragt wurden junge Menschen zwischen 12 und 25 Jahren. Sicherheit scheint also einer der maßgeblichen Faktoren für berufliche Zukunftsplanung junger Menschen zu sein. Das Wort „Sicherheit“ ist mittlerweile zu einem bestimmenden Paradigma in allen Lebensbereichen geworden.

Der diesjährige KfW-Gründungsmonitor zeigt ebenfalls eine Tendenz für eine sinkende Risikobereitschaft in Deutschland: „Die Gründungstätigkeit in Deutschland ist im Jahr 2020 zurückgegangen. Mit 537.000 Existenzgründungen haben sich 68.000 weniger Menschen selbstständig gemacht als 2019. Das entspricht einem Minus von gut 11 Prozent. Die Gründungsquote ist auf 104 Gründungen je 10.000 Menschen im Alter von 18 bis 64 Jahren gefallen, nach 117 im Jahr 2019.“ Natürlich ist Erhebung für 2020 sicher stark von den Pandemiemaßnahmen geprägt. Allerdings wurden vor 20 Jahren durchschnittlich noch 1,5 Millionen Neugründungen im Land registriert. Auf der einen Seite mag zwar aufgrund der demografischen Entwicklung die Anzahl junger Menschen abgenommen haben, aber allein dadurch ist eine begrenzte Risikobereitschaft beim Nachwuchs nicht zu erklären. Blickt man auf den internationalen Vergleich, erreicht Deutschland im Bericht der „Global Entrepreneurship Research Association“ unter den Ländern mit einem hohen Einkommensniveau nur noch den Rang 28 von insgesamt 33 Ländern.

Sachsen-Anhalt belegt im nationalen Ländervergleich mit 70 Gründungen auf 10.000 Einwohner nur noch den 14. Platz vor Schlusslicht Bremen (41) und Mecklenburg-Vorpommern (51). Nach einem Jahr Corona-Krise gehen Gründerinnen und Gründer mit dem Standort Deutschland insgesamt hart ins Gericht. Nur die Benotungen des freien Marktzugangs (2,3), der Beratungsangebote (2,6), des Zugangs zu öffentlichen Fördermitteln (3,3) sowie die Kreditverfügbarkeit (3,7) blieben auf dem gewohnten Level. Die anderen Faktoren wurden dagegen etwa eine halbe Note bis eineinhalb Noten abgewertet (0,4 bis 1,3). Die Benotungen der gesetzlichen Regelungen (4,3; +1,3), von bürokratischen Informations- und Berichtspflichten (4,6; +1,2) sowie der steuerlichen Belastung (4,4; +0,8) verschlechterten sich am stärksten. Das Schlagwort Bürokratieabbau wird gegenwärtig gern in viele Politikermünder genommen. An eine tatsächlich positive Veränderung glauben inzwischen immer weniger Menschen.

Aufgrund vieler Gründungserschwernisse und wegen des gewachsenen Sicherheitsanspruches drängen vor allem Menschen mit akademischen Abschlüssen in Berufe der öffentlichen Hand. Allein 70 Prozent der BWL-Absolventen der Freien Universität Berlin wünschen sich eine Beschäftigung im Öffentlichen Dienst. Nimmt man die Zahl der Neugründungen des vergangenen Jahres näher unter die Lupe, fällt zudem auf, dass nur drei von zehn Neuexistenzen etwas mit dem Internet oder Digitalangeboten zu tun haben. Die Mehrzahl sind nämlich häufig freie Berufe wie niedergelassene Ärzte, Steuerberater, Rechtsanwälte oder andere Dienstleistungen einer Beratungsbranche.

Neben den Rahmenbedingungen wirken inzwischen auch innere Faktoren, die Risikobereitschaftspotenzial bei jungen Menschen abschwächen. Indizien dafür kann man bereits im Kleinkindalter durch zunehmende Elternansprüche an Schutz und Sicherheit für ihre Jüngsten finden. Die Tendenz zu einer starken Behütung kann Faktoren wie Intelligenz oder eben Risikobereitschaft negativ beeinflussen.

Der neuseeländische Politologe James R. Flynn hatte in den 1990er Jahren in den Ergebnissen von IQ-Tests in Industrieländern im Mittel immer höhere Werte gefunden. Die gemessene Intelligenz hatte also kontinuierlich zugenommen. Seit 2013 regis-triert man jedoch einen negativen „Flynn-Effekt“. Die Gründe für ein Sinken des durchschnittlichen IQ sind nicht abschließend erklärbar. Ernährungsaspekte, Schulbildung, Bewegungsmangel und medizinische Versorgung, mitunter auch Migrationsgründe werden hierfür von Wissenschaftlern angeführt. Intelligenz kann verkürzt als die Fähigkeit bezeichnet werden, insbesondere durch abstraktes logisches Denken Probleme zu lösen und zweckmäßig zu handeln. Die Fähigkeit, unbekannte Situationen zu meistern und Lösungen zu finden, entwi-ckelt sich mit dem Heranwachsen. Je mehr wir unseren Nachwuchs also vor Problemsituationen beschützen wollen, umso weniger Möglichkeiten bieten sich Kindern für Selbsterfahrungen. Manche Eltern lassen ihren Schützlingen einfach zu wenig Freiraum, sich und die Welt zu entdecken. Im Gespräch mit Focus-Online sagte der Neurobiologe Gerald Hüter: „Doch sie (Eltern) haben eine Sache falsch verstanden: Es ist nicht die Aufgabe der Eltern, den Geist eines Kindes zu formen. Ihre Aufgabe ist es, dem Kind die Möglichkeit zu bieten, seinen Geist eigenständig zu entwickeln; sich seine Welt selbst zu erschließen.“

Bereits 1969 wurde die Hubschrauber-Metapher vom israelischen Psychologen Haim G. Ginott in seinem Werk Between Parent & Teenager verwendet. Den Ausdruck „Helikopter-Eltern“ prägte schließlich 2001 seine US-amerikanische Kollegin Wendy Mogel. Es kann deshalb kaum verwundern, dass wir heute die Folgen einer Entwicklung über mehrere Generationen beobachten können. Sogar der Bürokratiewust, der auf die gesamte Nation drückt, ist im Kern Ausdruck für ein gewachsenes gesellschaftliches Sicherheitsdenken. Eine Trendwende ist kaum auszumachen. Menschen mit angemessener Risikobereitschaft, Gründermut und Leistungswillen werden wohl langfristig in der Minderheit sein.

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