Bei den Steinforths in Magdeburg : Eine ziemlich sportliche Familie

Bei den Steinforths in Magdeburg ist Bewegung zwar nicht alles, aber ohne sie ist alles (fast) nichts. Warum Ringen und Leichtathletik besonders im Blickfeld stehen. | Von Rudi Bartlitz

Gäbe es bei den Steinforths im Magdeburger Hopfengarten so etwas wie einen Familienrat, darf man sicher sein, der Sport wäre in vielen Fällen entweder Hauptthema – oder hätte zumindest anderweitig irgendwie die Hand im Spiel. Hauptgrund dafür sind die beiden Söhne. Genauer gesagt, deren erfolgreicher sportlicher Werdegang. Johann, mit 23 der Ältere, gehört seit Jahren dem Bundeskader des Ringerverbandes an, startete schon bei Europa- und Weltmeisterschaften für die schwarz-rot-goldenen Farben. Till, der fünf Jahre Jüngere, gilt als eines der hoffnungsvollsten deutschen Zehnkampftalente.

Der Weg der beiden wäre wahrscheinlich so nicht denkbar gewesen, würden da nicht im Hintergrund, sozusagen an unsichtbarer Front, zwei kräftig und aus vollem Herzen mitziehen: Ingo und Doreen Steinforth, die Eltern. Ratgeber, Zuhörer, Helfer, Manager, finanzieller Förderer, Reiseplaner, Chauffeur. Sie sind alles – nicht in einer, sondern in zwei Personen. Als vor Jahren einmal für die Ringer kein Trainingsraum in Magdeburg zur Verfügung stand, ließ der Vater kurzerhand einen Showroom seines Autohauses räumen und dort, ratzfatz, eine große Matte ausrollen. „Ohne unsere Eltern“, so Johann, „wäre ich definitiv im Sport nicht dort, wo ich heute stehe. Ich denke, das sieht mein Bruder nicht anders.“

Was er nicht erwähnt, weil es ihm wohl zu abwegig erscheint: Da war zu Hause nie etwas vom Zwang überehrgeiziger Helikopter-Eltern zu spüren. Die ihre Sprösslinge in eine bestimmte, ihnen genehme Richtung drängten. Die Liebe zum Sport wurde den Kindern, so einfach war das, vorgelebt. „Und mit Zwang“, schiebt Johann nach, „wären die späteren Erfolge kaum möglich gewesen. Du musst schon begeistert von deinem Sport sein. Da wirken meine Eltern irgendwie ansteckend.“
Vater Ingo, 50, gelernter Kaufmann und heute Unternehmer, war einst ein erfolgreicher Ringer, der es 1983 sogar zum deutschen Jugendmeister brachte und bis vor wenigen Jahren hin und wieder in Liga-Wettkämpfen selbst noch auf der Matte zu finden war. Mutter Doreen, 51, studierte Lehrerin und heute im Gesundheitsmanagement einer Krankenkasse tätig, schnürte früher als Mehrkämpferin beim SC Magdeburg die Spikes („Ich war aber längst nicht so erfolgreich wie die Kinder. Zu ein paar Spartakiade-Medaillen hat es dennoch gereicht.“). Wenn wir schon bei der Familie sind: Da muss auf jeden Fall noch Ulf Steinforth, Bruder und Onkel, genannt werden. Einst selbst Ringer und heute als Chef des Magdeburger SES-Teams einer der erfolgreichsten europäischen Box-Promoter.
„Wenn früher der Urlaub geplant wurde“, berichtet Doreen Steinforth, „dann gab es in unserer Familie eine klare Prämisse: Sport musste am jeweiligen Ort schon möglich sein. Nicht unbedingt in den Disziplinen der Kinder, aber Bewegung sollte schon sein. Oft haben wir sogar etwas ausgesucht, was sonst weniger auf dem Programm stand. Zum Beispiel Wasserski. Und dann noch unser jährlicher Winterurlaub, egal ob mit Ski oder mit Snowboard – der ist fast schon Gesetz.“ Und so sind nicht nur die Kinder topfit. „Wir joggen beide“, erzählt der Vater. „Außerdem habe ich in meinem Autohaus einen Fitnessraum eingerichtet. In Corona-Zeiten, als kaum etwas anderes möglich war, nutzten den auch unsere Söhne für ihr Training.“

In diesen Tagen nun steht in der Steinforth-Familie eine Zäsur bevor. Johann wird sich für geraume Zeit verabschieden. Seine Laufbahn als Sportsoldat bei der Bundeswehr („als Unteroffizier“) endet nach vier Jahren. Er sitzt quasi auf gepackten Koffern und wartet auf sein Visum für ein Studium in den USA. Die entsprechenden Vorprüfungen sind bestanden. „Ich gehe für dreieinhalb Jahre an das Baptist University College in der Nähe von Los Angeles“, erzählt er. „Man hat mir dort ein Stipendium angeboten. Ich habe mich für das Business-Fach entschieden und hoffe, es mit dem Bachelor abschließen zu können. Gut finde ich, dass in den sportbegeisterten Colleges in den USA der Sport an erster Stelle steht, alles andere sich dem anpasst. In der nationalen College-Liga der Ringer werde ich weiter auf der Matte aktiv sein, dafür habe ich ja schließlich das Stipendium bekommen.“ Seine hohen sportlichen Pläne, die in einem Olympiastart kulminieren, sollen mit dem Flug über den großen Teich keineswegs ad acta gelegt sein. „Im Gegenteil, das Niveau im Ringen ist in den Staaten sehr hoch, erhoffe mir den einen oder anderen neuen Impuls.“

Der könnte wie gerufen kommen, musste Johann Steinforth die Hoffnungen auf einen anvisierten Olympiastart in Tokio bereits zu Jahresbeginn, also noch vor der Verlegung der Spiele auf den Sommer 2021, begraben. Eine schwere Verletzung Ende Januar im Finale der deutschen Mannschaftsmeisterschaft zerstörte von einer Minute auf die andere alle bis dahin gehegten Träume. Ein Außenband war gerissen, der Meniskus bekam gleich noch etwas mit ab. Aus. Vorbei. Also weitere vier Jahre auf Olympia warten, schoss es ihm durch den Kopf. Als die Ringer-Spiele später für dieses Jahr abgesagt wurden, keimten plötzlich neue Hoffnungen für 2021: Vielleicht geht doch noch etwas … Dafür muss der Freistil-Spezialist (Klasse bis 74 Kilo), der weiterhin für seinen Heimatverein Roter Stern Sudenburg starten wird, jedoch zu den anstehenden Qualifikationsturnieren über den Atlantik einfliegen.

Ganz so weit reichen die Gedanken des Bruders noch nicht. Bei den U-18-Europameisterschaften vor zwei Jahren im ungarischen Györ, da war er gerade einmal 16, erlebte Till Steinforth seine erste große internationale Feuertaufe. Dort war der 1,84 Meter große Athlet vom SV Halle für die 110 Meter Hürden, seine Schokoladendisziplin im Mehrkampf, nominiert. Das Finale verfehlte er seinerzeit knapp. Nun, bei den Mitteldeutschen Meisterschaften vor einigen Wochen in Haldensleben, hinterließ er in der rauen Welt der Zehnkämpfer erste Spuren. Erstaunliche 7.227 Punkte standen am Ende im Ergebnisprotokoll – die Experten merkten auf.

Anders als sein Bruder, der schon als Fünfjähriger über die Ringermatte wirbelte, probierte sich Till in mehreren Sportarten aus: Schwimmen, Leichtathletik – und auch Ringen. Ihm gefiel eigentlich alles. Letztlich schlugen bei ihm („Mama war mein Vorbild“) wohl die leichtathletischen Mutter-Gene durch: In der 5. Klasse wechselte er in Magdeburg aufs Sportgymnasium, zwei Jahre später zum Mehrkampf-Schwerpunkt nach Halle. Dort trainiert er jetzt neben solchen Größen wie Vize-Weltmeister Rico Freimuth. Und nicht nur das: Der Routinier ist jetzt im Nebenjob sozusagen sein Stabhochsprung-Trainer. Erstes Resultat: Mit 4,30 stellte Steinforth in Haldenleben eine neue persönliche Bestleistung auf.

Der Satz mit der Frage, ob die Eltern heute stolz auf ihre Söhne sind, muss gar nicht zu Ende formuliert werden – ein Blick in ihre Gesichter sagt eigentlich alles. Sie schauen sich an, da schwebt ein unausgesprochenes „Das haben wir doch ganz gut hingekriegt“ durch den Raum. „Wichtig war uns immer“, sagt der Vater, „dass die beiden etwas Vernünftiges machen, nicht auf blöde Gedanken kommen. Runter von der Straße. Am liebsten natürlich Sport. Wobei wir gar nicht so sehr darauf gepocht haben, dass es unbedingt das sein muss, was meine Frau und ich früher gemacht haben. Das hat sich so ergeben. Wir wollten einfach dafür sorgen, dass sie bei dem, wofür sie sich entschieden haben, möglichst optimale Bedingungen haben. In alles andere mischen wir uns nicht ein, und den Trainern reden wir prinzipiell nicht rein.“ Was nicht heißen soll, dass Ingo Steinforth, gerade bei Johann, nicht Tausende Kilometer zu Wettkämpfen in Deutschland und im Ausland, selbst zu Europa- und Weltmeisterschaften, gefahren (oder geflogen) wäre, um hautnah dabei zu sein. „Von den jahrelangen täglichen Touren morgens um sechs ins Sportgymnasium rede ich gar nicht, das machen schließlich andere ebenso.“
Dass Johann den Vater heute beim freundschaftlichen Wettkampf, der, wenn die Zeit es zulässt, gelegentlich immer noch stattfindet, lässig auf die Schulter legt, hat wohl etwas mit Zeitläuften und biologischer Entwicklung zu tun. „Es war von frühester Jugend an sein Ziel“, merkt Steinforth senior an, „den Vater auf der Matte zu bezwingen.“ Überhaupt Ehrgeiz. „Es gibt zu Hause kaum etwas“, wirft die Mutter ein, „was nicht in irgendeiner Weise Wettkampfcharakter trägt. Das muss nicht unbedingt mit Sport zu tun haben. Jeder will gewinnen. Besser sein als der andere. Und sei es bei den ungewöhnlichsten Dingen.“
Zu den ungewöhnlichsten Dingen könnte ebenso gehören, dass sich die Steinforth-Sprösslinge beide für Olympia qualifizieren. 2021, sollte Tokio denn stattfinden, kommt für Till auf jeden Fall noch zu früh. Aber Paris 2024 – das wäre schon eine Marke. Zumal es in deutschen Olympia-Teams zwar schon öfter Brüder gab, sie jedoch meist in derselben Sportart antraten. Ringen und Leichtathletik, diese Kombination gab es, wenn die Archive nicht lügen, bisher nicht. „Ja“, sagt Johann, „das klingt gut. Dann wäre ich, selbst wenn es für nächstes Jahr nicht reichen sollte, im bes-ten Ringeralter.“ Und Vater Ingo gibt den Söhnen schon einmal, typisch Steinforth-Familie, eine sportliche Prämisse vor. „Wir kommen nur nach Paris“, droht er lachend, „wenn ihr euch beide qualifiziert.“

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