Berufsbezeichnungen: Neue Namen braucht das Land

Fortschritt, Moderne und Zukunft müssen sich vor allem von der Vergangenheit und manchmal auch von der Gegenwart abgrenzen lassen. Wenn etwas Neues nicht sofort wirkmächtig daherkommt oder Veränderungen kaum erkennbar werden, helfen häufig neue Begriffe, um einen Wandel zu markieren. In der Arbeitswelt finden sich solche Wort-Metamorphosen fortlaufend. Häufig wird mit einer Umbenennung auch eine Aufwertung einer Tätigkeit angestrebt – zumindest soll eine geänderte Bezeichnung dies vermitteln.

Kaufmännische Berufe tragen heute in der Regel englische Bezeichnungen. Das klingt dann so: „Director of Support Services“ oder wenn man es noch eine Stufe höher benötigt, heißt die Position „Chief Operations Officer“. Die Bezeichnung Sekretärin oder Sekretär für allgemeine Büroorganisation ist nun wirklich ein Wort aus dem vorvergangenen Jahrhundert.„Assistenz Backoffice“ oder „Office Manager“ macht natürlich viel mehr her. Zweifelsohne haben sich mit moderner Kommunikationstechnik die Anforderungen an Menschen im Büroalltag verändert.

Besonders einfallsreich sind kreative Branchen bei den Namen für Tätigkeiten. „Affiliate Marketing Manager“ beschäftigen sich mit Vertriebsarten im Internet. Dagegen kann ein Mitarbeiter als „Team Leader Customer Service“ für eine Firma wichtige Kunden betreuen, während der „Managing Editor“ Online-Kanäle mit Inhalten füttert und häufig sogar schreiben können muss. Auch ein „Group Account Director“ macht im Namen etwas her. Im Kern geht es nur um den Verkauf von Produkten. Wie wäre es mit dem Beruf als „Director of First Impressions“? Hinter dem Jobtitel verbirgt sich nicht mehr und nicht weniger als der Beruf eines Rezeptionisten.   

Man könnte als ewiger Nörgler und Meckerer gelten, wenn man den Einzug unzähliger Anglizismen in den Alltag aufs Korn nimmt. Bei aller Internationalität und Modernität wird nicht auf die Kluft, die zwischen Menschen mit klassischen Berufsbezeichnungen und Tätigkeitsverständnissen sowie solchen mit völlig neuartigen Wortgeschwülsten besteht, hingewiesen. Gerade heute, wo in allen Lebensbereichen Gleichberechtigung und Gleichstellung gepredigt wird, merken Modernisierer offenbar nicht, dass sie beklagenswerte Unterschiede maßgeblich selbst erzeugen, indem sie fortlaufend neue Etikettierungen erfinden und anheften. Ein Abstand zwischen gestern und heute macht sich häufig nicht in der Arbeit, sondern eher in der Benennung fest. Komisch, dass man darüber keine Studien findet. Es wird doch sonst alles untersucht.

Möglicherweise wäre ein Ergebnis solcher Untersuchungen, dass ungerechte Sichtweisen und Beurteilungen innerhalb von Berufsgruppen durch solche Initiatoren miterzeugt wurden, die besonders für Modernität und Gerechtigkeit eintreten wollten. Gut, das mag Spekulation sein, aber wenigstens sollte man darüber nachdenken, bevor man jedem Trend im Affenzahn hinterherläuft. Neue Namen erzeugen nie per se eine Verbesserung oder einen Fortschritt.  Neue Zeiten, neue Namen – so könnte man sagen.

Und dann sollen sich Schüler unter diesen Namen eine Zukunft vorstellen. Berufsorientierung muss da vielfach ins Leere laufen. Verbesserungen im Arbeitsleben oder die Orientierung in der Berufswahl gibt es leider nicht per Buchstabenlotterie.  Axel Römer

Vielleicht gefällt dir auch