Dienstag, November 29, 2022

Brennend heißer Wüstensand

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In knapp zwei Wochen beginnt, von zahlreichen Faktoren außerhalb des Sports überschattet, die Fußball-Weltmeisterschaft in Katar. Es ist das erste Mal in der 92-jährigen Geschichte, dass dieses Championat im Winter stattfindet.

Wer vor ein paar Jahren quer durch die Ölfelder Katars fuhr, wäre wohl – hätten harte Fakten nicht das Gegenteil besagt – nie von selbst auf die Idee gekommen, dass hier einmal eine Fußball-Weltmeisterschaft stattfinden könnte. Wohin das Auge reicht: Sand. Darüber: ein vor Hitze flirrender Himmel. Die Eingebung zu einem alten Freddy-Quinn-Hit, in dem er vom brennend heißen Wüstensand singt, sie könnte dem Texter genau hier gekommen sein. Und hier demnächst also Fußball? Und gleich noch das Turnier aller Turniere? Eigentlich unmöglich. Gerade für Europäer, in der Weltsportart Nummer eins tonangebend, schwer erträgliche Bedingungen. Aber spätestens beim Abstecher hinüber ins benachbarte Bahrain und bei der Besichtigung der Auto-Rennstrecke von Sachir, wo 2004 der erste Formel-1-Weltmeisterschaftslauf im Nahen Ostens ausgetragen wurde, ahnte, ja wusste man: In den superreichen Golfstaaten machen sie vor nichts Halt, schon gar nicht vor einem derartigen Prestigeprojekt wie einer Fußball-WM.

Genauso kam es. In nicht einmal zwei Wochen wird in Katars Hauptstadt Doha das Treffen der 24 besten Teams des Erdballs eröffnet. Wohl noch nie zuvor in der inzwischen 92-jährigen Geschichte von Weltmeisterschaften ist in deren Vorfeld mehr über die äußeren Bedingungen debattiert worden als über den Sport selbst. Diesmal, so scheint es, ist alles anders. Da erregen die politischen und klimatischen Zustände im Gastgeberland Offizielle wie Fans nahezu im Wochentakt. Seit der Vergabe vor zwölf Jahren – damals setzte sich das Emirat gegen die Mitbewerber USA, Südkorea, Japan und Australien durch – gab es eigentlich nie Ruhe.

Noch ein Novum: Weil im Wüstenstaat im Sommer Spitzenwerte bis zu 50°C gemessen werden (die mittlere Julitemperatur liegt bei 36°C und geht auch nachts kaum zurück) wurde erstmals in der Geschichte ein Weltchampionat in den Winter verlegt. Es entfachte sich eine Kontroverse, die es im modernen Fußball in diesem Ausmaß noch nicht gegeben hatte und die von Polemik, Polarisierung und Propaganda, von Hysterie, aber ebenso von Halbwahrheiten und Hochmut geprägt war und ist.

Die Vergabe der WM nach Katar wird seit Jahren kritisiert. Zunächst ging es um die Schmiergelder, die beim Votum im Jahr 2010 geflossen sein sollen. Anfang Mai 2020 brachten New Yorker Enthüllungen ans Licht, dass die Stimmen dreier FIFA-Funktionäre, darunter der Präsident des brasilianischen Verbandes Ricardo Teixeira und der Präsident des südamerikanischen Fußballverbandes Nicolás Leoz (Paraquay), gekauft wurden, um für Katar abzustimmen. Ohne diese drei Voten für Katar hätte es 11:11 unentschieden gestanden, die Stimme des FIFA-Chefs wäre Ausschlag gebend gewesen. Da Sepp Blatter für die USA als Ausrichter gestimmt hatte, wäre die WM an die USA vergeben worden. Trotz der Beweislage erschien es jedoch in keiner Phase als wahrscheinlich, dass die WM Katar wieder entzogen wird. Zu große finanzielle Verluste drohten der FIFA. Die Schadensersatzforderungen des Gastgebers hätten sich im Milliardenbereich bewegt. Zudem hielten sich hartnäckig die Gerüchte, dass die USA als Ausrichter der WM 2026 wenig Interesse an einer Klage hatten. 
Parallel dazu entbrannte nach der Vergabe eine im Wortsinn hitzige Debatte über den Zeitraum des Turniers. Die Wellen der Entrüstung schlugen hoch. Im März 2015 wurde endgültig entschieden, dass wegen der sengenden Sommerhitze erstmals gegen Jahresende gespielt wird. Das Wort von der Weihnacht-WM machte fortan die Runde. Glühwein in den Stadien und so. Das Eröffnungsspiel soll am 20. November 2022 (Totensonntag) in Al-Chaur im 60.000 Zuschauer fassenden al-Bayt-Stadion, das Endspiel am 18. Dezember 2022 (4. Advent) um 18:00 Uhr im Lusail Iconic Stadium (86.250 Plätze) stattfinden. Die Endrunde wird mit 29 Tagen die kürzeste seit der 1978 (25 Tage). Ein anderes, allerdings zweifelhaftes Unikat wurde noch rechtzeitig abgewendet: Im Mai 2019 legte der FIFA-Rat für das Turnier die Teilnehmerzahl mit wie bisher 32 fest, es wird nicht – wie bis dahin im Sinne der Profitmaximierung geplant – erstmals mit 48 Mannschaften veranstaltet.

In den vergangenen Jahren standen dann vor allem die Menschenrechtslage, die Situation der Gastarbeiter und die Bedingungen für LGBT-Personen im Mittelpunkt. Katar wird unter anderem Misshandlung von Gastarbeitern vorgeworfen. Außerdem wird die Haltung des Landes zu LGBTQ-Rechten kritisiert. Aufgrund des öffentlichen Drucks konnte der Weltfußballverband Menschenrechtsfragen nicht mehr ignorieren, nachdem im Februar 2021 die britische Tageszeitung „The Guardian“ die Zahl von 6.500 toten Arbeitsmigranten aus fünf Ländern seit Vergabe 2010 genannt hatte. An welchen Projekten die Verstorbenen genau gearbeitet hatten, ist nicht bekannt, aber vermutlich starben viele bei der Arbeit für WM-Bauprojekte. Das ZDF berichtete im Dezember 2021 mit Bezug auf Amnesty International, dass etwa im gleichen Zeitraum 15.021 Nicht-Kataris gestorben seien, wobei 70 % der Todesfälle nicht richtig aufgeklärt wurden. Nach Angaben des WM-Organisationskomitees in Katar starben beim Stadionbau 37 Menschen, von denen drei Fälle arbeitsbedingt waren, es bestehen jedoch ernste Zweifel am Wahrheitsgehalt dieser Behauptungen.

Es ist ein Novum im internationalen Fußball: Das australische Nationalteam kritisiert Gastgeber Katar in einem Video und mahnt, den „Weg der Reform fortzusetzen“. Die Ausbeutung von Wanderarbeitern während des Stadionbaus „kann nicht ignoriert werden“, hieß es in einem Statement. Football Australia forderte Katar dazu auf, die gleichgeschlechtliche Ehe zu legalisieren. Australien ist die erste teilnehmende Mannschaft, die das Gastgeberland in dieser Form kritisiert. Der „Spiegel“ bezeichnet nicht ohne Grund das bevorstehende Turnier als eine „groteske“ Veranstaltung, eine „Weltmeisterschaft in Absurdistan“.

Ach ja, Fußball gespielt wird auf der arabischen Halbinsel auch. Wie es diesmal ausgeht, da tappen die Auguren sichtbar im Dunkeln. Zu diffus, zu wechselhaft war die Qualität dessen, was die vermeintlichen Spitzenteams in den Monaten vor dem Championat auf dem Rasen präsentierten. Vor allem die aus Europa. Immerhin der Kontinent, der in den letzten zwei Jahrzehnten viermal in Folge den Weltmeister stellte. Doch weder Titelverteidiger Frankreich – die Equipe Tricolore wurde zuletzt in der Nations League in einer Gruppe mit Dänemark, Kroatien und Österreich nur Dritter – noch die Spanier (WM-Gewinner 2010) wussten so recht zu überzeugen. Gleiches gilt für Engländer wie Deutsche. Zu letzteren weiter hinten mehr.

Und so sollten wohl die Stimmen jener Experten besonders Gehör finden, die die Südamerikaner diesmal zu den Favoriten ausrufen. Gerade der fünfmalige Rekordmeister Brasilien scheint um Superstar Neymar eine Truppe beieinander zu haben, der wie auch dem aktuellen Copa-America-Titelträger Argentinien alles zuzutrauen ist. Spaniens Teamchef Luis Enrique jedenfalls ist sich ziemlich sicher: „Ich sehe Argentinien ganz oben und auch Brasilien – weit über dem Rest.“ Ob es gerade mit diesen beiden zu einer zuletzt oft vermissten Explosion des schönen Fußballs kommt, der taktische Meisterstücke überstrahlt, hängt sicher auch davon ab, wie alle Teams mit den Bedingungen in den teils klimatisierten Stadien zurechtkommen.

Geht es nach den Buchmachern, lauern hinter den Big Six (also Frankreich, Spanien, Brasilien, Argentinien, England und Deutschland) einige namhafte Geheimfavoriten. So Belgien (Nummer 2 der Weltrangliste und WM-Dritter 2018), Niederlande, Portugal, Kroatien (Vize-Weltmeister von 2018) und Dänemark (Halbfinalist der EM 2021). Die Statistik spricht allerdings gegen eine Titelverteidigung: Seit 1962 konnte der Weltmeister den Pokal nicht mehr verteidigen. Damals gelang dies Brasilien. Und: Bei den letzten drei Wettbewerben schied der amtierende Weltmeister bereits in der Vorrunde (!) aus, zuletzt traf das Deutschland 2018. Sollten diesmal etwa die Franzosen dran sein?

Ein paar Worte zu den Deutschen. Eines vorweg: Zu den Favoriten zählt die Elf von Bundestrainer Hansi Flick, selbst wenn das andere so sehen (siehe oben), auf der arabischen Halbinsel nicht. Zu durchwachsen war das, was sie zuletzt offenbarte. Die Nationalmannschaft hinterließ im letzten ernsthaften Test vor der WM im Londoner Wembley-Stadion einen rätselhaften Eindruck. Nach einer wilden zweiten Halbzeit gegen England scheint zu dem seit längerem existierenden Sturm- noch ein Abwehrproblem hinzugekommen zu sein: erst 2:0, dann 2:3, dann 3:3.
Flicks Deutsche starteten ja mit einer interpretationsfähigen Bilanz in diese Partie: Einerseits hatten sie bis dahin nur einmal in 14 Spielen verloren (gut), andererseits konnten sie von den letzten sechs Begegnungen nur eine gewinnen (nicht so gut). Die England-Partie, der ein enttäuschendes 0:1 daheim gegen Ungarn vorausgegangen war, ließ extrem unentschiedene Beobachter zurück. Weil man nun kurz vor der WM das Gefühl hatte, weniger über diese DFB-Elf zu wissen als je zuvor. Vorn fehlt der Zielspieler, der den Angriffen eine Richtung gibt; und im defensiven Mittelfeldzentrum wirkt Joshua Kimmich mitunter alleine, was gegnerische Teams als Einladung zum Konter verstehen. Beide Probleme scheinen irgendwie zusammenzuhängen: In Ermangelung eines Mittelstürmers verlieren sich die Deutschen manchmal in ziellosen Kombinationen, und wenn sie dann noch den Ball verlieren, saust der Gegenangriff durchs unzureichend besetzte Zentrum. Der Bundestrainer hatte aus guten Gründen darauf verzichtet, die England-Partie als ein Stimmungs-Endspiel auszurufen, aber im Grunde war es genau das. Die Nationalspieler werden sich erst am 14. November wieder treffen, es geht dann für vier Tage in den Oman, ein Spielchen machen sie dort noch gegen den Gastgeber, bevor es weitergeht nach Katar. Dort erwartet sie zumindest außerhalb der Stadien das Beste vom Besten: Sie werden im erst 2022 eröffneten „Zulal Resort“ Quartier beziehen. Es ist, so sagen Tourismus-Kenner zumindest, das bisher größte Wellness-Retreat im Nahen Osten – und zählt wohl jetzt schon zu den schönsten Adressen des Landes. Der Preis ist durchaus WM-reif: 950 Euro pro Nacht und Nase. Na denn, möchte man ihnen mit einem berühmten Ausspruch von Ex-Bundespräsident Theodor Heuss zurufen: Siegt mal schön.

Text: Rudi Bartlitz, Seite 30-31, Kompakt Zeitung Nr. 221

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