Montag, November 28, 2022

Bruch der Koordinaten

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Für das Leben und seine sozialen Beziehungen gelten so etwas wie Koordinatensysteme. Sonnenaufgang und -untergang verbunden mit dem Wechsel zwischen Hell- und Dunkelphasen setzen nicht nur den Rahmen für den Tagesablauf, sondern auch für unsere Körperfunktionen. Im politischen Spektrum gab es rechts und links und die Programme der Parteien und Akteure konnte man diesen Koordinaten zuordnen. Es gab moralische Richtwerte dafür, was gut oder böse ist. Patriotisch und zugleich weltoffen zu sein, galt als eine Tugend. Achtung vor dem Alter zu haben, war selbstverständlich. Für die Grammatik und Orthografie gab es sinnvolle Regeln. Reformen wurden von Sprachwissenschaftlern auf den Weg gebracht, nicht von Politikern. Das alles scheint vorbei. Koordinatensysteme werden eingerissen. | Von Reinhardt Szibor

Die „Alten Griechen“ teilten den Tag in 24 Stunden ein. Nach dieser Konvention steht die Sonne mittags um 12 Uhr am Zenit. Damit das überall auf der Erde funktioniert, ist sie in 24 Zeitzonen aufgeteilt. Exakt stimmt die Sonnenstands-Zeitbeziehung nur genau auf den jeweiligen Meridianen. Aber innerhalb einer Zeitzone sind die Abweichungen so gering, dass die Sonne ihren Höchststand „gefühlt“ tatsächlich überall um 12 Uhr erreicht. Unser Leben ist dem Wechsel von Hell- und Dunkelphasen angepasst. Die circadiane Rhythmik hat bei allen lichtrezeptierenden Lebewesen, so auch beim Menschen, großen Einfluss auf nahezu alle Funktionen des Organismus. Wir sind gut beraten, die natürlichen Bedingungen, die uns das Licht vorgibt, anzunehmen. Seit 1996 gilt für die Europäische Union eine einheitliche Festlegung zur Zeitumstellung. Die Idee war nachvollziehbar. So erhoffte man sich Energiespareffekte, weil Menschen mehr Aktivitäten in die helle Tageszeit verlagerten. Diese Regelung wurde allseits begrüßt, weil sich der Freizeitwert des Sommers verbesserte. Die Energieeinsparung trat nicht ein. Dafür kommt es aufgrund der Störung des Biorhythmus zu Konzentrationsschwächen und Lernproblemen bei Kindern und zu Gesundheitsstörungen verbunden mit vermehrten Herzinfarkten, nervösen Magenleiden u. a. m.

Es ist vernünftig, dass sich die EU nun von den Zeitumstellungen verabschieden will. Nicht nachvollziehbar ist jedoch, dass man nun darüber streitet, ob man die Sommerzeit oder die Winterzeit dauerhaft beibehalten will. Es ist natürlich sinnvoll, sich in der astronomisch bestimmten Zeit einzurichten. Eine Sommerzeit auch im Winter würde einen Arbeits- und Schulbeginn in tiefster Dunkelheit mit den erwähnten negativen Wirkungen bedingen. Wenn man möchte, dass im Sommer die Aktivitäten in die frühe Tageszeit verlegt werden, in der es schon hell aber noch kühl ist und lange Abende für die Freizeitgestaltung zur Verfügung stehen sollen, kann dies im Konsens zwischen Politik, Arbeitgebern und Arbeitnehmern und anderen politischen Akteuren ausgehandelt werden. Dazu muss man nicht unser an der Natur orientiertes Koordinatensystem der Zeit zerschlagen.

Rechts-Links-Koordinaten – Unsere Gesellschaft, speziell die Publizistik verfügt über einen riesigen Abfallkübel, in den alles entsorgt werden soll, was für rechts gehalten wird. „Gegen rechts“ findet breite Zustimmung. Aber funktioniert das politische Koordinatensystem noch, das Parteien, Organisationen, Medien, Stiftungen usw. in rechts und links einteilt? Zu Zeiten eines Franz Josef Strauß’ und Herbert Wehners konnte man die CDU/CSU und die SPD gut als rechts bzw. links erkennen. In der Gerhard-Schröder-Ära waren die Gegensätze noch vernehmbar, aber Schröder hat als vermeintlicher „Genosse der Bosse“ die Fronten aufgeweicht. Angela Merkel erhob den Anspruch, im Links-Rechts-Koordinatensystem die Mitte zu vertreten. Sie hielt 2003 auf dem Leipziger CDU-Parteitag eine Rede, für die es frenetischen Beifall gab. Sie sagte u. a.: „Da muss man natürlich darüber sprechen, dass es den Missbrauch des Asylrechts gibt. Da muss man natürlich sagen, die Folge kann nur sein, Steuerung und Begrenzung von Zuwanderung … Manche unserer Gegner können es sich nicht verkneifen, uns in der Zuwanderungsdiskussion in die rechtsextreme Ecke zu rücken, nur weil wir im Zusammenhang mit der Zuwanderung auf die Gefahr von Parallelgesellschaften aufmerksam machen…

Das, liebe Freunde, ist der Gipfel der Verlogenheit“. Hielte Angela Merkel diese Rede (aus der Mitte der Gesellschaft!) auf einem AfD-Parteitag – ein absurdes Szenario – wären ihr Ovationen sicher. Sind die Koordinaten für Rechts-Mitte-Links also noch tauglich?

Epistokratie der Jugend – Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit (GMF) gilt als ein Kernelement von Rechtsextremismus. Traditionell richtet sich der Hass gegen Minderheiten wie Homosexuelle, Juden, Migranten und andere. Aber nun kommen neue Feindbilder hinzu, z. B. „alte weiße Männer“. Käme das von rechts, würde man es altenfeindlich, rassistisch und sexistisch nennen – so aber nicht. Achtung vor dem Alter zu haben, gilt in allen Kulturen als Tugend. Das war auch bei uns so. Nicht umsonst heißt im Bundestag eine Gruppe Abgeordneter, der besonders wichtige Aufgaben obliegen, „Ältestenrat“ und die evangelischen Gemeinden nennen ihre Vertreter „Kirchenälteste“. Die müssen nicht unbedingt alt sein, aber das Wort signalisiert, dass man Alter mit Wertschätzung verbindet. Als Kinder lernten wir, dass man ggf. älteren Menschen seinen Sitzplatz anbietet oder ihnen anderwärtig hilft. Heute gilt alt zu sein als Rechtfertigung für Schmähungen. Der öffentliche Rundfunk legt Kindern in den Mund, Omas als „Umweltsäue“ zu bezeichnen, und nachdem es Proteste gab, vergröberte ein Mitarbeiter des WDR die Beschimpfung mit dem Terminus „Nazisäue“. Man bedient sich hier der Metaphern der Nazis, die für ihre Menschenverachtung gern das Wort „Sau“ benutzt haben, wie z. B. in „Judensau“ oder „Polensau“.

Wer sich dagegen auflehnt, wird als Rechter oder gar Nazi eingestuft. Konsequenterweise wird heute dafür geworben, alten Menschen das Wahlrecht zu entziehen. Diese Forderung kommt nicht nur aus der „Fridays for Future“-Generation, sondern auch aus linken Leitmedien: „Rentner, gebt das Wahlrecht ab!“ heißt es in der Kolumne der TAZ vom 1. Juni und weiter: „Was wir brauchen ist eine Epistokratie der Jugend: Das Wahlalter herabsenken und nach oben begrenzen … Zugespitzt hieße das, Unschuldige vor einer in fundamentalen Fragen inkompetenten Wählerklientel zu schützen.“ Der Kolumnist definiert auch gleich, was seines Erachtens Inkompetenz ist: „Als die Europawahl-Hochrechnungen kamen, zeigte sich: Die Zustimmung für die Grünen – die bei den unter 60-Jährigen vorne lagen und bei den Erstwählerinnen so viele Stimmen holten wie Union und SPD zusammen – sank antiproportional zum Alter der Wählenden. Bei der CDU verhielt es sich genau andersherum.“

Willy Brandt, ein Rechter? Willy Brandt, war das nicht einer von diesen Rechten? Nach dem jetzt etablierten politischen Koordinatensystem natürlich ja! Für seine Äußerungen zur Migrations- und Sicherheitspolitik würde seine Partei ihn heute schmähen. Obwohl es damals relativ wenig Immigranten gab, hieß es in seiner Regierungserklärung von 1973: „Es ist notwendig geworden, dass wir sehr sorgsam überlegen, wo die Aufnahmefähigkeit unserer Gesellschaft erschöpft ist und wo soziale Vernunft und Verantwortung Einhalt gebieten.“ „Deutsche, wir können stolz sein auf unser Land“ war 1972 sein Wahlkampfslogan. Er benutzte Begriffe wie „nationales Selbstbewusstsein”, „Volk“, „Vaterland“ und „Normalität“ in einer Weise, dass es die heutige SPD entsetzen würde. 1966 sagte er auf dem SPD-Parteitag: „Kein Volk kann auf die Dauer leben, ohne sein inneres Gleichgewicht zu verlieren, ohne in Stunden der inneren und äußeren Anfechtung zu stolpern, wenn es nicht ja sagen kann zum Vaterland.“ Damit bewegte sich Brandt in einem Koordinatensystem, das von den Dichtern und Denkern unserer Nation errichtet wurde: „Ans Vaterland, ans teure, schließ dich an, das halte fest mit deinem ganzen Herzen, hier sind die starken Wurzeln deiner Kraft.“, schrieb Friedrich Schiller.

Die Jusos fahren hingegen eine Anti-PatriotismusKampagne. Sie warnten vor der Begeisterung für Schwarz-Rot-Gold, wie sie sich z. B. im Zuge der Handball-WM zeigte. „Party-Patriotismus ist Nationalismus und darf nicht verharmlost werden“, schrieben sie unter einem Bild von einem Kaffeebecher mit dem Aufdruck: „Mein Vaterland interessiert mich nicht die Bohne“. Keine Ahnung davon, dass Schwarz-Rot-Gold Freiheit und Demokratie symbolisieren, also Werte, die immer sozialdemokratisch waren. Auch die Grünen und die Linken fahren diesen Kurs. Die Linken-Funktionärin Sophie Sumburane sagte bei Maybrit Illner: „Mecklenburg-Vorpommern ist auch braun. Wenn wir da an die Ostsee fahren, fährt man an Deutschlandfahnen vorbei“. Nicht umsonst haben die NAZIs unsere heutigen Nationalfarben geschmäht und verboten, denn sie stehen für Freiheit und Demokratie. Ohne politische Bildung gerät man leicht in deren Fußstapfen, auch wenn die Motive ganz anders sein mögen. Ist es nicht unverantwortlich, das Bekenntnis und die Wertschätzung für die Farben der Demokratie exklusiv an die AfD abzutreten?

Nieder mit deutscher Sprache! Die Sprache ist das zentrale Kulturgut einer Nation. Auch sie hat ihr Koordinatensystem. Das ist durch die Orthografie und die Grammatik gesetzt. Da gibt es richtig und falsch. Hinzu kommen Attribute, wie wohlklingend, lyrisch, anrührend, klar oder missverständlich, galant oder ordinär usw. Die deutsche Sprache ist schön und ausdrucksstark. An ausländischen Goethe-Instituten beschäftigen sich Studenten mit der Lyrik von Hölderlin, Rilke, Heine und anderen Giganten der deutschen Literatur. Hierzulande tun das offenbar nur noch wenige.

Sprachen verändern sich und nehmen gesellschaftspolitische Entwicklungen auf. Aber gegenwärtig bemüht man sich, aus politischen Gründen die deutsche Sprache umzukrempeln. Am konsequentesten betreibt man dies an Universitäten und Hochschulen. Gendergerecht sollen wir schreiben und sprechen. Frauen würden sich nicht angesprochen fühlen, wenn man von Bürgern, Wählern, Studenten, Arbeitnehmern, Politikern, Polizisten, Verbrechern usw. spricht. Auch jene nicht, die sich weder als männlich noch weiblich, sondern als divers definieren. Die der „politischen Korrektheit“ verpflichteten Politiker und Interessenvertretungen fordern, dass bei gruppenbezogenen Adressierungen schon sprachlich immer beide Geschlechter und dazu noch die Diversen erkennbar sein müssen. In der Art, dass man z. B. Bürger durch Bürgerinnen ersetzt, wobei der Genderstern für die Diversen steht.

Die binäre Bezeichnung werde der Realität der geschlechtlichen Vielfalt nicht gerecht, sie sei diskriminierend und zu unterlassen. Der Asterisk brächte zum Ausdruck, dass man sich weder als Frau noch als Mann fühlen muss, um mitgemeint zu sein. Alle Studentinnen sind mit eingeschlossen, jeder Professorin heißt es an der Universität Wien. Dort muss man beim Sprechen, um den Asterisk raushören zu können, mitten im Wort eine Sprachpause einfügen. Weil man weder vom Aussehen noch vom Namen auf das Geschlecht einer Person schließen könne, solle man als Anredeformen das Ende offen lassen und mit „Sehr geehrt (Vorname)
(Nachname)“, „Lieber Benutzerin“ oder „Lieb* Studierend* grüßen. Nur in der Kommunikation mit persönlich bekannten Personen sei es gestattet, jemanden mit „Sehr geehrte Frau Professorin“ anzusprechen – sofern man wisse, dass sich die Person als Frau identifiziere. Also, ein minimaler Rest Normalität ist erhalten geblieben. Gott* sei Dank!

Erlaubt ist, alle Geschlechter mit einer substantivierten Partizipialform anzureden, also Studierende und Radfahrende. Man wird das nicht durchhalten können, weil jeder den Schwachsinn erkennt. Wie ist es mit der Logik bestellt, wenn man sagt, dass auf den Bänken am Wege Radfahrende sitzen und nach einer niedergeschlagenen Demonstration, etwa in China, tote Studierende auf der Straße liegen. Selbst in Städten wie Hannover und Lübeck, in denen man das Gendern gesetzlich verordnet hat, spricht man nach wie vor von einer Bürgermeisterwahl und nicht von Bürgerinnenmeisterinnenwahl. Kundendienste, eine Patientenzufriedenheit, ein Alten- oder Seniorenheim, ein Seniorenteller, ein Einwohnermeldeamt oder Bürgeramt gibt es weiterhin. Eine gendergerechte Umbenennung mit Asterisk würde da kaum jemand mitmachen.

Sprachwissenschaftlich betrachtet ist es sowieso Unsinn. In der deutschen Sprache hat das generische oder auch grammatische Geschlecht nichts mit dem biologischen Geschlecht zu tun. Der Vamp ist eine erotisch anziehende Frau. Aber er (sic!) ist trotz seiner überbordenden Weiblichkeit generisch männlich. Das Mädchen ist zweifellos weiblich. Die Person oder das Kind, kann weiblich männlich oder divers sein. Das alles könnte man wissen, wobei mit „man“ wiederum alle angesprochen sind, nämlich männlich, weiblich und divers. Muss man, um gerecht zu sein, wirklich all das, was uns Sprachwissenschaftler und die besten Schriftsteller sagen, verwerfen? Nein! Menschen, die einfach nur normal schreiben und sprechen wollen, belächeln das Ansinnen. Und welche Hürden bauen Gendersprachaktivisten in der Sprachintegration von Migranten auf? Es sollten eher Barrieren beim Deutschlernen abgebaut werden.

Sogar Intellektuelle wenden sich ab. Gegendertes Deutsch ist nicht literaturfähig. Das könnte man in der per Verordnung gendernden Thomas-Mann Stadt Lübeck wissen. Aus Sorge um die Zerstörung der deutschen Sprache wendete sich der Verein deutsche Sprache mit einem Aufruf „Gegen den Genderwahnsinn“ an die Öffentlichkeit: Den haben Tausende unterschrieben (ich auch). Unter den Erstunterzeichnern befinden sich Günter Kunert, Reiner Kunze, Monika Maron und viele andere Persönlichkeiten mit hoher sprachlicher Sensibilität und Qualifikation. Sie alle werden daraufhin in die rechte Ecke gestellt und als AfD-nah diffamiert. Die AfD dürfte sich über diese Wahlkampfhilfe aus der linken Ecke freuen. Als Ludwig Erhard 1964 die besten deutschen Schriftsteller als „Pinscher“ bezeichnete, war der Wahlerfolg der SPD vorprogrammiert. Ich selbst erkenne das Koordinatensystem von rechts und links nicht mehr als aussagefähig an und fühle mich wohl in der Nähe von Monika Maron sowie in der von den leider kürzlich verstorbenen Schriftstellern Reiner Kunze und Günter Kunert.

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