Freitag, Dezember 2, 2022

Brücken in die Öffentlichkeit bauen

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Dr. Gabriele Köster ist seit 2013 Direktorin der Magdeburger Museen. Im Gespräch mit der Kompakt Zeitung erzählt sie von aktuellen Herausforderungen und zukünftigen Ausstellungen. Von Tina Heinz

Kompakt Zeitung: In Zeiten, in denen die Menschen mittels Internet so vielfältige Möglichkeiten haben, sich Wissen anzueignen, Dinge zu erfahren – wie ordnen Sie da heute die Aufgaben des Museums ein?

Dr. Gabriele Köster: Zum einen merken wir, dass sich die Besuchererwartungen verändert haben. Zum anderen ist es nicht sinnvoll, dass zu machen, was andere unter ihren Voraussetzungen besser können. Aus diesem Grund erachte ich es als wichtig, dass wir uns wieder auf unser Kerngeschäft besinnen. Und das sind unsere wunderbaren Sammlungen.

Und was haben diese Sammlungen anderen Vermittlungsmöglichkeiten voraus?

Die Objekte in ihrer Bedeutungsvielfalt den Menschen nahe zu bringen – das macht den Reiz aus, weil andere nicht die Möglichkeit haben, die Objekthaftigkeit, die Materialität, die historischen Konnotationen und Erinnerungen, die an Objekten hängen, zu vermitteln. Das ist ein Weg, sich mit der analogen Welt, der faktischen Welt um sich herum zu beschäftigen. Und es ist auch ein Instrumentarium, das beispielsweise die Literatur, das geschriebene Wort nicht zur Verfügung hat. Um dies von der abstrakten auf die konkrete Ebene zu heben: Wir machen diese Erfahrungen mit unserem museumspädagogischen Projekt der „Megedeborch“. Wenn die Kinder und Jugendlichen vor dem Betreten der mittelalterlichen Welt ihre mobilen Endgeräte abgeben müssen, verfallen sie kurz in eine Schockstarre, sind danach aber so in das Projekt vertieft, dass sie den ganzen Tag nicht mehr daran denken. Das liegt in diesem Fall nicht vordergründig an der Objekthaftigkeit, sondern an der Interaktion – die Rahmenhandlung, der Bürgermeister, die Händler und Handwerker, die in der „Megedeborch“ eine Rolle spielen.

Dieses Prinzip lässt sich nicht immer auf andere Sammlungen und Ausstellungen anwenden …

Nein, nicht unbedingt. Das Problem ist, dass Museen in erster Linie als Orte der Verbote und Gebote wahrgenommen werden. Es gibt durch jede Ausstellung einen roten Faden – also einen bestimmten Weg, den man nehmen muss. Viele Objekte befinden sich in Vitrinen und bei den freistehenden achten Mitarbeiter in jedem Raum darauf, dass diese niemand anfasst. Und von diesem Image müssen wir weg. Es muss uns gelingen, das Museum als einen Ort darzustellen, an dem man sich gerne aufhält. Das schaffen wir jedoch nur, wenn wir selbst Brücken in die Öffentlichkeit bauen.

Und wie kann das am besten funktionieren?

Wir haben ein wunderbares Kuratoren-Team, Res-tauratoren, Präparatoren – sie alle tragen dazu bei, dass wir die Erfüllung der originären Museumsaufgabe gewährleisten können. Was wir aber verstärkt brauchen, ist ein gutes Team, das sich um die Öffentlichkeitsarbeit und die Museumspädagogik kümmert. Das hat sich in den vergangenen Jahren kontinuierlich entwickelt, wir haben in diesem Bereich Fortschritte gemacht und die Kolleginnen und Kollegen in diesem Team sind recht jung. Daher setze ich darauf, dass durch dieses Team die Neuorientierung beider Häuser – des Kulturhistorischen Museums und des Naturkundemuseums – gelingen wird.

Da Sie die beiden Museen, die sich unter einem Dach befinden, erwähnen: Gibt es einen spürbaren Unterschied, was die Akzeptanz der Besucher betrifft?

Ja, den gibt es durchaus. Das Naturkundemuseum ist die Institution, die sich sofort erschließt. Die Tiere sind für diverse Altersgruppen interessant. Da sie nicht lebendig sind und an Ort und Stelle verharren, kann man sie sich länger anschauen, Details wahrnehmen, sie genau studieren. Vor allem an Regentagen ist das Naturkundemuseum daher eine sichere Bank für Familien. Es sind einfache Erfahrungen, die aber im Gedächtnis haften bleiben und wir müssen auch in unseren anderen Sammlungen stärker vorantreiben, solche Möglichkeiten zu bieten – wie beispielsweise den Dachsbau im Naturkundemuseum, den vermutlich die meisten Magdeburger Kinder kennen.

Dabei dürfte es doch von Vorteil sein, dass sich die beiden Museen in einem Haus befinden …

Das ist eine glückliche Situation, die sich aus einem eher traurigen Zufall ergeben hat, weil das Museum für Naturkunde durch die kriegsbedingte Zerstörung im Kulturhistorischen Museum untergebracht wurde. Zwar gab es in der Zeit nach der Wiedervereinigung die Bestrebung, das Naturkundemuseum wieder in einem eigenen Haus unterzubringen. Dies scheiterte jedoch an den immensen Kosten, die dieses Unterfangen mit sich gebracht hätte. Heute sehen andere Kollegen und ich auch diese Gegebenheit als immensen Vorteil an, weil wir mit den beiden Einrichtungen unter einem Dach ein Angebot für die ganze Familie schaffen können. Diese Vielfalt ist ein großes Plus. Und die Möglichkeit, Themen gemeinsam zu behandeln ist ein weiteres großes Plus, das wir künftig auch stärker in den Fokus rücken wollen.

Welche Themen werden in den nächsten Jahren eine Rolle spielen?

Zunächst ist es unser Auftrag als Stadtmuseum, im regionalen und überregionalen Kontext darzustellen, wie hier Lebenswirklichkeit ausgesehen hat, was sich wie entwickelt hat. In der Zukunft – wie auch schon in der Vergangenheit – hat das Museum eine integrative Rolle. Alle Bewohner Magdeburgs sollen die Möglichkeit haben, sich mit ihrer kulturellen Umgebung zu beschäftigen. Und besonders gut eignet sich dafür eine Ausstellung, in der wir uns mit der DDR und der Nachwende-Zeit beschäftigen wollen. Diesbezüglich besteht in Magdeburg ein unglaublicher Gesprächsbedarf, wie wir festgestellt haben. 2025 soll dieses Projekt umgesetzt werden und für uns ist das gewissermaßen ein Novum, denn wir nehmen zum ersten Mal gelebte Geschichte in den Fokus und sprechen Menschen an, die vieles aus dieser Zeit selbst erlebt haben und Erinnerungen damit verknüpfen. Die Ausstellung soll aus diesem Grund auch in hohem Maße partizipativer Art sein.

Bis zum möglichen Kulturhauptstadt-Jahr ist allerdings noch etwas Zeit. Auf welche Ausstellung können wir uns in diesem Jahr freuen?

Als neues Format gibt es in diesem Jahr eine Intervention. Zwei Künstlerinnen haben sich mit Objekten aus unseren verborgenen Sammlungen beschäftigt. Zum einen sind das sechs Mustertafeln von koptischen Stoffen – aus dem 5. und 6. Jahrhundert –, mit denen sich eine Berliner Zeichnerin akribisch auseinandergesetzt hat. Nicht nur mit der Geschichte der Objekte, sondern auch damit, wer sie ausgegraben hat und wie sie nach Magdeburg gekommen sind. Zum anderen sind das Kunstknoten aus der Zeit der Renaissance, die man für Posamente genutzt, aber eben auch als Zierde an der Kleidung getragen hat. Und mit ihnen hat sich eine Braunschweiger Künstlerin beschäftigt.

Ab 30. Oktober zeigen wir dann „Magdeburger Gesichter des 19. Jahrhunderts“ – eine Ausstellung, die nicht so groß angelegt sein wird. Wir haben im Haus eine umfangreiche Porträtsammlung, die wir mittels eines Katalogs auch greifbar machen wollen und da spielen die Magdeburger natürlich eine besondere Rolle – auch wenn darin auch nur eine Facette der Magdeburger Gesellschaft abgezeichnet wird, nämlich die, die damals eines Porträts würdig waren und sich das leisten konnten.

Sind größere Projekte in naher Zukunft geplant?

Die Gründung des Prämonstratenser-Ordens, der vor 900 Jahren von Norbert von Xanten und dreizehn Gefährten in Prémontré ins Leben gerufen wurde, soll gefeiert werden. Dazu gibt es eine Sonderausstellung mit dem Titel „Mit Bibel und Spaten. 900 Jahre Prämonstratenser-Orden“, die in einem gemeinsamen Projekt mit dem Kloster Strahov entsteht. In Prag soll die Ausstellung im Frühjahr 2021 eröffnet werden, anschließend sind wir vom 10. September 2021 bis zum 9. Januar 2022 an der Reihe und abschließend wird die Ausstellung im belgischen Löwen gezeigt, das den Part übernimmt, den eigentlich Prémontré hätte spielen sollen. Dort gibt es jedoch kein Museum und keine Strukturen, die eine Ausstellung dieser Größe ermöglichen. Wir werden eine gemeinsame Kernausstellung haben, die an jedem der drei Standorte zu sehen sein wird und werden das jeweils mit einem regionalen Schwerpunkt ergänzen. Bei uns ist das der Landesausbau, bei dem die Prämonstratenser eine wichtige Rolle spielten, und ein Blick auf den Orden im Heiligen Römischen Reich des Mittelalters. Kloster Strahov richtet den Blick Richtung Osten und auf die spätere Zeit, während in Löwen die Gründungszeit und der Blick nach Westen im Fokus steht. Das wird ein interessantes Projekt, nicht nur wegen der Inhalte, sondern weil es länderübergreifend durchgeführt wird.

Chronik des Kulturhistorischen Museums Magdeburg

16. Dezember 1906 ­­– Das Kulturhistorische Museum Magdeburg wird als Kaiser Friedrich Museum gegründet und in der Kaiserstraße 96 eröffnet. Ablauf des Eröffnungstages: Eintreffen des Kronprinzen des Deutschen Reiches und von Preußen um 11 Uhr, Ansprache des Oberbürgermeisters Dr. August Lentze, Enthüllung des Kaiser-Friedrich-Denkmals und Besichtigung des Museums; erster Direktor des Museums: Kunsthistoriker Theodor Volbehr.

1907 – u.a. Albrecht Dürers Holzschnitt „Dreifaltigkeit“, Hans Thomas Triptychon „Die Quelle“, Max Liebermann „Judengasse in Amsterdam” und eine Marmorarbeit Auguste Rodins werden erworben.

1909 – Die Öffnungszeiten werden erweitert. Außer montags ist täglich von 11 bis 14 und von 15 bis 17 Uhr geöffnet.

1911 – Zum 5. Gründungstag des Museums werden Neuerwerbungen ausgestellt: Max Liebermann „Die Strandterrasse in Nordwijk“, Ferdinand Hodler „Der Genfer See“ und „Der Schweizer“, eine Bronzearbeit von August Gaul „Die Ziegen“.

Der Magdeburger Großindustrielle Albert Hauswaldt schenkt dem Museum testamentarisch seine Sammlung im Wert von 150.000 Mark, dazu ein Kapital von 50.000 Mark.

1912 – Der Verwaltungsausschuss nimmt die Vorlage für einen Ergänzungsbau an. In beiden Geschossen sollen je ein Raum hinzugefügt und die Fassade einheitlich gestaltet werden. Nachträglich bestätigt der Verwaltungsausschuss zudem den Ankauf des Gemäldes „Der Künstler auf dem Weg nach Tarascon“ von Vincent van Gogh.

1913 – Eröffnung der Räume für die Albert-Hauswaldt-Stiftung und Einweihung des Erweiterungsbaus mit dem von Familie Krupp von Bohlen-Halbach gestifteten Herrenzimmer. Das Museum verfügt nunmehr über 65 Schauräume.

1923 – Walther Greischel, zuvor Geschäftsführer des Kunstvereins, wird Museumsdirektor.

1931 – Oberbürgermeister Hermann Beims und Museumsdirektor Walter Greischel eröffnen im Magdeburger Saal eine Ausstellung zum 300. Gedenktag an die Zerstörung der Stadt.

1933 – Der Magistrat beschließt die Gründung eines stadtgeschichtlichen Museums.

Ein Verein zur Förderung der Stadtgeschichte und heimatlichen Volkskunde wird gegründet. 1. Vorsitzender: NSDAP-Oberbürgermeister Fritz Markmann.

1937 – Auf Veranlassung des Präsidenten der Reichskammer der bildenden Künste soll im Kaiser Friedrich Museum eine Kommission über „entartete und nicht entartete“ Kunstwerke entscheiden.

1940 – „600 Bilder aus sechs Jahrhunderten“ – eine Ausstellung mit Reproduktionen von Dürer bis Leibl, von Cranach, Holbein, Blechen bis Thoma, Böcklin, Feuerbach und Friedrich. Als Veranstalter treten u.a. die Deutsche Arbeitsfront mit der „Künstlerkameradschaft Magdeburg-Anhalt“ auf.

1944 – In der Nacht zum 21. Januar muss mit der Auslagerung der Sammlungen des Museums Domplatz 5 begonnen werden. Die Spiritussammlung hat bereits erheblichen Schaden genommen.

1945 – Durch Sprengbomben werden der Turm am Haupteingang und der Verwaltungsteil zerstört.

Inspektion der Außenlager Hundisburg (Totalverlust) und Bahrendorf sowie des Möbelaußenlagers Leitzkau (Totalverlust). „Besichtigungsfahrt“ mit der Kriminalpolizei nach Staßfurt. Reste der verschütteten Sammlungen werden ausgegraben.

Eine „Gruppe freier Künstler der Gewerkschaften“ bewahrt das Museum vor der völligen Zerstörung. Es fehlen Dachdecker, um das Dach abzudichten.

1946 – Nach 1945 birgt die Institution drei Museen: das Museum für Naturkunde und Vorgeschichte, das Museum für Kunst und Kunstgewerbe und das Museum für Stadtgeschichte.

Herbert Brüning wird als Direktor mit der Rückführung der Bestände und dem Wiederaufbau betraut.

1948 – Übergabe des Magdeburger Museums durch Stadtrat Heinrich Germer an die Bevölkerung mit 16 Räumen und Sälen für Dauerausstellungen.

1952-1962 – Der Wiederaufbau des Museums erfolgt nach Entwürfen von Faber und Degenkolbe.

1959 – Günther Lange wird zum neuen Direktor des Kulturhistorischen Museums ernannt.

1964 – Das Original des Magdeburger Reiters findet Aufstellung im Foyer.

1967 – Das Kloster Unser Lieben Frauen wird zum Kunstmuseum..

1977 –  erste Keramikausstellung der DDR

1988 – Eberhard Koch, einst Mitglied des Rates des Bezirks für Kultur, wird als Direktor eingesetzt.

1991 – Matthias Puhle wird Direktor der Magdeburger Museen. Es beginnt die Entflechtung und Neustrukturierung, Sanierung und Modernisierung.

1993 – Ausstellung: Sachsen-Anhalt. 1200 Jahre Geschichte – Renaissance eines Kulturraums – Kooperation mit dem Braunschweigischen Landesmuseum

2001 – 27. Europarats- & Landesausstellung „Otto der Große, Magdeburg und Europa“

2006 – 29. Europarats- & Landesausstellung „Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation 962-1806“; „100 Jahre Kulturhistorisches Museum 1906-2006“

2013 – Gabriele Köster wird Direktorin der Magdeburger Museen.

Quelle: „1906-2006 – 100 Jahre Kulturhistorisches Museum Magdeburg“ (Magdeburger Museumsschriften Nr. 9; Hrsg: Matthias Puhle, Magdeburger Museen, Kulturhis-torisches Museum 2006)

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