Bücher lesen : … und weg bin ich

Reisen verboten? Von wegen! Natürlich, im März hatten die Corona-Kontaktbeschränkungen begonnen, die Urlaub zunächst unmöglich machen sollten. Doch davon muss man sich nicht aufhalten lassen. Selbst von Quarantäne nicht. Oder gerade dann nicht. Reisen ist jederzeit möglich. Wer von zu Hause ausbrechen will, kann dies tun – mit literarischen „Reiseführern“. Schriftsteller laden die Gedanken zu Reisen ein, in andere Städte, ferne Länder, andere Jahrhunderte. Erschließen uns Welten, die uns fremd erscheinen und plötzlich ganz nah sein können.

Für die Älteren unter uns war das schon früher eine willkommene Möglichkeit. In dem Land mit den geschlossenen Grenzen flohen die Gedanken und Träume über Mauern hinweg in die Ferne. Jetzt führen sie hinaus aus der Quarantäne, aus der Ausflugsbeschränkung. Eine Vielzahl von Büchern lädt dazu ein – zum literarisch Reisen.

Natürlich kann man auch Filme anschauen. Filme unterhalten, können Zeit vertreiben. Doch letztlich bleibt man nur Betrachter. Filme lassen Figuren erstarren, geben ihnen ein festgelegtes Aussehen, das man fortan mit der Geschichte verbindet. Nehmen wir Erin Brockovich. Sehen wir dann nicht vor allem Julia Roberts, die sie im Film dargestellt hat? Selbst Dokumentationen, Reisereportagen bleiben die Erfahrung der anderen. Vielleicht geben sie Anregung für den nächsten, realen Urlaub. Weil die Sehnsucht verstärkt wird, nicht gestillt. Wir sehen, beobachten, erleben nicht.

Beim Lesen werden wir in die Geschichten hineingezogen. Die Fantasie des Literaten vermischt sich mit der eigenen. Es entspinnt sich ein „Kopfkino“, so facettenreich wie wir es wollen.

Ein gutes Buch lässt die Fantasie fliegen. Träumen. Fliehen. Ohne Grenzen. Fort. Durch Zeit und Raum hinweg. Alles ist möglich. Jedes Wort eröffnet unzählige Assoziationen. Das Geschriebene verbindet sich mit unseren Erfahrungen, mit unseren Interpretationen, Vorstellungen. Jede Geschichte gehört jedem Leser auf seine spezielle Weise. Wird durch das Lesen in uns zu einem einmaligen Erlebnis. Mit jedem Buch wird diese Welt bunter, vielfältiger, fantastischer.

Wir können mit Rilke durch Venedig reisen, mit Gondel und Vaporetto fahren, mit ihm über die Brücken gehen, an Häusern entlang, die plötzlich in einer ganz anderen Art erscheinen als wir es vielleicht schon gesehen haben. Wir wissen nicht, wie es dort um 1900 aussah, doch beim Lesen entspinnen sich Bilder, Vorstellungen, die uns verzaubern und so Einblicke ermöglichen, die uns beim bloßen Betrachten wohl nie aufgefallen wären.
Wir können Abenteuer erleben. Mit Carmen Rohrbach durch das „Reich der Königin von Saba“ reisen, auf Karawanenwegen durch den Jemen, ein Kamel an der Hand durch unbekannte Wüste. Ohne Hitze, ohne Sonnenbrand. Oder es geht unterhaltsam mit Dieter Moor durch die „arschlochfreie Zone“, gemeinsam auf der Suche nach einer neuen Bleibe im Brandenburgischen. Oder mit François Lelord auf „Hectors Reise“, auf die Suche nach dem Glück … Ebenso nimmt uns die Magdeburgerin Mady Host mit dem Zug mit auf Entdeckungen durch Europa.

Gern lasse ich mich von Buchhändlerin Ines Gand inspirieren, die regelmäßig in unserer Zeitung auf besondere Literatur hinweist, wie auch auf dieser Seite. Bereits mehrfach profitierte ich davon und entdeckte Schriften, die ich sonst wohl im Regal gelassen hätte. Wie „Der Fluss“. Mit dem Paddelboot durch Kanada? Peter Heller macht da-raus eine spannende Geschichte, bei der man das Gefühl hat, mit im Boot zu sitzen, die Natur mit ihren Gewalten zu erleben – ohne nass zu werden.

Reisen durch Länder, ohne Sprachprobleme. Ganz bequem zu Hause. Unabhängig von Wetterbedingungen, Lebensalter, Kondition. Nach ganz eigenem Tempo.

Literarisch reisen ist immer möglich, ohne Buchung, ohne Kofferpacken. Ich nehme mir einfach ein Buch – und weg bin ich. Birgit Ahlert

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