Dienstag, November 29, 2022

Bunte Nächte im grauen Alltag

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DDR – der ostdeutsche Staat steht in der historischen Einordnung für Einheitsbrei, Mangelwirtschaft, Verbote, eingeschränkte Freizeit-, Kultur und Jugendangebote. Ein Streifzug durch die Klubs offenbart eine lebendige Vielfalt für Leute, die auf der Suche nach Kunst, Musik und Tanztreffs waren.

Ein Montagabend, irgendwann in den 1980er Jahren. Gegen 19 Uhr musste man sich auf den Weg machen. Um 21 Uhr öffnete sich die Tür zum „Lindenhof“. „Schichtarbeiterball“ hieß das. Man stand eingezwängt in einer Traube von rund 100 Leuten. Vorn am Metallgitter stemmten sich junge Frauen und Männer gegen den Druck der Masse. Manchmal erhob sich Protestgeschrei, ein anderes Mal hörte man Schmerzlaute. Als sich die Tür endlich öffnete, ließen die Einlasser zunächst alle zurück treten. Einige hatten Glück und kamen mit dem ersten Schwung in den Laden, andere mussten vielleicht noch zwei weitere Stunden ausharren, bis sie Einlass erhielten. So oder so ähnlich lief das damals in vielen Magdeburger Klubs. Egal, ob Disko, Live-Musik oder Nachtbar – überall drängten Menschen in die Kultur- und Tanz-Etablissements der Stadt.
Wer damals dabei war, empfand die anstrengende Warterei als Ausdruck der Mangelwirtschaft, hält man sich jedoch heute die Anzahl und die vielen Angebote vor Augen offenbart sich Vielfalt. Jeden Tag konnte man etwas unternehmen. Was die musikalischen Genre hergaben, fand seine Zuhörerzahl. Live-Musik gehörte zur Würze der Zeit. Musik aus der „Konserve“ war eher verpönt.
In den 1950ern zog es Menschen wieder zum Vergnügen in die Tanzlokale. Mit den 60er Jahren schwappte die Beatmusik aus dem Westen über die Radioprogramme auch in die DDR. Bands griffen den Rock’n’Roll und den Beat auf und fanden schnell ihre Fangemeinden. Am 9. Januar 1965 wurde das legendäre Café „Impro“ in der Liebigstraße eröffnet und war fortan Anlaufpunkt für bekannte und neue Bands und ihr Publikum.
Als 1973 Staatsratsvorsitzender Walter Ulbricht verstarb, hatten viele das Gefühl, dass man im Kulturbereich mehr Möglichkeiten hatte, sich zu verwirklichen. Die Ausbürgerung Wolf Biermanns im Jahr 1976 machte manche Hoffnung zunichte. Dennoch entstanden vielerorts Initiativen, die dem DDR-Alltagsleben Farbtupfer verpassten. 
In den 1980er Jahren schossen in allen Stadtteilen Jugendklubs aus dem Boden. Für die sozialistischen Plattenbauviertel gab es gar einen Standardbau aus Betonteilen. Jungen Menschen war häufig egal, welchen Namen eine Einrichtung trug oder wo diese sich befand. Man machte sich auf den Weg und nahm jede Mühe in Kauf. Weite Wege, stundenlanges Warten, nächtliches Zurückkommen ohne Straßenbahn und Busse, vielleicht hatte man Glück eines der zahlreichen „Schwarztaxis“ zu ergattern. Die fuhren jedoch auch nicht ewig. Zwischen 1 und 2 Uhr waren die Klubs in der Regel dicht. In der „Scheibe“ oder im „TC“ konnte man am Wochenende länger verweilen. Wer das nötige Kleingeld hatte und als Mann mindestens ein Sakko trug, konnte es zu früher Stunde noch in der „Juanita Bar“ im damaligen Hotel International (an der Stelle heute das Maritim Hotel steht) versuchen.
Magdeburg hatte bis 1989 fast 50.000 Einwohner mehr. Das Fernsehprogramm beschränkte sich lange Zeit auf maximal fünf Sender, selbst private Festnetzanschlüsse waren Mangelware und viele heute selbstverständliche technische Selbstbeschäftigungsmöglichkeiten einfach noch nicht erfunden. Das Freizeitleben fand von Angesicht zu Angesicht statt.

Klub “Otto von Guericke” in der Hegelstraße
Publikum im Exlibris bei einem Scheselong-Konzert (Foto: Dietrich Bahß)

Bis auf die klassischen Diskotheken in den Jugendklubs und Tanzbars boten die meisten Klubs Live-Musik an. Das Repertoire reichte von Liedermacher über Jazz, Rock, Punk bis hin zu Tanzmusik und Schlagern. Daneben gab es auch noch jede Menge Live-Konzerte mit einer der zahlreichen DDR-Rockbands. Stadthalle, Hyparschale, AMO-Kulturhaus – das waren die Hallen für die größeren Rockkonzerte dieser Zeit. Die Magdeburger Szene war damals selbst reich an Musikern. Bands wie die „Klosterbrüder“ (später Gruppe Magdeburg), Gruppe „Reform“, „Kellergeister“, „Scheselong“, „Juckreiz“, „Reggae Play“ oder „Charlies Crew“ spielten auf. Anfang der 1980er Jahre setzte ein regelrechter Band-Gründungsboom ein. Im Klub „Otto von Guericke“ in der Hegelstraße (gleich neben dem damaligen Konservatorium) trafen sich Künstler, Intellektuelle und Leute, die auf künstlerischen Anspruch setzten. Um die Ecke war das Impro, seit Mitte der 1980er gab es über der Buchhandlung Heinrichshofen (Otto-von-Guericke-Str. 55) den Klub Hasselbachplatz, ein Platz für Kleinkunst, Lesungen und Alternativangebote. Ingrid und Dietrich Bahß hatten ihre Wohnung in der Hegelstraße 33 zu einer Galerie umfunktioniert. Hier las beispielsweise der Dramatiker Heiner Müller. Ingrid und Dietrich Bahß gehörten zu den Menschen, die unbequem waren und mussten das Konstrukt DDR nicht freiwillig verlassen.
Trotz dieser politischen Seite mit engagierten Leuten, die über bessere Wege diskutierten, die die DDR infrage stellten, aber einer Gesellschaft ohne Privateigentum dennoch den Vorzug gaben, wurde an vielen Stellen Spaß und Stimmung ausgelebt. Privates Kennenlernen und Dating musste man damals noch real miteinander austragen. Niemand konnte sich vor geschönten Fotos oder aufgehübschten Selbstbeschreibungen verstecken. Ein gegenseitiges Entdecken begann häufig mit einem Blickkontakt. In den 1980er Jahren etablierte sich mit einigen jungen Truppen der Breakdance in Magdeburg. Ulf Steinforth, der heute eher als Boxpromoter bekannt ist, bezeichnete sich damals schon als Manager von zwei Breakdance-Gruppen. Vor allem der Stadtteil Nord und der Club „Witwe Bolte“ galten als Mekka der Breakdancer.
Zur DDR-Zeit gehörte, dass überall geraucht wurde. Wer reden wollte, rauchte. Alkohol war der Treibstoff eines jeden Abends. Jede Lokalität war von blau-grauen Dunstwolken aus Zigarettenqualm und vom Duftaroma von abgestandenem Bier durchtränkt. Die Häuserfassaden in der Altstadt mögen grau bis schwarz, heruntergekommen und teils verfallen gewesen sein, in den Menschen dieser Jahre pulsierte dennoch jugendliche Energie, Entdeckungslust und Sehnsucht nach fremder Haut, man wollte laute Musik, in der Nacht den Alltag vergessen und sich von anderen inspirieren lassen. Hier grassierte nur der ganz normale Wahnsinn seiner Zeit. Ein Abend mit kulturellem Genuss, tanzender Zerstreuung kostete oft den Aufwand eines Acht-Stunden-Tages. Wer das Vergnügen oder die Zerstreuung suchte, kam nach getaner Arbeit in die zweite Schicht, weil die Wege lang waren und das Warten, bis man eingelassen wurde, oft eine Ewigkeit dauerte.

Publikum im Exlibris bei einem Scheselong-Konzert (Foto: Dietrich Bahß)
Bluesmusiker Jürgen Keith im Klub Hasselbachplatz (Foto: Wenzel Oschington)

Text: Thomas Wischnewski, Seite 16-17, Kompakt Zeitung Nr. 220

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