City-Sanierung und moderne Platten in Magdeburg

Vor 70 Jahren begann der Neuaufbau Magdeburgs. Eine kleine historische Reise durch Magdeburgs Architekturgeschichte

Wie in vielen anderen Städten in Deutschland auch, verschwand in Magdeburg das historische Stadtbild im Bombenhagel der Alliierten Streitkräfte am 16. Januar 1945. Der Angriff war der bei weitem schwerste von insgesamt 38 Luftangriffen der Alliierten auf Magdeburg bis zum Kriegsende. Insgesamt 371 Flugzeuge warfen ihre todbringende Fracht um 21:28 auf die Innenstadt ab. Nur 39 Minuten später waren 90 Prozent der Innenstadt zerstört. Die acht Quadratkilometer große Fläche zwischen Hasselbachplatz, Hauptbahnhof, Alter Neustadt und Elbe lag nach dem Angriff in Trümmern und brannte noch mehrere Tage.

Mai 1951: Hammerschläge zur City-Sanierung
Nach der Trümmerbeseitigung definierten die Magdeburger den Wiederaufbau der zerstörten Altstadt als ihre wichtigste Aufgabe. Mit symbolischen Hammerschlägen leitete Oberbürgermeister Phi-lipp Daub am 1. Mai 1951 am Komplex Breiter Weg / Ecke Bärstraße den Neuaufbau ein. Das Stadtoberhaupt rief die Bevölkerung dazu auf, Arbeit zu leisten, die mit Sonderzuteilungen an Lebensmitteln und Konsumgütern verbunden war. Außerdem konnten sich Bürger durch Aufbaustunden eine Wohnungszuweisung „verdienen”. Das funktionierte. Bereits ein Jahr später war im Zentrum der erste Neubau nach Kriegsende bezugsfertig. Nach den Vorstellungen von Walter Ulbricht, dem damaligen Generalsekretär der SED, sollte Magdeburg nach Stalinistischen Architekturkonzepten aufgebaut werden. Diese sahen große Demonstrations-Achsen, überdimensionale Repräsentationsräume und großzügig geschnittene Wohnungen vor und wurden mit dem Bau der Ost-West-Achse (spätere Wilhelm-Pieck-Allee) durchgesetzt. Als Chefarchitekt von Magdeburg zeichnete Johannes Krämer für die pompösen „Stalinbauten” im „Zuckerbäckerstil” verantwortlich. Der Grundstein für den Aufbau des zentralen Platzes wurde am 10. Mai 1953 gelegt. Am Rande der Feierlichkeiten erreichte die Stadt die Mitteilung vom Ministerrat der DDR, dass Magdeburg im Rahmen des „Nationalen Aufbauwerkes” stärker finanziell gefördert werde. Dies bedeutete neben der Schaffung von Wohnraum auch den Auf- und Umbau von Sport- und Kulturstätten.
Magdeburg, traditionell eine Hochburg des Sportes, hatte durch Zerstörungen im Krieg einen Teil seiner Sportstätten verloren. Viele sollten wiederaufgebaut werden. So öffnete im Herbst 1949 das Wilhelmsbad unter dem Namen Stadtbad wieder. Im Herbst 1950 feierte die Betriebssportgemeinschaft Börde die Einweihung des Bauarbeiterstadions an der Diesdorfer Straße. Und im August 1952 konnte nach einjähriger Rekonstruktion der Sportplatz am Königsweg wieder genutzt werden. Die Sportstätte trägt mit Wiedereröffnung den Namen Heinrich-Germer-Stadion. Für die kulturhungrigen Magdeburgerinnen und Magdeburger eröffnete im November 1949 der Kristallpalast und ein Jahr später das Zentraltheater unter dem Namen „Maxim-Gorki-Theater” nach umfangreichen Umbauarbeiten. Am 7. November 1951 eröffnete das AMO-Kulturhaus (AMO – Administrative Militär Organisation) in der Erich-Weinert-Straße. Das Haus wurde von der SMAD für die Arbeiterinnen und Arbeiter der damaligen SAG-Betriebe erbaut. Es war der erste Kultur-Neubau in Magdeburg und bot ein breites Spektrum an Veranstaltungen. Wichtigstes Verkehrsprojekt dieser Zeit: Die Fertigstellung der „Wilhelm-Pieck-Brücke”, des ersten Brücken-Neubaus der DDR (1952).

Anfang der 1960er Jahre richteten die Stadtplaner ihr Augenmerk auf den Neubau in der Magdeburger Innenstadt. Wichtiger Schritt zur Belebung: die Übergabe des Jakobstraßen-Komplexes mit mehr als 2.000 Wohnungen. Zeitgleich entstand im „Nordabschnitt” der damaligen Karl-Marx-Straße eine der modernsten Einkaufs- und Wohnstraßen der DDR. Zum Unverständnis vieler Elbestädter hatten die Stadtoberen bereits 1953 den traditionsreichen Breiten Weg nach dem Vater des Kommunistischen Manifests, Karl Marx, benannt. Die Anlage des Gebietes zwischen dem Boleslaw-Bierut-Platz (heute Uniplatz) und der Wilhelm-Pieck-Allee (heute Ernst-Reuter-Allee) erfolgte entsprechend den damaligen Vorstellungen von Weite und Großzügigkeit als 70 Meter breiter und 800 Meter langer Fußgängerbereich. Anstelle der unter Protesten abgerissenen Katharinenkirche entstand zwischen 1969 und 1970 im Nordabschnitt eine neue Höhendominante: das Haus der Lehrer, der heutige Katharinenturm. Auf dem Nordabschnitt waren drei Kaufhäuser angesiedelt: im nördlichen Teil das Kaufhaus „Olympia”, ein Sportspezialgeschäft, und an der Ecke Julius-Bremer-Straße ein Kinderkaufhaus. 1973 eröffnete direkt gegenüber das Centrum-Warenhaus, das zweitgrößte seiner Art in der DDR.

Mai 1971: Spatenstich für Stadtteil Reform
Anfang der 1970er Jahre erstaunte ein politisch-ökonomischer Kurswechsel die Menschen in der DDR. Die Entmachtung des bisherigen Generalsekretärs des ZK der SED Walter Ulbricht hatte die neue Phase eingeleitet: Hinter vorgehaltener Hand hatten die Menschen Ulbricht für die Versorgungs- und Produktionsengpässe verantwortlich gemacht, die Ende der 1960er Jahre das Leben im Land gelähmt hatten. Am 5. Mai 1971 übernahm Erich Honecker die Parteiführung. Einen Monat später verkündete er auf dem VIII. Parteitag der SED (Foto links unten) die Hauptaufgabe der nächsten Jahre: Erhöhung des materiellen und kulturellen Lebensniveaus. Das Wohnungsbauprogramm für den Fünfjahrplanzeitraum der Jahre 1971 bis 1975 sah den Neubau von insgesamt 500.000 Wohnungen in der DDR vor.

Auch in Magdeburg blieben die Pläne der „Partei- und Staatsführung” nicht ohne Folgen. Mehr als 25 Jahre nach Kriegsende lebten viele Elbestädter in katastrophalen Wohnverhältnissen. Die sanitären Anlagen entsprachen in den wenigsten Fällen modernen Ansprüchen. Jeder dritte Haushalt war lediglich mit einem Außen-WC, nur jeder vierte mit Wasseranschluss in der Wohnung ausgestattet. Innerhalb der nächsten zwanzig Jahre sollten jährlich 2.000 Wohnungen im Bereich um den Hasselbachplatz, in Brückfeld, auf dem Werder, der Neuen Neustadt und in Buckau abgerissen werden. Zur Entspannung der Situation auf dem Wohnungsmarkt entstanden Pläne zur Anlage großer Neubau-Siedlungen in den Stadtrandgebieten. Im Mai 1971 war es so weit: Im Süden Magdeburgs, im Stadtteil Reform, erfolgte der Spatenstich für die erste Plattenbausiedlung der Stadt. Bis 1975 entstanden hier auf der ehemaligen Flur Hundertmark 5.000 Wohnungen, ausgestattet mit dem modernsten Komfort der damaligen Zeit wie Innentoilette, Warmwasser, Balkon und Durchreiche.

Februar 1981: Sibirien trifft Magdeburg
Was hat Magdeburg mit Sibirien zu tun? Eine Menge. Denn in den 80er Jahren entstehen zeitgleich an Elbe und an der Wolga Neubaukomplexe; deutsche und sowjetische Architekten arbeiten trotz der großen Entfernung eng zusammen. Und das Magdeburger Ergebnis dieser Kooperation hat einen Namen: Neu-Olvenstedt. Die Grundsteinlegung für das größte Magdeburger Neubaugebiet erfolgte im Februar 1981. Bereits 1976 begannen die Überlegungen zu einem neuen Wohngebiet. Denn die bisherigen Projekte in Reform, Nord und Kroatenweg hatten den Bedarf an Wohnraum bei weitem nicht abdecken können. Ausschlaggebend in der Standortfrage war der Ausbau des Kraftwerks Rothensee. Daher entschied sich die Stadt für das Gebiet im Nordwesten, nahe dem Dorfkern von Alt-Olvenstedt. Das neue Wohngebiet veränderte die Struktur von Magdeburg erheblich: Die bis dahin selbstständige Gemeinde Olvenstedt (Eingemeindung 1979) wuchs mit dem Stadtgebiet zusammen. Zeitgleich zu dem Magdeburger Wohngebiet entstand in der sowjetischen Stadt Gorki (heutiges Niznij Nowgorod) ein ähnlicher Neubaukomplex. Ein reger fachlicher Austausch zwischen den Architekten prägte die Bauphase. Dieser Zusammenarbeit widmete die Stadt im ers-ten Bauabschnitt den Straßennamen nach der Stadt an der Wolga – den Gorkiplan. Zum Jahresende 1981 wurden die ersten 166 Wohnungen an Mieter übergeben. Nur hatten die Anwohner bis Mitte der 1980er Jahre mit fehlender Infrastruktur und unausgebauten Straßen zu kämpfen. Gegen Ende der 1980er Jahre entwickelte sich das Stadtgebiet zu einem der modernsten in der DDR. Der Bau von „Neu-Olvenstedt” gliederte sich bis 1990 in fünf Abschnitte mit vorwiegend fünf- und sechsgeschossigen Gebäudetypen. Zwischen den Wohnquartieren entstanden verkehrsfreie, begrünte Innenbereiche. An der 2,5 Kilometer langen Fußgängerzone siedelten sich Versorgungsbereiche und kulturell genutzte Gemeinschaftseinrichtungen sowie Gaststätten an. Zudem wurden eine Schwimmhalle, vier Kaufhallen und die Ladenstraße Olven 1 gebaut. Bis zur Wende lebten mehr als 32.000 Einwohner im Wohngebiet. Nach 1990 geriet „Neu-Olvenstedt” durch zunehmende Gewaltbereitschaft einiger weniger Bewohner in die Negativschlagzeilen. Konsequenz: der Wegzug vieler Mieter. 2002 bezog die Stadt Magdeburg den Stadtteil in das Programm „Stadtumbau Ost” ein und begann mit dem Rückbau und Abriss leerstehender Wohnungen und ganzer Wohnblöcke. Heute entstehen auf den einstigen Grundstücken der Plattenbauten schmucke Einfamilienhäuser.

Trotz der neu entstandenen Plattensiedlungen löste sich das Wohnungsproblem Anfang der 1980er immer noch nicht. 1981 standen mehr als 40 Prozent der Wohnungen im Bereich des südlichen Stadtzentrums leer. Nachdem die Stadt noch 1976 einen weitgehenden Abriss der Häuser aus der Gründerzeit angedacht hatte, entwickelte sie fünf Jahre später Pläne zum Erhalt der Altbausubstanz. Die Wohn- und Geschäftshäuser um den Hasselbachplatz waren zwischen 1870 und 1890 entstanden. Von den Bomben des Zweiten Weltkriegs weitgehend verschont, verfielen sie zu DDR-Zeiten zunehmend. Durch Rekonstruktion und gezielte Modernisierungsmaßnahmen wollte die Stadt das Quartier nun aufwerten. Die Pläne sahen den Abriss von Hinter- und Seitengebäuden zugunsten von gestalteten Freiflächen vor. Die Baulücken schlossen Plattenbauten, die jedoch trotz postmoderner Gestaltungselemente wie Ziergiebel, Erker, Loggia und besondere Fensterelemente nicht in das historisch gewachsene Bild passen wollten. Zum Anlass der 21. Arbeiterfestspiele der DDR im Juni 1986 in Magdeburg spendierte die Stadt den Fassaden der Altbauten am Hasselbachplatz einen neuen Anstrich.