Dienstag, November 29, 2022

Coming-Out im Wüstensand?

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Das öffentliche Bekenntnis des Leipziger Bundesliga-Handballers Lucas Krzikalla, homosexuell zu sein, hat die Diskussion um Homophobie im Sport neu entfacht.

Vor knapp einem Monat sorgte das Coming-Out des Leipziger Bundesliga-Spielers Lucas Krzikalla für Schlagzeilen in der Handballszene – und darüber hinaus. „Vielleicht wird es den einen oder anderen ermutigen, offener damit umzugehen und kein Versteckspiel mehr zu betreiben“, hatte Krzikalla seine Entscheidung begründet. Das Echo – zumindest das öffentlich geäußerte – auf den Schritt des ersten männlichen Profihandballers, der sich während seiner aktiven Karriere outete, fiel durchweg positiv aus. Im Verein, bei den Mitspielern, in den Medien. Die Frage, wie er zu Krzikallas Outing stehe, beantwortete Handball-Bundestrainer Alfred Gislason dieser Tage so: „Ich finde es mutig von ihm, aber ich finde es auch ganz normal. Das ist der Sport, das andere ist sein Leben. Und ich bin dafür ganz offen. Ich denke, der Handball ist da insgesamt offen.“
Doch in weiten Teilen des professionellen Mannschaftssports, so scheint es, ist Homosexualität vorerst weiter ein Tabuthema. Etwas, das mit spitzen Fingern angefasst wird. Das gilt gerade für den Fußball, wo das Coming-Out von Ex-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger nun schon über acht Jahre zurückliegt. Er war damals der erste prominente deutsche Profifußballer, der öffentlich erklärte, homosexuell zu sein. Er ging diesen Schritt allerdings erst, nachdem er seine Laufbahn beendet hatte. Diejenigen, die es ihm möglicherweise nachtaten, sind wahrscheinlich an den Fingern einer Hand abzuzählen. In die Öffentlichkeit drang es nicht. Es herrscht weiter Unsicherheit.
Kapitänsbinden und Eckfahnen in Regenbogenfarben, ein paar abgelesene Worte vor dem ein oder anderen Bundesligaspiel – viel mehr ist seit Hitzlspergers nicht passiert. Denn alle wissen: Fußball ist ein extremes Macho-Geschäft. Keiner will Schwäche zeigen oder eine Angriffsfläche bieten, sondern als hart gelten. Oft ist es Unsicherheit, die mit diesem Gehabe kaschiert wird. Man suggeriert Stärke, wo keine ist. Dass da einer den Mut hat, zu sagen: Ich bin schwul, das erfordert einiges. Und es ist noch gar nicht allzu lange her, dass der frühere Kapitän der Nationalmannschaft, Philipp Lahm, in seinem Buch Bundesligaspieler sogar vor den Gefahren warnte, sich zu outen. 
Das deutsche Fußball-Magazin „11 Freunde“ veröffentlichte im Februar 2021 eine Liste mit 800 Fußballerinnen und Fußballern, die unter dem Hashtag „Ihrkönntaufunszählen“ öffentlich Stellung bezogen und in einer gemeinsamen Erklärung schrieben: „Die Angst, nach einem Coming-out angefeindet und ausgegrenzt zu werden und die Karriere als Profifußballer zu gefährden, ist offenbar immer noch so groß, dass schwule Fußballer glauben, ihre Sexualität verstecken zu müssen. Wir werden euch unterstützen und ermutigen und, falls notwendig, auch gegen Anfeindungen verteidigen. Denn ihr tut das Richtige, und wir sind auf eurer Seite.“
In der Zeitschrift „Der Sportpsychologe“ schrieb Prof. Dr. René Paasch von der Deutschen Hochschule für Gesundheit und Sport in Unna zum Thema Outing: „Der Grund, warum Profi-Fußballer*innen nicht offen schwul leben können, ist aus meiner Sicht eine Mischung aus den alten Denkweisen und -strukturen sowie dem Marktwert des Spielers bzw. der Spielerin. Fußball ist ein globales Geschäft und ein/e Fußballspieler*in, der/die Karriere machen will, würde seinen Marktwert dadurch gefährden. Insider bestätigen dies.“ Und es gehe noch weiter, so Paasch. „Ein mir bekannter Funktionär und Spielerberater berichtete mir, dass es für homosexuelle Spieler zwischen der Bundesliga und der Dritten Liga gängige Praxis sei, zur Tarnung Schein-Beziehungen mit Frauen zu führen. Diese Spielerfrauen würden zum Teil sogar von Agenturen vermittelt.“ 
„Es wird Zeit“, schrieb die „Neue Zürcher Zeitung“ zur Homophobie im Sport, „dass er sich den gesellschaftlichen Entwicklungen nicht länger entzieht.“ An ihn werde der Anspruch gestellt, dass er in der Gesellschaft eine Vorbildfunktion ausübt. „Der Profisport, die Speerspitze des Metiers, müsste da eigentlich ein leuchtendes Vorbild sein. Doch dort, wo am meisten Geld umgesetzt wird, ist das Gegenteil der Fall: Er ist in seiner sozialen Entwicklung stehen geblieben; nur die Umsätze werden immer grösser.“
Die Vergangenheit ist eben längst noch nicht vorbei. Jene Zeiten, als ein Rudi Assauer, der verstorbene langjährige Manager von Schalke 04, einmal verriet, sollte sich ein Spieler ihm gegenüber outen, würde er sagen: „Du hast Mut bewiesen. Aber wir sollten etwas anderes für dich finden.“ Denn Schwule würden „von ihren Mitspielern und von den Leuten im Stadion lächerlich gemacht. Diese Hetzjagd sollte man ihnen ersparen.“
Und Brian Clough, eine der Trainer-Ikonen im englischen Soccer, beschimpfte in den frühen 1980er Jahren Justin Fashanu als „Schwuchtel“. Nachdem Clough herausgefunden hatte, dass der Stürmer die Schwulenbars Nottinghams frequentierte, ließ er Fashanu von der Polizei vom Vereinsgelände führen. Fashanu outete sich 1990, er war ein Pionier. 1998 beging er nach einem Vergewaltigungsvorwurf und medialen Vorverurteilungen Suizid. Joseph Blatter, der frühere Präsident des Weltverbandes Fifa, riet gleichgeschlechtlichen Paaren unmittelbar nach der umstrittenen WM-Vergabe an Katar, wo Homosexuelle mit Verfolgung und extrem hohen Strafen rechnen müssen, dort „auf sexuelle Aktivitäten zu verzichten“. Der ehemalige brasilianische Nationaltrainer Luis Felipe Scolari erklärte, er würde einen schwulen Spieler sofort aus dem Team werfen.
Die Denkmuster von Blatter, Assauer und Co. mögen von vorgestern sein, doch sie sind der Nährboden für Probleme, die bis heute bestehen. Rassistische und homophobe Schlachtrufe sind auf den Tribünen dieser Welt weiter Usus, die Suchmaschine spuckt Fälle fast im Tagestakt aus. „Und damit sich endlich etwas ändert, müssen wir Profisportler jetzt auch selbst etwas unternehmen“ forderte jetzt Krzikalla. „Die Veränderung muss auch von innen kommen, aus dem Sport selbst”, sagte der 28-Jährige vom SC DHfK Leipzig in einem Interview der „Welt am Sonntag“. „Nach Jahren der Diskriminierung haben wir, wenn wir alle den Mut haben, jetzt die Chance, tatsächlich ein für alle Mal etwas zu ändern. Jedes Coming-out ist eine große Befreiung.”
Im Frauenhandball ist man im Umgang mit Homosexualität einen Schritt weiter. Der Weg dorthin war allerdings lang. Das weiß niemand besser als die frühere Nationalspielerin Renate Wolf.  In den achtziger Jahren war sie eine der besten deutschen Handballerinnen. “Ich habe mich über das Outing von Lucas sehr gefreut, und mit Blick auf meine eigene Geschichte hat es mich berührt”, erklärt die heute 65-jährige gegenüber dem Online-Portal „handball-world“ mit Blick auf Krzikalla. „In den achtziger Jahren war ich eine Exotin.” Die Kreisläuferin wurde damals, in der Hochphase ihrer Karriere, aufgrund ihrer Homosexualität ausgegrenzt – und das beim Nationalteam.“ Heute sind homosexuelle Spielerinnen weitgehend akzeptiert. Das gilt auch für den Fußball: Im Spitzenteam des VfL Wolfsburg gibt es, wie zuvor schon einmal beim FC Bayern, sogar ein kickendes Ehepaar.
Kurz noch einmal zurück zu den Männern. Im Dezember 2016 feierte der britische Film „The Pass“ Weltpremiere, er handelt von einer Romanze zwischen schwulen Fußballern. Produzent Duncan Kenworthy zeigte sich damals überzeugt, dass das Outing eines Premier-League-Akteurs unmittelbar bevorstehe und das „die Schleusen öffnen“ werde: „Die Sponsoren werden sich förmlich auf den Pionier stürzen.“ Die Aussagen stammen aus dem ersten Halbjahr 2017. Kenworthy hat sich gründlich verrechnet. Wir schreiben den Herbst 2022, geändert hat sich nichts.
Hoffnungen verbinden sich nun ausgerechnet mit der bevorstehenden WM. Englands Kicker-Legende Gary Lineker (der mit dem Spruch „… und am Ende gewinnen immer die Deutschen“ in die Fußballgeschichte einging) hat da eine, wie es scheint, besonders raffinierte Idee. Gerade beim Top-Event im homofeindlichen Gastgeberland Katar sollten Spieler den Schritt in die Öffentlichkeit wagen. Der britischen Boulevardzeitung „Daily Mirror“ sagte er: „Jetzt, wo alle auf Katar schauen, gibt es keine bessere Zeit für schwule Fußballer, sich zu outen und ein Land zu beschämen, in dem gleichgeschlechtliche Aktivitäten ein Verbrechen sind.“ Er kenne schwule Premier-League-Spieler, die kurz davor gestanden hätten, sich zu ihrer sexuellen Orientierung öffentlich zu bekennen. „Es wäre großartig“, so der 61-Jährige, „wenn einer oder zwei von ihnen während der WM ihr Coming-out hätten.“

Text: Rudi Bartlitz, Seite 24, Kompakt Zeitung Nr. 220

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